Wenn Kultur zum Schimpfwort wird

 

Immer wieder haben Kulturschaffende der Gesellschaft einen kritischen Spiegel vorgehalten und wurden Werke heftig diskutiert. Nun ist ein neuer Trend auszumachen: Kultur wird als grundsätzlich überflüssig und störend wahrgenommen. Kulturschaffende sind schon bald in einem Topf mit den Gutmenschen der Migrationspolitik oder im Ökobereich. 

 

Matthias Erzinger

 

Dass insbesondere im rechten und konservativen Spektrum Politisierende gerne bei der Kultur sparen, ist altbekannt. Vor allem beim zeitgenössischen Kulturschaffen. In den letzten Wochen sind mir aber verschiedene Beispiele aufgefallen, bei denen es nicht um gesellschaftskritisches Kulturschaffen ging, sondern der Begriff Kultur schlechthin zu einem negativen Reizwort geworden ist und für breite Teile der Bevölkerung nicht mehr nur einen allenfalls vernachlässigbaren Luxus darstellt, sondern im Gegenteil sogar immer gehässigere Reaktionen auslöst:

  • In Winterthur lehnten die reformierten Stimmberechtigten einen Kredit für einen Pilotbetrieb in einer Quartierkirche ab, in der neue Formen der Zusammenarbeit von Theologie und Kulturschaffenden ausgelotet werden sollten. Der vergleichsweise bescheidene Aufwand, um etwas Neues zumindest mal auszutesten, wurde durch einen Teil der Kirchenpflegen rabiat bekämpft und abgelehnt. Wobei hier zum Wort Kultur als Synonym für elitäre Geldverschwendung auch noch die grosse – wenn auch unbegründete – Angst hinzukam, dass die geplanten Aktivitäten traditionelle kirchliche Aktivitäten konkurrieren würden. Lieber verkauft man eine Kirche, als etwas Neues zu versuchen.
  • In Marthalen wurde der Erhalt eines gemeindeeigenen Lokals von der SVP und FDP bekämpft und abgelehnt: Man solle die Liegenschaft verkaufen, weg mit den Kulturaktivitäten. Kleinkunst braucht es auf dem Lande nicht. Die Gemeindeversammlung stimmte dem Verkauf zu.
  • Im Zürcher Kantonsrat stimmte sogar die FDP mit der SVP für eine Kürzung der Mittel für das Opernhaus Zürich – und für einmal waren es Linke, die sich für das Opernhaus stark machten –, vergeblich.

Ganz zu schweigen von den Ausgaben für «Kunst am Bau», die gemeinhin als unnötig bezeichnet werden – und sogar zu Widerstand führen, wenn sie von Privaten aufgewendet werden, wie zuletzt am Meierhofplatz in Höngg oder vor zwei, drei Jahren in Wald, wo sie zu einer hitzigen Gemeindeversammlung führten. Die Liste liesse sich beliebig verlängern.

 

Kulturschaffende als Schmarotzer?

Natürlich lässt sich in jedem einzelnen Fall durchaus eine Debatte führen – aber es zeigt sich an diesen Beispielen letztlich, dass für einen relevanten Teil der Bevölkerung Kultur zu einem Schimpfwort geworden ist. Kultur bringt nicht nur nichts, nein, sie nimmt mir etwas weg, zum Beispiel durch Kürzungen im Sozialbereich. «Kulturschaffende sind Schmarotzer» und stellen unsere Werte in Frage – auch wenn das hiesige Kulturschaffen ja doch in weiten Teil sehr unpolitisch und sicher nicht wahnsinnig revolutionär agiert… Es interessiert gar nicht, ob Kulturschaffen gesellschaftskritisch ist oder nicht.

 

Pauschale Ablehnung

Natürlich ist die Auseinandersetzung um Kultur nicht neu. Doch es geht um einen neuen Trend: es geht nicht mehr darum, über Kultur oder einzelne Werke zu diskutieren und sich damit auseinanderzusetzen, sondern Kultur – was immer auch darunter verstanden wird – wird pauschal und grundsätzlich abgelehnt. Weg damit. Egal, was in der Verpackung Kultur drin ist. Schon längere Zeit gilt multikulturell als Schimpfwort (nicht mehr nur bei den 30 Prozent SVP Wählenden» – und diese Verbindung ist mit ein Grund, warum immer mehr zeitgenössisches Kulturschaffen negativ konnotiert ist.

