Wandern in steinreichen Land

In der Schweiz lässt sich’s gut wandern – von einem Gletscherrand zum andern, durch gigantische Zeiträume, doch gemächlich, mit genügend Zeit zum Staunen und Nachdenken. Zu entdecken sind eindrückliche Erratiker, vielerlei Fossilien, gar Goldflitter. Passioniert erläutern zwei pensionierte Geologen das Was, Wo und Wie. Von ihren Stein-Touren-Vorschlägen liegen einige ganz nah.

Hans Steiger

Die erste Tour im zweiten Buch der aus ETH-Zeiten miteinander verbundenen Autoren führt in den nahen Norden. Mit den SBB zügig nach Schaffhausen, knapp zehn Minuten – ohne Grenzüberschreitung – mit der Deutschen Bahn und in Thayngen gleich durch die Unterführung ins Industriegebiet, auch wenn die Kesslerlochstrasse direkter zum ersten Ziel führen würde. Aber auf dem Teerwanderweg ist es ein bisschen ruhiger. Die mit einem Geweih versehene Signatur für den Abstecher zum Startloch beachten!

 

Kesslerloch, Langloch & Churzloch 

Wer der Routenbeschreibung sorgfältig folgt und im Zweifelsfall den Kartenausschnitt konsultiert, kann kaum fehlgehen. Zudem dürfte das Kesslerloch vielen von Schulreisen oder aus Geschichtsbüchern bekannt sein. Lange vor den im Namen erinnerten mobilen Kesselflickerfamilien fanden dort in einer «späten Altsteinzeit» jagend und sammelnd frei lebende Menschen ihre Unterkunft. 1874 wurde bei Grabungen ein Knochen entdeckt, «auf dem ein formvollendetes Rentier eingraviert ist». Wirklich beeindruckende Kunst. Sie lässt einen beim Betrachten der Infotafel den Verkehrslärm rundum vergessen, ja sogar die daneben ratternde Schredderanlage, deren Einfahrt mit grünbrauner Waldmalerei verbrämt ist.

Auch auf dem frisch angelegten Findlingsweg bleiben Autos und Bahn akustisch präsent. Hier sind alle Varianten von Gestein samt Herkunftsregion vermerkt. «Schrattenkalk vom Säntis» zum Beispiel. Anderes wurde von noch weiter her per Gletscher an dessen Ende transportiert, wo sein Eis als Schmelzwasser breite Rinnen ausspülte. Einmal übrigens, beim allerletzten Exempel, erklären sich die Experten im Buch mit jenen des Lehrpfades «uneinig». Der ansehnliche Brocken sei typischer Julier-Granit, obwohl auf dem Täfelchen etwas anderes steht. Auffallend ist auch, dass Alean und Felber häufiger den Fachbegriff «Erratiker» statt Findling verwenden. Dass der noch nicht populär ist, signalisierte mir das Korrekturprogramm des Computers, indem es den Erratiker zum Erotiker machte.

Dennoch: Fachsimpeleien sind selten. Die einleitend versprochene Verständlichkeit wird durchgehalten. Auch die Freude an der Sache sowie die Sorge um künftige Entwicklungen im verbliebenen «Eiszeit»-Bereich werden spürbar. Die jüngste Schwundphase verlaufe katastrophal. «Allein der Hitzesommer von 2003 vernichtete etwa einen Zehntel der damaligen Eismasse der Alpen!» Wir wissen es. Und was wird getan?

