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Ich bin seit dem Februar Verlegerin des P.S. und habe mittlerweile aufgehört, jede Abonnementskündigung persönlich zu nehmen. Es kann gute Gründe geben, warum man sich das P.S. nicht mehr leisten kann oder will. Und warum sollte es uns besser gehen als allen anderen Zeitungen? Ich nehme es also nicht mehr persönlich – aber es trifft mich dennoch. Und zwar existenziell. Das P.S. lebt nämlich hauptsächlich von Abonnementen und zu einem kleinen Teil von Inseraten.

Darum tröstet es mich auch nur bedingt, wenn jemand schreibt, er künde zwar das Abo, bleibe aber weiterhin in der SP aktiv. Das freut mich natürlich als SP-Mitglied. Als P.S.-Verlegerin aber nicht. Denn das P.S. erhält keine Beiträge von der SP – und auch nicht von anderen Parteien. Wir brauchen zahlende Abonnentinnen und Abonnenten, wenn wir überleben wollen. Wer also grundsätzlich findet, es brauche das P.S. und es wäre schade, wenn es das P.S. nicht mehr gäbe, der soll die Abo-Rechnung zahlen und in seinem oder ihrem Umfeld für das P.S. werben. Auf dass es das P.S. auch in 15 Jahren noch gibt.

 

Man beschwört ja eigentlich gerne die Medienvielfalt. Beziehungsweise wird gerne über die Medien gemotzt. Kann ich verstehen. Ich finde es zuweilen auch ein bisschen bemühend, wenn die Medien in Leitartikeln klagen, dass Wahlkämpfe flau und inhaltsleer seien. Und gleichzeitig aber bei einer inhaltlichen Medienkonferenz einer Partei oder Organisation nicht auftauchen.

Gleichzeitig sind die Medien auch ein Spiegel der Leserinnen und Leser. Die Medien haben weniger Geld für gute Schreiberinnen und Schreiber, viele namhafte Journalistinnen und Journalisten suchen den Absprung in die PR oder haben ihn schon geschafft. Genauso fehlt das Geld für ausführliche Recherchen oder ein breites KorrespondentInnen-Netz. Also prüft man Synergien und legt zusammen, was teilweise nicht zusammengehört. Warum fehlt das Geld? Weil immer weniger Leute bereit sind, eine Zeitung zu abonnieren. Und weil ein grosser Teil des Inseratemarkts auf das Internet ausgewichen ist. So gibt es eine Negativspirale, die schwierig zu durchbrechen ist. Immer dünnere Zeitungen finden immer weniger LeserInnen und werden dadurch immer dünner. Es ist ein wenig wie mit den ewigen Diskussionen, dass es vielleicht einfacher wäre, mehr Mitglieder für die SP zu werben, wenn die Mitgliederbeiträge nicht so hoch wären. Das wäre vielleicht so, allerdings wäre die SP pleite, bevor genügend neue Mitglieder gewonnen sind.

 

Ich bin Verlegerin des P.S. geworden, weil ich wollte, dass es das P.S. weiter gibt. Ob mir das gelingen wird, hängt auch von Ihnen ab, liebe Leserinnen und Leser. Ich habe also etwas gewagt – und gewinne dabei vielleicht nichts. Und darum sind auch alle meine Sympathien bei all jenen Leuten, die etwas ausprobieren, etwas wagen, etwas machen und allenfalls auf die Schnauze fliegen. Jene, die neue Medien gründen und neue Formen ausprobieren. Wie Simon Jacoby und sein Team von Tsüri (tsri.ch), einem Online-Magazin über Zürich, das Buzzfeed-Internetjournalismus mit lokalpolitischen Bezügen versucht. Oder der Filmjournalist Benjamin Bögli, der neu die Kultur-Zeitschrift ‹Bonnie and Clyde› gegründet hat.

