Tag der Befreiung

Am Gedenkanlass zum Kriegsende im Zürcher Stadthaus hielt Stadtpräsidentin Corine Mauch eine Rede, die wir im folgenden ungekürzt abdrucken.

 

In der Schweiz wurde damals und wird heute vom Tag des Waffenstillstands oder vom Kriegsende gesprochen. Doch der 8. Mai 1945 war für Europa der Tag der Befreiung. Mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands endete in Europa eine Zeit der Barbarei, der Tyrannei und ein beispielloser Genozid. Daran wollen wir uns heute gemeinsam erinnern.

Der 8. Mai 1945 war die Geburtsstunde einer für Westeuropa beispiellosen Friedensperiode, die noch immer anhält. Dafür sind wir dankbar – und verdrängen dabei nicht, dass die Balkankriege der 90er-Jahre und der Krieg gegen die Ukraine uns daran erinnern, dass Krieg für undemokratische Regimes noch immer die blosse Fortsetzung der Politik mit andern Mitteln ist.

Der 8. Mai 1945 war der Beginn einer aussergewöhnlichen Versöhnung der Menschen in Europa, die mit dem Mauerfall 1989 und der Osterweiterung der Europäischen Union ihren vorläufigen Abschluss fand. Für dieses Friedens- und Versöhnungswerk, bei dem Deutschland und Frankreich den Takt vorgaben, habe ich grösste Hochachtung.

 

Wenn ich Schilderungen von Menschen aus der Generation meiner Eltern höre, so spüre ich eine grosse Erleichterung und Dankbarkeit über das Kriegsende. Zur Erleichterung gesellt sich Freude über die Aussicht auf die vollständige Demobilisierung der Armee, auf ein Ende der kriegsbedingten Rationierungen und des Kohlemangels, der in den extrem kalten Kriegswintern besonders spürbar war. Die Leute, die am 8. Mai 1945 in unserer Stadt zu Tausenden in die Seeanlagen strömten, um den freudigen Tag zu feiern, waren beschwingt und fröhlich entspannt. Das zeigen Fotografien aus jenen Tagen eindrücklich. In diese heitere Stimmung und in die Reden, die gehalten wurden, beispielsweise vom damaligen Stadtpräsidenten Adolf Lüchinger auf dem Helvetiaplatz, mischte sich aber auch die Sorge um die Zukunft. Und die Menschen stellten sich Fragen, auf die Antworten zu finden schwierig war.

Wie können Menschen, die schlimmsten Diktatoren zugejubelt haben, den Opfern dieser Diktatoren wieder in die Augen sehen?

Wie können Menschen wieder ein normales Leben führen, die unendliches Leid erfahren haben, weil ihre Angehörigen ermordet worden sind, oder weil sie selber Opfer eines rassistischen und homophoben Regimes geworden sind?

Gibt es eine Gerechtigkeit für diese Menschen, und wie könnte diese Gerechtigkeit aussehen?

Wie können Gesellschaften wie in Frankreich, in Italien, in Norwegen oder im damaligen Jugoslawien wieder zueinanderfinden, wo sie doch hartnäckigen und opferreichen Widerstand gleichermassen erlebt haben wie übelste Kollaboration? Quisling, der norwegische Statthalter der Nazis, dessen Name seither für Verrat und Kollaboration steht, wurde hingerichtet. Aber was ist mit Leuten wie dem norwegischen Nobelpreisträger Knut Hamsun, der sich wie weitere 50 000 Norwegerinnen und Norweger der Partei von Quisling angeschlossen hatte? Oder – und hier nenne ich ein Beispiel aus der neutralen, kriegsunversehrten Schweiz – was tun mit der Ehrendoktorwürde der Universität Lausanne für Benito Mussolini? Verschweigen? Vergessen? Aberkennen?

 

Antworten auf diese Fragen zu finden, war für die Menschen damals wichtig.

Es sind die «Fragen zum Frieden» von damals. Die «Fragen zum Frieden» von heute, wird der Gastredner, der bosnische Schriftsteller, Essayist und Dramatiker Dževad Karahasan stellen und zu beantworten versuchen. Ich danke Ihnen herzlich, dass Sie zu uns nach Zürich gereist sind.