Wir jedenfalls wandern weiter auf dieser Tour. Nach einem Abstecher zum anschaulich nachgebauten Pfahlbau ennet dem Moor jetzt eine Stufe höher, wo sich das Tal in einer älteren Schmelzwasserrinne verengt. Trotz relativ wenig Abstand zur Achse der modernen Mobilität «tauchen wir nun in eine stille, zauberhaft anmutende Welt ein». Links und rechts Totholz, heruntergestürzte Kalkblöcke. Schwer vorstellbar, dass jenseits dieser Abhänge gewaltige Steinbrüche klaffen, in denen bis vor kurzem Rohstoffe für Zement abgebaut wurden. Das «malerische Langloch» blieb «glücklicherweise» – nein, dank der politischen Kämpfe – verschont. Wie aus dem Bilderbuch wirkt das Geviert eines Waldkindergartens. Ideal für die Rast vor dem Höhepunkt dieser Wanderung: dem Churzloch. Viel zu kurz! Imposant die Steilwände, zwischen denen einst Gletscherwasser «hin und her brandete» und eigenartige «konkave Felseinbuchtungen» schuf. Eine kleine Wendung noch; schon kommt Thayngen in Sicht und entlang der Biber nähern wir uns auf dem reichlich mit Infotafeln und Rastbänken bestückten Wanderweg gemächlich dem Zentrum, dem Bahnhof.

 

Tobel zwischen Seen, ein Sihlsprung

Wer im Kanton bleiben will, findet zwischen dem Zürich- und Greifensee das Küsnachter Tobel im Angebot: «Drachen, Blitz und Höhlen.» Zuerst ein Findlingsgarten, danach der Alexanderstein. Den «gewaltigen Erratiker» hätten im Gegensatz zu den Gartenstücken keine Menschen bewegt. Kurz vor Fällanden der Abstieg ins Jörentobel, «zu einem der eindrücklichsten Erratikerfelder im ganzen Kanton Zürich. Schon vor dem Tobel fallen erste grössere Blöcke auf; auf der Nordseite des Grabens liegen sie zu Dutzenden oder gar Hunderten im Wald versammelt». Violett-rötliches Verrucano-Gestein. Zu einer der Seitenmoränen wird vermerkt, dass sie beim Rückzug des Linth-Rhein-Gletschers quasi bei einem Zwischenhalt entstanden und irgendwie mit dem Zürcher Lindenhof-Hügel verwandt sei.

Gleichfalls nicht weit wäre es zum Sihlsprung. Wer ihn nicht kennt, sollte die in der Mitte des Buches platzierte Route 7 von Menzikon nach Spitzen als Wegleitung nutzen. Hier sind «Drumlins, Teufel und Erratiker» die Titelhelden. Informatives wird mitgeliefert. Etwa dass die Sihl einst ins Reusstal floss. Der nach Zürich orientierte Eisstrom schob jedoch einen Ausläufer gegen den Reuss-Gletscher «und drückte diesen recht unzimperlich zur Seite». Auch ein schönes Toteisseelein gehört zum Programm.

Nah und hoch die Churfirsten. Unter ihnen dehnte sich ein «fjordähnliches Seensystem, das von Zürich über Walenstadt und Sargans bis gegen Chur und von Sargans bis zum Bodensee reichte». Lieber die Höllgrotten bei Baar? Oder das Buchcover dominierende Erdmannli im Aargau? Wer mag, kann auch weiter fahren. Vielleicht zum Creux du Van, um einmal «am Rand des einstigen Eismeers» zu stehen? In der Umgebung von Zermatt und Grindelwald wären sogar Teile davon zu finden. Arktis-Tourismus ist ein zynisches Vergnügen. Mich mutet heute selbst der Blick auf das «ewige Eis» in den Alpen morbid an. Bestenfalls kann die Gletscher-Initiative kleinste Reste retten. Gegen das Wandern in die Vergangenheit spricht nichts; die «Hinterlassenschaften» in unserer Umgebung, das Unbekannte, weniger Spektakuläre sind der Aufmerksamkeit wert.

