Über Gräben

Die Partei habe sich unter dem Einfluss der Juso und der städtischen Schickeria stark verändert, und mit so einer Partei könne sie sich nicht mehr identifizieren, sagte kürzlich eine ehemalige Genossin in einem Artikel zu den Gründen für ihren Parteiaustritt.

Als Mitglied der Stadtpartei fühlte ich mich auf der Stelle mitgemeint mit dieser ‹Stadtschickeria›, und ich will es gestehen, es hat mir ein bisschen gefallen. Das hat einen Grund. Ich bin nämlich aus der Provinz. In der Provinz gross geworden. Und damals, so als ganz junges Mädchen, war Provinz pfui und Schickeria irgendwie cool. Und das ist mir jetzt leider Gottes bis heute geblieben und ich befürchte, dass meine Leidenschaft für Prosecco die kleine Schwester meiner nach wie vor grossen, wenn auch hoffentlich gut versteckten Sehnsucht nach Champagner aus Kübeln und anderem schlechten Geschmack ist. Es ist ja ein Glück, dass ich nie Auto fahren gelernt habe, denn ich hätte einen wüsten Offroader unter dem Füdli und müsste dann vermutlich auch aus der Partei austreten (manchmal träume ich davon, ins Bündnerland zu ziehen und dann wäre so ein Auto in Ordnung. Oder?). Und ja, es ist mir schon peinlich, aber man muss schliesslich auch dunkle Seiten haben und Abgründe, wenn aus einem Leben etwas Rechtes werden soll.

Wo wollte ich hin? Ah ja, zur Stadtschickeria und dem Land. Dieser Gegensatz hat mich seit jeher irritiert, auch wenn er meistens nur rund um Nominationen tief und unüberwindbar wird.
Wir tun uns halt einfach keinen grossen Gefallen damit, zumal die Trennung nicht mal sauber zu begründen ist. Denn wie ich auch, die ich nun die einen 20 Jahre meines Lebens als Landei in der Provinz verbrachte und die anderen 20 Jahre in der Stadt, sind die meisten Menschen eben mal das eine und dann wieder das andere. Die Stadt ist voll von eingewanderten Menschen vom Land, die Vororte und Landgemeinden beheimaten ehemalige Städterinnen und Städter.

Ich glaube einfach nicht, dass es einen besonders städtischen Blick auf die wesentlichen Fragen gibt und einen besonders ländlichen und dass sich diese beiden dann auch noch derart unterscheiden, dass es eine so grosse Rolle spielt, wer jetzt in einem Parlament sitzt. Es sind unserer Partei eigentlich unwürdige Stereotype, die da bedient werden. Es gibt wohl unterschiedliche Schwierigkeiten, mit denen wir regional konfrontiert werden – aber keine unterschiedlichen Antworten aus sozialdemokratischer Perspektive.

Was ich politisch denke und tue hat mit meinem aktuellen Wohnort innerhalb eines Kantons nicht so wahnsinnig viel zu tun. Wer gar argumentiert, nur ein Städter habe Verständnis für städtische Probleme oder nur eine Genossin vom Land könne die Bedürfnisse dort auch richtig erfassen, trampt in die gleiche Falle wie unsere Gegner, wenn sie jeweils behaupten, so eine studierte Linke habe doch keine Ahnung von den Problemen eines Büezers. Muss ich krank sein, um mich für Kranke einzusetzen, ein Kind, um dessen Rechte schützen zu wollen, oder arbeitslos, um für soziale Netze zu kämpfen?

Es ist vielleicht so zwischen Wahlen und Nominationen ein guter, weil unbelasteter Moment, diesen Graben in Frage zu stellen und sich frei raus zu wünschen, er möge bei der nächsten Runde keine Rolle mehr spielen. Als politische Partei müssen unsere Wahllisten vor allem politisch sein. Inhalte und Themen, Erfahrung, Kompetenzen, Netzwerke. Das sind Dinge, die bleiben und auf die wir uns verlassen können und sollen. Viel mehr als auf den Wohnort. Der kann nämlich wechseln.

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