Seefeld ist überall

Zuerst mal das Selbstouting und der Transparenznachweis, den man heute offenbar braucht. Die Vermieterin meiner Wohnung ist ein Versicherungskonzern. Ich habe die Wohnung auf Homegate gefunden.

Wenn ich nie wieder – oder mindestens nicht wahnsinnig bald wieder – zügeln müsste, wäre mir das recht. Ich will also keine Wohnung im Seefeld. Und ich neide sie auch niemandem, der sie hat oder kriegt. Meistens finde ich sowieso, was als begehrte Wohnlage gilt, nicht sonderlich begehrenswert. Zum Beispiel am Zürichberg – viel zu abgelegen und dann erst noch am Berg. Dass ich selber jetzt nicht mehr in der Ebene wohne, ist Zufall und war so nie gesucht.

Es ist aber, um dies auch wieder mal festzuhalten, in keiner Art und Weise ehrenrührig, wenn man in einer gemeinnützigen Wohnung wohnt. Weder als Gemeinderätin, noch als SVP-, SP- oder sonstiges Parteimitglied. Und weder im Seefeld noch in Schwamendingen.

 

Darum geht es zwar nicht. Man könnte aber meinen, es sei so. Mindestens wenn man die Diskussion um die Abstimmung vom 14. Juni um die geplante städtische Wohnsiedlung Hornbach im Zürcher Seefeld mitverfolgt. Ein Vorgeplänkel gab es bereits beim Artikel der NZZ zur Kalkbreite, wo Filz und Gemauschel unter Grünen und Genossen angedeutet wurde.

 

«Luxuswohnungen auf Kosten der Allgemeinheit» seien die Wohnungen, die auf dem Hornbach-Areal im Seefeld geplant werden. Das steht auf einem Flyer, der dieser Tage in alle Haushaltungen verteilt wurde. Das Bild zeigt einen goldenen Schlüssel als Symbol. Es geht um eine städtische Siedlung, die im Seefeld gebaut werden soll. Geplant sind 123 Wohnungen vor allem für Familien. Ein Drittel davon soll subventioniert sein.

Angeregt wurde die Wohnsiedlung durch eine Motion der CVP und EVP-Fraktion im Gemeinderat. Im Zuge der Diskussion um die «Seefeldisierung», also dem Verschwinden von zahlbarem Wohn- und Gewerberaum im Seefeld, forderten die beiden Fraktionen eine kommunale Wohnsiedlung im Kreis 8. Gerade dieses Quartier hat wenig gemeinnützige Wohnungen, nur sechs Prozent – die ganze Stadt hat einen Anteil von 26 Prozent.

 

Der gemeinnützige Wohnungsbau hat eine lange Tradition in der Stadt und verfügt in der Regel über ausgesprochen solide Mehrheiten an der Urne. So wurde der wohnbaupolitische Grundsatzartikel mit über 75 Prozent der Stimmen angenommen. Dieser fordert die Erhöhung des Anteils von einem Viertel auf einen Drittel. Dass es dafür mehr gemeinnützige Wohnungen in allen Quartieren braucht, versteht sich von selbst.

Die Gegner des gemeinnützigen und kommunalen Wohnungsbaus wissen um die Mehrheitsverhältnisse. Sie versuchen es daher mit einer kruden Mischung aus Neid, Klassenkampf und Heuchelei. Beziehungsweise mit allen möglichen Argumenten, von denen sie glauben, dass sie bei dieser vermaledeiten linken Zürcher Bevölkerung, die immer wieder Ja sagt zum kommunalen Wohnungsbau, ankommen könnte. Mauro Tuena (SVP) übt sich darin gar mit sozialdemokratischen Slogans: «Sozialpolitik muss für alle sein – und nicht nur für ein paar wenige.»

 

Die Stadt könnte – so argumentiert der Flyer – statt mit teurem Geld im teuren Seefeld zu bauen, «an einem anderen Ort wesentlich günstiger Land kaufen und Projekte bauen. Davon würden viel mehr Bedürftige profitieren – ohne dass die Steuerzahler zur Kasse gebeten werden.» Michael Baumer (FDP) und Nicole Barandun (CVP) finden, dass die Siedlung Hornbach enorm viel Kosten verursache, die von der Allgemeinheit bezahlt werden müssen. Schliesslich kostet die Siedlung 100 Millionen Franken. Und das für 123 Mieter! Das wäre tatsächlich allerhand. Zumal – wie im Flyer angedeutet – die glücklichen 123 Mieter möglicherweise auch noch Gutbetuchte seien (so, jetzt kommt noch der Neid ins Spiel).