«Ich bin Schriftsteller, meine Aufgabe ist es zu verstehen und nicht zu verurteilen.» Das sagt der letztes Jahr von der Universität Basel mit einem Ehrendoktor und von der Heinrich-Heine-Gesellschaft 2012 mit einer Ehrengabe ausgezeichnete Dževad Karahasan über sich selber. Die Universität Basel würdigte ihn als international hoch geachteten Schriftsteller und als europäischen Autor ersten Ranges, kulturelle Integrationsfigur, die Stimme für ein multiethnisches Bosnien und gegen dessen Aufteilung. Bekannt wurde er mit Werken, die die Belagerung seiner Heimatstadt Sarajevo und das damalige Leben der Menschen ins Zentrum stellen. Dževad Karahasan hat in diesen schrecklichen Jahren aus Sarajevo für das Schweizer Radio berichtet. Wir erinnern uns an seine ruhige, präzise und bestimmte Beschreibung einer Stadt und einer Bevölkerung, wenn zum wiederholten Mal serbische Scharfschützen den Markt in der Innenstadt unter Beschuss genommen hatten. Uns haben diese Schilderungen tief berührt.

Meine Damen und Herren, in Bosnien und auf dem Balkan schweigen die Waffen. Das ist unbestrittenermassen ein Verdienst der Europäischen Union, die Slowenien und Kroatien den Beitritt zur EU ermöglicht hat und den andern Nachfolgestaaten Jugoslawiens eine Beitrittsoption offenhält. Ich stelle auch fest, dass die Schweiz mit der Präsenz von Swisscoy-Truppen einen Beitrag zur Befriedung des Balkans leistet. Ich erinnere mich aber auch, wie die Schweiz beim letzten Balkan-Krieg im Kosovo 1998 und 1999 über 50 000 Flüchtlingen vorübergehend Schutz gewährte.

Und ich wünsche mir die Schweiz heute wieder so grossherzig wie 1999. Doch die Diskussion dreht sich jetzt, wo Millionen Syrerinnen und Syrer auf der Flucht sind, kleinherzig um einige Hundert sogenannte Kontingentsflüchtlinge.

Die Schweiz blieb im zweiten Weltkrieg dank diplomatischem Geschick des Bundesrats, einer Aussenhandelspolitik, die die Schweizer Wirtschaft – ich zitiere hier den Historiker Thomas Maissen – zu einem Teil der deutschen Kriegswirtschaft machte, aber auch dank einer wehrbereiten Bevölkerung von Barbarei und Tyrannei verschont. Doch an die Niederwerfung des nationalsozialistischen Regimes leistete unser Land keinen Beitrag. Vielmehr ist es seit der Aufarbeitung der Kriegszeit durch die Bergier-Kommission offenkundig, dass die Schweizer Politik der Abschottung gegenüber jüdischen Flüchtlingen – ich zitiere hier erneut den Bericht der
Bergier-Kommission – den Nationalsozialisten half, ihre Ziele zu erreichen und dass die Schweizer Flüchtlingspolitik gegen elementare Gebote der Menschlichkeit verstiess.

Wir können und sollen nicht dem Kriegsende gedenken, ohne uns auch daran zu erinnern.

 

Geschätzte Gäste, vor einem guten Jahr bin ich von einem Militärhistoriker angefragt worden, ob ich in einer Publikation zu den Wehrbauten in Zürich, die als Teil der Abwehrstellungen der Schweizer Armee in den ersten Kriegsjahren erstellt wurden, einen Begleittext schreiben möchte. Solche Anfragen um Vorwörter sind üblich, aber der Gegenstand war mir neu. Ich habe aber zugesagt und das Thema recherchieren lassen.

Die Schweizer Armeeführung rechnete nach dem deutschen Überfall auf Polen mit einem Angriff der Wehrmacht mit mechanisierten Truppen aus Norden über den Rhein. Aufhalten wollte man die Deutschen entlang der natürlichen Hindernisse Limmat-Zürichsee-Linth-Walensee. Die Stadt Zürich spielte dabei eine wichtige Rolle. Im Häusermeer der Stadt sollten die schnellen deutschen Panzerverbände  gestoppt werden, um der Armee die Zeit zu verschaffen, sich in die Alpen zurück-zuziehen. Diese Strategie ging als Reduit-Strategie in die Geschichte ein. Allerdings nur der Rückzug in die Alpen. Dass bei dieser Strategie die Bevölkerung des Mittellands dem Aggressor ungeschützt ausgesetzt worden wäre, und die Stadt Zürich als «obstacle absolu» – so bezeichnete der heute noch hochgeachtete General Guisan die Stadt Zürich – zu dienen hatte, das ist weitgehend unbekannt.