Steter Tropfen höhlt den Stein: Zwar betonen Politikerinnen und Politiker immer wieder die Wichtigkeit von Kultur für die Gesellschaft, werden Kulturinstitutionen als positive Standortfaktoren gelobt und umworben. Gleichzeitig hat die «Kulturwirtschaft» nicht nur den Zugang im Alltag bei breiten Bevölkerungskreisen verloren, sondern wird als arrogant, überheblich und schmarotzerhaft wahrgenommen. Die schon lange in den politischen Finanzdebatten geführte Desinformation und Propaganda gegen zeitgenössisches Kulturschaffen zeigt immer deutlicher Wirkung. Zwar sind alle für Kultur – aber eben immer nur gerade für ihr eigenes, enges Schublädchen – alles andere ist überflüssig, vernachlässigbar.

 

Kontraproduktive Abschottung

Es ist zu einfach, die Schuld für diese Entwicklung nur auf die rückwärtsgewandte Klientelpolitik von Sparpolitikern abzuschieben. Die kulturelle Vielfalt, die als Folge des Aufbruchs der siebziger und achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts entstanden ist, findet in mehr und mehr geschlossenen Szenen und Lebensumfeldern statt.

Selbstverständlich gibt es auch die Ausnahmen, die Kulturanlässe, die sehr breite Öffentlichkeit erhalten und auch breite Kreise anziehen. Meist sind sie spartenübergreifend ausgerichtet. Und selbstgenügsam klopft man sich bei sparten- oder institutionsübergreifenden Aktivitäten auf die Schulter und findet es super. Letztlich finden auch diese Anlässe meist für Insiderszenen statt. Trotz «Crossover» und «transkulturellen Erlebnissen», trotz der Opernübertragung auf den Sechseläutenplatz und einem Rockkonzert im Kunstmuseum: Tendenziell schotten sich die Kulturschaffenden und die Vermittler an 364 Tagen im Jahr in einem Schubladen- und Konkurrenzdenken voneinander ab.

Zwar zeichnen sich gegenläufige Bemühungen ab: kulturzürich.ch – ein Zusammenschluss von etablierten Subventionsempfängern – unternimmt einen Versuch für eine gemeinsame Werbeplattform. In Winterthur haben sich in der kulturlobby (www.kulturlobby-winterthur.ch) rund 50 Institutionen und Einzelpersonen zusammengefunden und vor Kurzem aus dem bisher losen Zusammenschluss einen formellen Verein gegründet. In Winterthur versucht zudem der Verein «Winterthur Wohin» die Diskussion anzukurbeln. Aber diese Ansätze, wie auch die Kulturlobby Zürich (www.kulturlobby.net.) sind sehr stark auf staatliche Stellen und finanzielle Aspekte fokussiert.

 

Auseinandersetzung gefragt

Wenn der Negativtrend gestoppt werden soll, reicht dies nicht aus. Es braucht ein lang anhaltendes, stetiges Bemühen, den Zugang zum aktuellen Kulturschaffen wieder massiv zu vereinfachen. So wie die Wissenschaft seit mehreren Jahren – manchmal konsequenter und manchmal etwas weniger konsequent – raus aus dem Elfenbeinturm geht, so ist eine wirkliche Auseinandersetzung der Kulturschaffenden mit der kulturkritischen Bevölkerung dringlich. Wichtig sind Aktivitäten, die niederschwellig sind, generationenübergreifend funktionieren und auf sehr unterschiedliche Interessen ausgerichtet sind.

Es mag banal tönen und altbekannt, wird leider aber immer weniger gemacht: Die kulturkritische Bevölkerung muss erleben, was Kultur für sie bedeutet. Immer wieder neu. Rational-verbale Beschwörungen, isolierte Einzelaktivitäten und Lobgesänge auf die Wichtigkeit der «kulturellen Vielfalt» reichen da nicht mehr aus. Und vor allem kann diese Aufgabe nicht an den Staat und die Politik delegiert werden.

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