Journalismus zum Anfassen

Am letzten Wochenende hat Tsüri.ch (www.tsri.ch) den fünfjährigen Geburtstag  gefeiert. Auch in Zukunft will die Online-Zeitung ihrem Konzept treu bleiben und mit offenen Augen gute Geschichten über Zürich schreiben.

 

Thomas Loosli

 

Wie kommt man auf die Idee, im Jahr 2014 eine Zeitung zu gründen? Simon Jacoby machte ein Praktikum bei ‹Watson› und hatte keine Aussicht auf eine Festanstellung. Also entschloss er sich kurzerhand, eine eigene Zeitung ins Leben zu rufen. Er hatte den Eindruck, dass es in Zürich viele spannende Themen und coole Projekte gab, über die in den Medien kaum berichtet wurde. Daran wollte er etwas ändern. Zustande kam die Online-Zeitung Tsüri.ch im Rahmen seines Kulturpublizistikstudiums. Sie war eigentlich gedacht als eine Art Studiselbsthilfeprojekt. «Am Anfang hatten wir nichts anderes als eine selbstgebastelte WordPress-Seite, ein Facebook-Konto und Google Drive.» Nach einem Monat hatte das ‹Selbsthilfeprojekt Tsüri.ch› zur Überraschung aller 25 000 UserInnen und nach einem halben Jahr entschied Simon Jacoby, aufs Ganze zu gehen, sein Studium abzubrechen, einen Verein und eine Firma zu gründen. Das habe schon etwas Mut gebraucht. «Wir wussten ja nicht, ob uns die Geschichten irgendwann ausgehen würden», meint Simon Jacoby und schmunzelt. Heute hat Tsüri.ch acht Festangestellte (darunter sind zwei VollzeitpraktikantInnen) und verfügt über einen Pool an Freelancern.

 

«Civic Media» macht Journalismus erlebbar 

 

«Im Community-Bereich sind wir wohl besser als die anderen», sagt Simon Jacoby als Antwort auf die Frage, was Tsüri.ch speziell mache. Tsüri.ch setzt Themen, organisiert Stadtspaziergänge, Workshops, Podiumsdiskussionen oder man fährt zusammen mit den LeserInnen an eine Velodemo. «Wir machen Journalismus zum Anfassen», meint Redaktorin und Community-Verantwortliche Seraina Manser. Es soll ein Austausch entstehen zwischen JournalistInnen und LeserInnen. Dieser Austausch funktioniert bei Tsüri.ch neu nicht nur über Einzelevents, sondern wird mit dem Setzen von Themenschwerpunkten gesucht. Seit dem Sommer 2018 hat tsüri.ch die Themen «Smart City», «Sucht» und die «Zukunft der Arbeit» lanciert. Mit der «Pitch Night» startet das Thema jeweils. Zum Auftakt von «Smart City» kamen 300 Personen ins ‹Kosmos›. Es folgten Workshops, Diskussionen und viele Artikel zum Thema. Im kommenden Februar und März wird der Fokus auf «Bildung» gelegt, im Frühsommer geht es um «Reisen und Mobilität» und später um «Liebe und Sexualität». Eine weitere Eigenheit von Tsüri.ch ist der Community-Freitag. Member können über einen Artikel entscheiden, der erscheinen soll. Drei stehen jeweils zur Auswahl.

 

«Unsere Einzigartigkeit wollen wir behalten»

 

Um Events zu organisieren braucht es PartnerInnen, Sponsoren und Fundraising. Die Website Tsüri.ch ist frei zugänglich, aber gesucht werden Member, die bereit sind, die Arbeit der JournalistInnen zu entschädigen. Momentan sind es etwa 800 zahlende Member. Vorgeschlagen wird ein Beitrag von 15 Franken pro Monat, aber auch fünf Franken sind gerne gesehen. Es bräuchte dieses Jahr 1500 Member, um die schwarze Null zu erreichen, das heisst, alle vorgesehenen Löhne, die Miete und die Ausgaben für das Marketing hereinzuholen. Die Member profitieren vom Newsletter, einer Event-Agenda und Rabatten im Tsüri-Shop. «Für nächstes Jahr haben wir den Plan, finanziell stabil zu werden und bessere Löhne zu zahlen», meint Simon Jacoby. Zweimal schon führte Tsü-
ri.ch grosse Crowdfundings durch, um das Bestehen der Online-Zeitung zu garantieren. Um mit Werten und Haltungen wie Nachhaltigkeit und Unabhängigkeit nicht in Konflikt zu geraten, ist die Tsüri-Crew aber nicht bereit, Inserate von allen Firmen entgegenzunehmen. «Unsere Einzigartigkeit wollen wir behalten, sonst könnten wir gerade so gut bei einer grossen Zeitung arbeiten», gibt Simon Jacoby zu Bedenken.

 

Gespür für den Zeitgeist

 

Die LeserInnen von Tsüri.ch sind im Durchschnitt etwa 30 Jahre alt und ungefähr 75 Prozent davon haben einen Hochschulabschluss. Um nicht nur mit der ‹Bubble› zu kommunizieren, wird Tsüri.ch nächstes Jahr jeden Monat aus einem der zwölf Stadtkreise berichten und einen Guide erstellen, wo man den Kaffee trinken soll oder ins Theater geht. «Gerne würden wir zudem Reportagen machen und redaktionell etwas näher an die Aktualität rücken», meint Simon Jacoby.

 

Auch geplant sind Kolumnen. Es gibt bereits  eine Papi-Kolumne, eine Sans-Papiers-Kolumne und bald auch den Blog «Das da unten», wo es um Feminismus und Sex gehen wird. Eine Vision für die Zukunft ist bei Tsüri.ch am Entstehen. Mit Sicherheit hat das Stadtmagazin ein Gespür dafür entwickelt, den Zeitgeist der Generation Zürichs um die 30 Jahre einzufangen und abzubilden. Nicht zuletzt schafft es Tsüri.ch, etwas vom Bierernst der herkömmlichen Medien abzukommen.

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