Mein Vorgänger Emil Klöti hatte, wie er von den Plänen der Armee erfahren hat, sofort interveniert. Es gehe nicht an, dass die Zürcher Bevölkerung schutzlos dem Angriff der Wehrmacht ausgesetzt werde, und die Stadt Zürich als riesige Panzersperre genutzt und mit grosser Wahrscheinlichkeit dabei zerstört werde. Wenn schon, dann müsse Zürich zur offenen Stadt erklärt werden, die nach Kriegsrecht  nicht angegriffen werden dürfe. Die Armee beschied dem Zürcher Stadtpräsidenten, für eine Evakuation der Bevölkerung fehlten die Mittel, und eine Alternative gäbe es nicht.

Militärisch ist die Strategie der Armee nachvollziehbar. Sie nutzt die Alpenübergänge als Pfand und schützt die eigenen Verbände. Dass Emil Klöti die Stadt zur offenen Stadt erklären wollte, leuchtet ebenfalls ein. Nur so bestand die minimale Aussicht, dass die Stadt und die Bevölkerung einigermassen unbeschadet eine Eroberung der Schweiz durch die Wehrmacht überstehen konnten.

Doch was ist richtig? Absoluter Widerstand zum Preis von Hunderttausenden von Toten und Zerstörung ganzer Städte, oder Unversehrtheit zum Preis von vorsorglicher Unterwerfung unter ein tyrannisches Regime? Oder, um die Frage zur richtigen Strategie gegenüber dem Nazi-Regime allgemeiner zu stellen: Ist Anpassung oder Widerstand, wie es die Schweizer Historikerin Alice Meyer 1965 erstmals formulierte, die richtige Strategie, um den Krieg abzuwenden?

 

Emil Klöti war eine integre und hochgeachtete Persönlichkeit mit Tatkraft und viel Empathie für die Menschen unserer Stadt. General Guisan galt und gilt im Unterschied zu seinem Vorgänger Wille im Ersten Weltkrieg als beliebter und verehrter Militärführer ohne Verachtung für das zivile Leben und den einfachen Soldaten. Beiden darf niemand vorwerfen, sie hätten sich bei ihren Entscheiden moralisch fragwürdig verhalten oder von unwürdigen oder verwerflichen Ideen leiten lassen. Beide haben ihre Position nach bestem Wissen und Gewissen bezogen und sind doch zu völlig unterschiedlichen Schlüssen gekommen.

Seit 1798 ist unser Land nie mehr militärisch angegriffen worden. Die letzte militärische Konfrontation liegt bald 170 Jahre zurück und es war ‹nur› ein kurzer Bürgerkrieg. Das grosse Sterben der zwei Weltkriege hat die Schweiz verschont.

Wenn unser Land sich nach dem Sonderbundskrieg von 1848 klugerweise dafür entschieden hat, den Vorteil als Nation nicht im Krieg zu suchen, sondern in der Innovation und in der Industrie, im Handel und später im Finanzwesen, so heisst das für mich: Wir sind als glücklich verschonte und reich gewordene Nation verpflichtet, den grösstmöglichen Beitrag zum Frieden zu leisten.

Ich bin froh, dass die Schweiz sich heute international in starkem Masse engagiert, sei es als aktives und gestaltendes Mitglied der Vereinten Nationen, sei es als diplomatische Vermittlerin wie im Konflikt der USA mit Iran oder von Russland mit Georgien, oder sei es aktuell als wichtige Akteurin im Rahmen der OSZE-Mission in der Ukraine.

Hier hat die Schweiz eine bedeutsame Rolle gefunden, und sie nimmt diese Rolle stärker denn je wahr. Ich unterstütze das aus tiefster Überzeugung.

 

Geschätzte Damen und Herren, am vierzigsten Jahrestag der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands erklärte Bundespräsident Richard von Weizäcker, selbst Sohn eines hochrangigen nationalsozialistischen Kriegsverbrechers, in seiner berühmten und berührenden Rede den 8. Mai, der für die Deutschen jahrzehntelang als Tag des Zusammenbruchs oder als Stunde null galt, zum Tag der Befreiung. Er beschliesst seine Rede mit:

«Ehren wir die Freiheit.
Arbeiten wir für den Frieden. Halten wir uns an das Recht. Schauen wir am 8. Mai, so gut wir es können, der Wahrheit ins Auge.»

Ich möchte diesen klugen Worten nur beifügen:

Danke für den Frieden und danke allen, die diesen damals erkämpft und seither immer wieder erhalten haben.

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