Die ganze Argumentation ist allerdings erstens falsch und zweitens mindestens geschwindelt. Erstens ist der gemeinnützige Wohnungsbau – auch im Seefeld – für die Steuerzahlerin kein Verlustgeschäft. Im Gegenteil. Die Kostenmiete deckt die Kosten. Der Anlagewert wird verzinst und sorgt für regelmässige  Einnahmen für die Stadt. Und das Land – und damit die potenzielle Wertsteigerung – bleibt im Besitz und im Vermögen der Stadt.  Das Geld für den Drittel subventionierter Wohnungen stammt aus der Wohnbauaktion 2011, die vom Volk mit 82 Prozent bewilligt wurde.  Dass der kommunale Wohnungsbau den Steuerzahler nichts kostet, wissen natürlich auch dessen Gegner. Darum ist ihr Kardinalsargument, dass man mit einem Verkauf an den Meistbietenden Gewinn machen könnte – den man anderswo eben besser nützen könnte.

 

Wenn man mal davon absieht, dass dieses Grüppchen sich an allen Lagen gegen gemeinnützigen Wohnungsbau einsetzt, dann wäre es auch nicht mal sinnvoll, wenn man sie beim Wort nehmen könnte. Alle gemeinnützigen und subventionierten Wohnungen (sozialen Wohnungsbau, nennt das Michael Baumer) an einem möglichst billigen (also unwirtlichen Ort nahe einer Autobahn), nennt sich Ghettoisierung. Und ist städteplanerisch und sozialpolitisch  – wie man international gut beobachten kann – keine gute Idee. Dass unsere Stadt so lebenswert ist, hat mit der Durchmischung in der Stadt zu tun, die es bei uns eben in allen Quartieren noch gibt. Diese Vielfalt und Lebendigkeit ist also quasi der goldene Schlüssel für unsere Lebensqualität. Dass wir in der Mercer-Studie, in der die Lebensqualität in den Städten gemessen wird,  den Spitzenrang an Wien abgegeben haben, liegt daran, dass Wien noch mehr gemeinnützige Wohnungen hat als wir.

Gäbe es keinen kommunalen oder gemeinnützigen Wohnungsbau – weder im Seefeld noch in der Altstadt – sähe unsere Innenstadt aus, wie es sich an der Bahnhofstrasse anfühlt. Öd, uniform und langweilig. Im Niederdorf und im Seefeld gäbe es nur noch Zweitwohnungen. Zahlbare Wohnungen sind in vielen Städten der Welt ein Thema. Und praktisch überall politisch gesteuert. In New York müssen Investoren 20 Prozent zahlbare Wohnungen schaffen, wenn sie eine Auf- oder Umzonung wollen. Im sonst von Bürgerlichen gerne gelobten Singapur wohnen 80 Prozent der Einwohner in Wohnungen der staatlichen Wohnbauorganisation. Dagegen ist Zürich mit dem Ziel eines Drittels ganz bescheiden.

Dann verschwinden natürlich auch noch ein paar oberirdische Parkplätze, was Nicole Barandun als Präsidentin des städtischen Gewerbeverbands dazu bemüssigt, gegen ihre eigene Partei anzutreten (sie ist Kantonalparteipräsidentin der CVP). Dass auch zahlbare Gewerberäume entstehen, interessiert das Gewerbe offenbar nicht.

 

Im Gegensatz zum Gewerbeverband, dessen politisches Engagement hier nicht ganz nachvollziehbar ist (was aber beim Gewerbeverband auf allen Ebenen mitunter der Fall ist) geht es dem Hauseigentümerverband um handfeste Interessen. Richtige Luxuswohnungen im Seefeld, die private Hauseigentümer bauen, das gefällt ihnen besser. Genauso wie eine subjektfinanzierte Wohnungshilfe, wo private Hauseigentümer ihre Lotterbuden an SozialhilfeempfängerInnen vermieten können.

Mein Wohnungsschlüssel ist übrigens silbrig. Ich stimme trotzdem Ja zu zahlbaren Wohnungen – im Seefeld, in Schwamendingen und ganz Zürich.

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