Oder zum Beispiel der Student Donat Kaufmann, dem es gereicht hat. Er sah, dass die SVP das Titelblatt von ‹20-Minuten› gekauft hat, um dort Werbung zu machen. «Mir langets», fand er und zog ein sogenanntes Crowdfunding auf, eine Online-Spendensammlung mit dem Ziel, ebenfalls die Titel-Seite von ‹20-Minuten› zu erwerben, um ein Gegengewicht zu setzen. Er hat es geschafft: Über 147 000 Franken hat Kaufmann gesammelt. Oder die Künstlerin Sonja Bischoff, die eine Demonstration für die Flüchtlinge auf dem Helvetiaplatz organisiert hat, und Tausende Leute kamen.

Beide wurden für ihre Aktionen auch kritisiert. Und zwar nicht nur von politischen GegnerInnen, sondern auch von Gleichgesinnten. Kaufmann helfe mit dieser Aktion nur ‹20-Minuten›, fanden die einen, das bringe doch nichts. Bischoff sei naiv gewesen, weil sie dazu aufgefordert hatte, dass die Kundgebung auf dem Platz bleibe. Es sei doch zu erwarten gewesen, dass es dann noch eine Demonstration geben würde, die dann auch zu einem Polizeieinsatz führen würde. Diese Kritikpunkte sind durchaus berechtigt. Aber ich finde, man sollte nicht immer das Haar in der Suppe suchen, wenn jemand etwas tut.

Jeder und jede, die sich politisch engagiert, exponiert sich auch. Und es mag der Grund sein, warum das viele Leute nicht tun wollen. Nicht jedeR mag sich Kritik aussetzen. Kritik schmerzt auch mehr, wenn sie aus den eigenen Reihen kommt. Politisches Engagement bedingt eine dicke Haut, die nicht jedeR tragen will.

In seinem Buch «Das Digitale Debakel» macht sich der Internet-Kritiker Andrew Keene lustig über den Versagenskult, der im Silicon Valley gepflegt wird. Dort ist man ein Loser, wenn man nicht schon mindestens eine Firma in den Sand gesetzt hat. In der Schweiz wird Fehlerkultur zwar wohl in den Management-Seminaren gepredigt, aber kaum gelebt. Mir scheint hier eher, es gäbe eine ‹Vision Zero›. Lieber nichts tun, als mal einen Fehler zu machen.

 

Die SP hat in ihrem Parteiprogramm die Wirtschaftsdemokratie ins Zentrum gestellt. Was ist damit gemeint? «Die Antwort ist im Grunde einfach: Wir wollen, dass nicht der Mensch im Dienst der Wirtschaft steht, sondern die Wirtschaft im Dienst des Menschen.  (…) Wir wollen eine Wirtschaft, die dem guten Leben dient, die natürlichen Lebensgrundlagen erhält und das faire Zusammenleben aller in einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft fördert, in der wir gerne leben.» Das klingt gut, ist aber ein wenig abstrakt.

 

Für mich bedeutet es schlicht, dass wir als Sozialdemokratinnen, Linke und Grüne uns als Teil der Wirtschaft sehen sollen. So wie wir alle auch Teil der Gesellschaft sind. Die Wirtschaft sind nicht die anderen. Es sind wir alle. Und wir sollten selbst Verantwortung übernehmen. So wie die Sozialdemokratie und die Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert Konsum- und Wohngenossenschaften gründeten. Und wie die 1980er-Bewegung Beizen und Kulturinstitutionen gründete. Es gibt viele Möglichkeiten, die Wirtschaft zu verändern. Indem man sich selbstständig macht, eine Firma oder eine Genossenschaft gründet. Oder einer Gewerkschaft beitritt und sich in der Personalkommission für die Rechte von Arbeitnehmenden stark macht. Auf die Gefahr hin, wie ein Fleisch gewordenes Zuckersäckchen zu tönen: Lass uns mehr wagen. Selbst wenn es in die Hose geht. Hinterher ein wenig klüger zu werden, ist schliesslich auch etwas.

 

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