 

Und über dem Eis die Uetlispitze

Die schon 2019 erschienenen «Geologischen Wanderungen» liefern mehr Grundlagen zu Gestein allgemein. Auch hier wird Expertenwissen auf eingängige Art präsentiert. Zumal die Zeitdimension ist dank der auf ein einziges Jahr verkürzten Erdgeschichte prägnant verdeutlicht. Die ältesten Fossilien, welche bei uns heute zu finden sind, kamen demnach am 5. Dezember – vor rund 320 Millionen Jahren – in relativ solides Sargmaterial. Erst am Silvesterabend, kurz vor Mitternacht, hätte ein menschliches Auge das eine oder andere von dem, was im Buch gezeigt wird, sehen können, und «eine 36-jährige Leserin dieses Wanderführers» kam «gerade mal vor einer Viertelsekunde zur Welt». Sie wird nun, um den «Kreislauf der Gesteine» besser zu verstehen, zuerst ins Zürcher Oberland geschickt, ins Chämptnertobel.

Da war ich da wiederholt, der landschaftlichen Schönheit und industrieller Relikte wegen. Doch mit den Erläuterungen zur «Route 1» lässt sich mehr entdecken. Zu erfahren ist etwa, wie unsere Nagelfluh-Konglomerate entstanden, als riesige Hochwasser im Alpenvorland ihre Geschiebefracht deponierten. Empfohlen wird der netto 1,5 Stunden dauernde Gang durchs Tobel ausdrücklich von unten nach oben, also von Oberkempten nach Bäretswil, wo der Ausblick vom Sandbühl zu würdigen ist: «Vor 25 000 Jahren hätten wir von hier aus gegen Westen fast nur Eis gesehen. Die Spitze des Uetlibergs hätte in der Ferne noch als winzige Insel das Eismeer überragt.» Wir hingegen stünden auf der Maximalhöhe des Linth-Rheingletschers, der damals die Erhebungen der Gegend «überfahren», niedriger und rundlicher geschliffen hat. Dann wieder zurück in die Gegenwart, zur Bushaltestelle am Bärenplatz. Die nachfolgende Erläuterung zum Goldwaschen sei nicht unterschlagen. Aber eigentlich bringe dies im Oberland wenig.

 

50 Kopffüsserfossile in 20 Minuten

Die dritte Wanderung führt erneut ins Schaffhausische und wirkt verlockender, was das Sammeln betrifft. Wenn im Spätherbst oder Winter die Äcker umgepflügt werden, erweise sich die Ebene zwischen Siblingerhöhe und Oberhallau als besonders interessante Ecke unseres «steinreichen» Landes. Immer stärkeres Gerät bringe bei der Bodenbearbeitung stets neues Material ans Licht, und das Mustern lohne sich. Eine der Abbildungen zeigt als «Sammelergebnis nach etwa zwanzigminütiger Fossilsuche» rund fünfzig kleine und ein paar grössere Teile: Belemniten zumeist, «lose und noch im Gestein», dazu Bruchstücke von Ammoniten. So attraktiv wie die präsentierten Modelle der urtümlichen Meertiere sind die realen Überbleibsel der «Kopffüsser» aus ferner Kreidezeit nicht. Aber immerhin … Und ein schlechtes Gewissen braucht offenbar nicht zu haben, wer «rücksichtsvoll» etwas mitnimmt. Es würde sonst auf Lesesteinhaufen landen.

Auch dieser Band enthält tollere Touren, die unser «geologisches Wunderland» mit dem Matterhorn oder der Breggia-Schlucht vorführen. Erneut kommen die noch kurze Zeit vorhandenen Gletscher – im Zeitraffermodus dürfte es sich um Sekunden handeln – in Sicht. Doch nochmals: Maskiert weit reisen, um an die Klimakrise erinnert zu werden?

Jürg Alean / Paul Felber: Eiszeit-Wanderungen. 14 Routen zu Zeugen der Eiszeit in der Schweiz. Haupt-Verlag, Bern 2020, 216 Seiten mit 250 Farbfotos, Karten und Grafiken, 38 Franken.

Jürg Alean / Paul Felber: Geologische Wanderungen. 15 Routen zu Hotspots in der Schweiz. Haupt, Bern 2019, 208 Seiten, 38 Franken.

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