Stille Nacht, heilige Nacht…

Fritz Billeter

 

Weihnachten findet auch statt, wenn Krieg ist … oder?

 

Der Obergefreite Villiger Paul aus Baden-Württemberg, genau genommen aus Fellbach bei Stuttgart ist im Krieg. Sein Bataillon, dem er zugeteilt ist, sitzt in dieser Stadt fest; er kennt nicht einmal ihren Namen, aber die Sprache der Leute tönt irgendwie östlich – es wird also, vermutet er stark, eine Stadt in Russland sein. Das Bataillon muss sich Strasse um Strasse, Haus um Haus vorwärts kämpfen – und das seit Tagen. Villiger selbst befindet sich etwa im fünften Stock eines Häuserblocks. Wenn er sich zu einem Fenster vorwärts wagt um zu schiessen, weil sich im Häuserblock an der Strassenseite gegenüber etwas bewegt, wird er seinerseits mit Schüssen eingedeckt. Bis jetzt hat er Glück: ein Streifschuss an der linken Schläfe, nicht mehr als ein Kratzer. Er hat sich selbst verarztet. Seine eigenen Leute sind neben und hinter ihm, glaubt er wenigstens, Sichtverbindung haben sie keine. Seine Munition wird knapp, also Einzelschuss, keine Salven.

 

Zwölf Uhr Mittag, darum ist es einigermassen ruhig. Er hat keinen Hunger, er hängt seinen Gedanken nach. Ob die Linde, die er eingepflanzt hat, bevor er einrücken musste, ein wenig gewachsen ist? Die Züge seiner Frau verwischen sich. Aber noch gelingt es ihm, die Bilder von Sohn und Tochter heraufzuholen. Vor allem Reni, sein ganzer Stolz. Sie ist nicht nur hübsch, sie ist auch klug, schon jetzt klüger als ihr Vater. Sie wird einmal an die Uni gehen.

 

Ein Geräusch lässt ihn zusammenfahren: einer von ihnen, ein Offizier. Stellt sich vor: Ekki von Bülow. Er seinerseits: Obergefreiter Villiger, Scharfschützenkompagnie 3/8. Von Bülow: und sonst? Paul Villiger von Stuttgart-Fellbach. Von Bülow: von Berlin-Charlottenburg. Ein Schwabe, ein Preusse. Wären es andere Zeiten, sie würden einander foppen: Schaffe, schaffe, Häusle baue, der Mensch fängt erst beim Leutnant an. Unvermittelt sagt von Bülow: Bald ist Weihnachten. Villiger: O ja, tatsächlich, ist mir gar nicht eingefallen.

 

Im Hinterhof liegt eine Tanne, die sie mit vereinten Kräften nach oben schleppen. Womit sie schmücken? Villiger kommt auf die Idee, sie mit leeren Patronenhülsen zu behängen; an ihrer Spitze bindet er das Bajonett eines gefallenen Kameraden fest. Lametta ist’s nicht, grinst von Bülow. Gemeinsam kippen sie die Tanne ans Fenster. Am Fenster der Gegenseite regt sich lange nichts. Dann wird dort eine weisse Fahne gehisst. Von Bülow findet einen Tuchfetzen, mit dem er ebenfalls eine weisse Fahne herstellt, die er, an den Lauf seines Sturmgewehres gebunden, gut sichtbar wehen lässt. ‹Stille Nacht, Heilige Nacht› hallt es von drüben her; ‹Stille Nacht, Heilige Nacht› summen Villiger und von Bülow.

 

Plötzlich füllt sich die Strasse mit Menschen, auch Kinder sind dabei. Alle singen Stille Nacht, Heilige Nacht. Wenn einige nicht mehr weiter wissen, ergänzen andere: Hirten erst kundgemacht / durch der Engel Halleluja /  tönt es laut von Fern und Nah; Jesus, der Retter ist da! Jesus, der Retter ist da!

 

Auch von Bülow und Villiger mischen sich unter die Menge. Villiger hat rasch genug von dem Jubel, er sucht still vergnügt ein ruhiges Plätzchen auf: Das muss ich meiner Frau schreiben. Von Bülow hingegen fühlt sich wohl unter all den Menschen. Er verteilt Visitenkarten. Ich bin Seelenklemperer, kommt nach dem Krieg in meine Praxis, ich werde euch gesund machen. 

 

Villiger in seiner stillen Ecke hört den Motorenlärm zuerst. Schon schlagen die ersten Bomben ein. Im Nu ist die Strasse leer,  und Villiger und von Bülow sind wieder auf ihrem Posten am Fenster ihres Häuserblocks.

 

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