Weich

 

Jedes fünfte Mädchen wird schon als Teenager Opfer von sexueller Gewalt. Dies besagt die Studie eines Forschungsteams um den Kriminologen Denis Ribeaud (TA Online, 5.5.15). Der Befund ist zum einen erschreckend: Dass so vielen Frauen die Entdeckung ihrer Sexualität auf diese Weise verdorben wird. Andererseits ist es auch ein Fortschritt, dass die Übergriffe überhaupt als Gewalt anerkannt werden. Es ist noch nicht lange her, da sogar Vergewaltigung als Kavaliersdelikt, als uneingestandener Wunsch der Frau oder als quasi automatische Folge angeblich provozierenden Verhaltens eingestuft wurde. Hier wird nun aber Klartext gesprochen und die Gewalt auch in ihren nichkörperlichen Erscheinungsformen beim Namen genannt; dabei geht es vor allem um die Erpressung von oder mit Nacktbildern.

 

Hellhörig macht auch der Bereich der nichtsexuellen Gewalt. Von den Boulevardmedien genüsslich ausgeschlachtet wurde die Tatsache, dass Mädchen offenbar öfters hinlangen als Knaben, so à la: «Seht her – Frauen sind gewalttätiger als Männer.» Obwohl leider die Statistik der häuslichen Gewalt unter Erwachsenen eine andere Sprache spricht. Hier bleibt es auch nicht beim ohrfeigen, knuffen oder schubsen. Die Männer langen kräftig hin – mit Verprügeln, Todesdrohungen, Freiheitsberaubungen und Tötungen. Erstaunlich sind nun die Erkenntnisse zu den Voraussetzungen von Beziehungsgewalt: Offenbar «neigten sowohl Jungen als auch Mädchen in einer Partnerschaft eher zu Gewalt, wenn sie in traditionellen Rollenbildern verhaftet seien, also Männer in der Beziehung eine dominierende Stellung einnehmen.» Ein deutliches Wort zur Schädlichkeit von Machismo schlechthin, aber auch wieder nicht sonderlich erstaunlich. Denn verstetigte Dominanz ist Gewalt, und Gewalt erzeugt Gegengewalt.

 

Das braucht wiederum andere Medien nicht zu kümmern. Zunächst titelte ‹20 Minuten› diesen Frühling: «Männer zu nett für Sex» – die ‹Weltwoche› doppelt nach mit «Männer zu weich für Sex» und bringt ein mehrseitiges Interview mit der Sexualtherapeutin Esther Elisabeth Schütz, die qua Analogie zu den ein- bzw. ausgestülpten Geschlechtsteilen den Männern einen vorpreschenden und den Frauen einen empfangenden Charakter attestiert. Dem «Verlust» solcher biologistischer Rollenbilder lastet sie sämtliche Probleme zwischen den Geschlechern an, vor allem die zunehmende Unlust und die physiologischen Störungen der Sexualität. Dies alles wird im Duktus der erhärteten Fakten vorgetragen, ohne jeden wissenschaftlichen Beleg. (Kein Wort darüber, dass für Erektionsstörungen vor allem Stress und für tatsächlichen Geschlechtsverlust in Form von Zwitterhaftigkeit Chemikalien wie Weichmacher oder Pestizide im Fokus der Forschung stehen.)

 

Die Wahrheit der ‹Weltwoche› hat aber eine kurze Halbwertszeit. So lesen wir heute, kaum zwei Monate später: «Warum Frauen immer Sex wollen». Trotz solcher Kehrtwenden folgt die ‹Weltwoche› (wie der Boulevard allgemein) damit einer stringenten «hidden agenda»: Weiblichkeit wird stets in die Nähe von Körperlichkeit, Schwächlichkeit, Lächerlichkeit, Zickigkeit gerückt. Titelzeilen vergangener ‹Weltwoche›-Geschichten (einzusehen auf deren Website) waren folgerichtig: «Ein Blick ins Décolleté ist erlaubt», «Kampf der Königinnen», «Das hilfsbedürftige Geschlecht», «Meine Teure: Die Kostenwahrheit der Frau», «Sommaruga lässt sich küssen» usw. usf.

 

Was ist dem entgegenzusetzen? Sicher nicht die Nachäffung bzw. Verstärkung männlichen Dominanzgebarens. Lassen wir – Frauen und Männer – uns nicht an Macho-Massstäben messen. Bleiben wir dem Frieden zuliebe weich, das ist echte Stärke! Denn wie sagte schon Laotse: «Alle Dinge, die leben, sind biegsam und weich, sind sie tot , sind sie spröde, steif und starr. Daher sind Härte und Steifheit Gefährten des Todes, Weichheit und Biegsamkeit Gefährten des Lebens».

 

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