Wahlen

Wir assen endlich wieder einmal in einem Restaurant. Meine ganze Familie mit Schwägerin und Schwager, Schwiegermutter, Kindern. 

Es war wunderbar, auch weil ich die Sippe, je älter ich werde, desto lieber vereint sehe, an diesen grossen, langen Tischen, Teller und Gläser, leere und volle Weinflaschen und zerknüllte Servietten durcheinander, Gelächter, Gespräche, Kindergeschrei. Vielleicht ist es der Verzicht der letzten Monate, auf jeden Fall ist es schön, dort dabei zu sitzen, Teil zu sein von diesen Menschen, zu denen man gehört.

Es war an einem Samstag, ich hatte zuvor für den Wahlkampf telefoniert, einige wirklich schöne Gespräche, dazwischen noch eine E-Mail von einem, der schrieb, ich sei eine linke Schlampe. Das Übliche halt. Ich erzählte es meiner Schwiegermutter. Ist es denn nicht furchtbar, das alles auf sich zu nehmen und dann verliert man vielleicht doch, wollte sie wissen.

 

Ich holte aus. Die Schönheit des Augenblicks gab mir einen Schub, ich fühlte mich gerade ein wenig unbesiegbar, da in Eschlikon im Kanton Thurgau im chinesischen Restaurant neben dem Bahnhof in der Mitte meiner Familie. Nein. Sagte ich. Nein, das gehört dazu. Ich habe als Linke schon so oft verloren, damit kann ich umgehen. Es ist so in der Politik. Da muss man durch, weisst du. Ich kann das. 

 

Es fühlte sich aber schon verkehrt an in dem Moment, in dem ich es sagte und am nächsten Morgen erinnerte ich mich. An die Nationalratswahlen 2019, als wir am Nachmittag bei den ersten Resultaten aus dem statistischen Amt noch ganz ehrlich von einem Fehler ausgingen, soviel Minus konnte schlicht nicht sein. Es konnte dann doch, es wurde schlimmer mit jeder Stunde und jeder ausgezählten Gemeinde und am Ende hatten wir in der Art verloren, dass es weh tat. Ich hatte bereitwillig jedes Glas getrunken, dass man mir entgegenstreckte in dieser Misere und fuhr erst spät abends nach Hause. Ich schaffte es gerade in die Wohnung, in die Arme meines Mannes und fing an zu weinen. So sehr, so verzweifelt, dass er mich irgendwann fragte: «War denn sonst noch etwas?»

Nein. Nur das. Nur diese Niederlage. Der Verlust von Stimmen und Prozenten. Die Abwahl von zwei Menschen. 

 

Und ich kann damit nicht so richtig umgehen, auch nach über 20 Jahren Erfahrung nicht. So ist das. Einerseits ist es ein wenig wie bei einer Sportlerin, die nach einer guten Saison ausgerechnet an der Olympiade komplett versagt. Dieser Moment, in dem man sich fragt, ob denn jetzt wirklich alles für nichts war. Andererseits ist es überhaupt nicht wie bei einer Sportlerin, die das ja für sich macht. In der Politik, in unserer Politik, geht es meistens um die anderen. Um die Menschen, für die man sich einsetzt, deren Leben man besser und würdiger machen möchte. Fairer und gerechter. Weniger streng. Schöner, leichter. 

 

Wenn wir verlieren, verlieren vor allem sie. Was wird mit der wirtschaftlichen Basishilfe, dem Stimmrecht für Ausländerinnen und Ausländer, der City Card, wenn wir am 13. Februar verlieren? Was mit der Sozialpolitik, die Menschen endlich nicht mehr plagt, sondern unterstützt, der Sozialpolitik, die gezeigt hat, dass es ohne Zwang eben auch oder sogar besser geht? Was ist mit den Wohnungen in der Stadt, die schon heute niemand mehr bezahlen kann? 

Eine Wahlniederlage ist deshalb mehr als verlieren. Es liegt einfach nicht drin. Wir haben noch vier Wochen Zeit. 

 

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