Sturmgerede

Die Lecture-Performance «Die Mondmaschine» von «Mass und Fieber (Ost)» erinnert an die Vorgehensweise von «The Yes Men», die erstmals 2005 im Film von Dan Ollman und Sarah Price einer etwas bereiteren Öffentlichkeit ins Bewusstsein gebracht wurde.

 

Furchterregend bleichgeschminkt und mit einer Aufsetzfrisur, die an Futurismusvorstellungen der 1980er-Jahre erinnert, steht Antonia Labs im Hörsaal Winkelwiese und setzt zu ihrem Referat an. Klassisch mit Pültchen vor und Projektionsfläche hinter sich. In schickem Dress und geschliffener Sprache spricht sie über die Mondlandung, Cyborgs, Bakterien, versetzt ihre Thesenherleitung mit allerhand Namedropping und Zahlenfutter, flicht Zitate ein, erweitert die Betrachtungen einer allgemein für real genommenen Realität um dieselbe formale Bandbreite aus Film und Fernsehen mit dem gemeinsamen Subjekt der Science-Fiction und suggeriert damit, an nichts Geringerem interessiert zu sein als einer Weltenformel.

 

Der Text von Brigitte Helbling geht davon aus, dass wie in einem Hörsaal das Publikum entweder thematisch ausserordentlich gebildet ist, oder – und da käme die Yes Men-Methode zu ihrer Anwendung – schlechterdings nichts anderes kennt, als alles kritiklos in sich aufzusaugen, was von der Lehrperspektive wortreich auf sie einprasselt. Und sorgsam alles integral notiert oder memoriert. Die Geschwindigkeit und Eloquenz der Lehrfigur ist dabei gleichermassen entscheidend für einen Erfolg wie die demonstrierte Überzeugungskraft in Worten und noch viel stärker in Gesten und Mimik.

 

«Die Mondmaschine» belässt es aber nicht dabei, sondern hintertreibt die ursprünglich als Absicht erkennbare Methode durch einen Bruch. Die Professorin verlässt den Raum, woraufhin eine Höllenmaschine sich in Bewegung zu setzen beginnt. Aus Leuchtstäben wird durch geschwindes Drehen eine Oberfläche, worauf Bilder erscheinen, als wären es Hologramme. Diese Kreismaschine lässt Ahnungen einer Manipulation durch Hypnose aufkommen, was die bisherige Nahezuüberanstrengung durch ein hochgetaktetes Sturmgerede in Richtung einer Skepsis verkehrt. Das Gefühl manifestiert sich als richtig, als Antonia Labs in Privatmontur wieder auf die Bühne tritt und sich wortreich darüber beklagt, sehr wohl in der Lage zu sein, jede Rolle auf einer Bühne glaubhaft ausfüllen zu können und trotzdem von Regisseuren (hier: Niklaus Helbling) dazu genötigt zu werden, sich mit Minirollen und im Regelfall leicht dümmlichen Körpereinsätzen seinen genialischen Einfällen unterzuordnen, die sie als Profi für höchst fragwürdig, wenn nicht gleich für hochnotpeinlich und das Publikum an der Nase rumführend halte. Mit ihrem Beispiel der «Medea» und der darin vorkommenden Argonauten bleibt sie oberflächlich betrachtet dem Vortragsthema durchaus treu. Mit ihrem Aussetzer aber der als privat verkauften Meinungsäusserung über sich als Darstellerin ermöglicht sie den ZuhörerInnen auch, sich von der annähernden Gehirnwäsche dieses einstudierten Referats zu distanzieren und damit zu erkennen, worums hier eigentlich wirklich geht. Die Beweisführung, dass es ginge, wenns denn gewollt wäre.

 

«Die Mondmaschine», 11.10., Winkelwiese, Zürich.

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