Geld für Flüchtlingskinder ist gut investiertes Geld

Für Schule und Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen braucht es mehr Mittel, finden die Lehrerin und Präsidentin VPOD Lehrberufe Katrin Meier und der Lehrer Jonas Abplanalp. Die Gründe dafür erklären sie im Gespräch mit Nicole Soland.

 

Die Konferenz der kantonalen SozialdirektorInnen hat am 20. Mai ihre Empfehlungen zu unbegleiteten minderjährigen Kindern und Jugendlichen aus dem Asylbereich vorgestellt. Der VPOD doppelte am 26. Mai an einer Medienkonferenz mit einem ausführlichen Forderungskatalog nach: Reichen die Empfehlungen nicht aus?

Katrin Meier: Die Empfehlungen der SozialdirektorInnen sind insofern in unserem Sinne, als sie auf ein Grundproblem im Umgang mit Flüchtlingskindern reagieren – eines, das die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die sogenannten UMA, speziell betrifft. Es besteht darin, dass bislang zu viel dem Zufall überlassen, also reines Glück oder Pech ist. Die Unterschiede bezüglich Unterkunft, Betreuung und Bildung zwischen den Kantonen und innerhalb eines Kantons können riesig sein.

 

Inwiefern?

Katrin Meier: Der Alltag einiger UMA lässt sich kurz mit ‹nicht-betreut› charakterisieren, sie leben gemeinsam mit den Erwachsenen in Asylunterkünften, müssen teilweise alleine an Befragungen zum Asylverfahren und können erst nach einigen Wochen oder Monaten die Schule besuchen, während andere vorbildlich von einer Vertrauensperson oder einem rechtlichen Beistand begleitet werden, so rasch als möglich in der Schule integriert werden und in eigenen Wohnheimen untergebracht sind.

Jonas Abplanalp: Als Lehrer betreue ich zurzeit eine Klasse, die nur aus unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden besteht. Wie gross die Unterschiede nur schon innerhalb des Kantons Zürich sind, erlebe ich gerade hautnah: Einer meiner Schüler muss umziehen. Während er hier betreut wurde, wird er am neuen Ort in der Schule allein gelassen. Und ich frage mich: Wie sollen sich die Kinder und Jugendlichen integrieren, wenn sie sehen, dass es keine einheitlichen Regeln gibt, die für alle gelten? Wie sollen sie verstehen, dass man von ihnen erwartet, sich möglichst rasch zu integrieren, aber man ihnen anderseits nicht die dafür nötigen Ressourcen zur Verfügung stellen will?

Katrin Meier: Am 23. Mai war in der NZZ zu lesen, dass die Stadt Zürich zu wenig geeignete Plätze habe und deshalb 45 UMA in der Messehalle in Oerlikon bei den erwachsenen Flüchtlingen einquartieren musste. Auch hier gilt somit: Nur wer Glück hat, in diesem Fall die anderen der rund 100 der Stadt zugewiesenen UMA, findet Aufnahme in einer spezialisierten Institution. Angesichts der Strapazen der Flucht und der generell schwierigen Lage der unbegleiteten Minderjährigen darf aber nicht das Los darüber entscheiden, ob jemand hier einen guten Start in ein neues Leben bekommt oder nicht.

 

Ganz ohne Konzept und ohne vernünftige Angebote stehen weder Kanton noch Stadt Zürich da.

Katrin Meier: Natürlich gibt es in der Schweiz und auch im Kanton Zürich gute Angebote mit Vorbildcharakter. Das Ziel muss aber sein, überall gute Lösungen zu schaffen.

Jonas Abplanalp: Kommt hinzu, dass es mit guten Konzepten allein nicht getan ist. Was zählt, ist deren Umsetzung – und da gibt es noch Verbesserungspotenzial; aber das ist auch durchaus menschlich.

Katrin Meier: In der Messehalle wurden den UMA laut NZZ unterdessen zwei SozialpädagogInnen zur Seite gestellt, was 173 000 Franken koste. Wie viel Geld wir später sparen können, wenn wir jetzt alles tun, um diese jungen Menschen gut zu integrieren, lässt sich leider nicht so leicht feststellen.

Jonas Abplanalp: Eigentlich müsste es eine Begleitperson pro vier, fünf Kinder haben. Zwei SozialpädagogInnen für zirka 20 Kinder und Jugendliche wie im Haus Sonnenberg, wo die Flüchtlingskinder wohnen, die ich zurzeit unterrichte, sind zu wenig.

 

Brauchen tatsächlich alle unbegleiteten Jugendlichen zwingend viel mehr Betreuung als jene, die zusammen mit ihren Familien geflüchtet sind? Sie müssen doch alle in erster Linie Deutsch lernen, um sich integrieren zu können.

Jonas Abplanalp: In meiner Klasse sind wahrscheinlich zwei Drittel bis drei Viertel der Jugendlichen traumatisiert. Eigentlich müssten wir einen Psychologen haben, der einmal pro Woche vorbeikommen und mit der Klasse arbeiten könnte. Dass davon keine Rede sein kann, ist ausschliesslich eine Frage des Geldes, und das dürfte nicht sein, finde ich.

Katrin Meier: Dass sie von der Flucht traumatisiert sind, unterscheidet diese Kinder hauptsächlich von ‹gewöhnlichen› Pflegekindern und sollte auch rechtfertigen, dass man für sie mehr Ressourcen zur Verfügung stellt. Natürlich ist es richtig, dass alle Deutsch lernen müssen, egal, ob sie mit oder ohne Familie zu uns gekommen sind. Nur: Auch hier braucht es erst die nötigen Ressourcen, beispielsweise müssen zusätzliche Stellen für genügend LehrerInnen für Deutsch als Zweitsprache geschaffen werden.

Jonas Abplanalp: Selbst Kinder, die mit ihren Eltern geflüchtet sind, leiden unter Umständen unter Traumata und brauchen ebenso spezielle Betreuung wie die UMA. Ursprünglich hatte ich 17 UMA in einer Klasse; später wurde sie glücklicherweise aufgeteilt in eine ‹schwächere› und eine ‹stärkere› Klasse. Sehr bald stellte ich fest, dass es bei weitem nicht nur darum gehen kann, diesen Jugendlichen die deutsche Sprache beizubringen. Mein Auftrag ist viel breiter, denn die UMA sind entwurzelt und total aus dem System rausgefallen, in dem sie ihre ersten Lebensjahre verbracht haben. Ich habe Kinder unterrichtet, die auch hier und heute noch nächtelang ihre Eltern suchen. Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen sind ihnen völlig abhanden gekommen. Um beides wieder aufzubauen, brauchen sie Menschen, die sie stützen. Das ist gerade am Anfang noch wichtiger. Erst danach ist das Erlernen einer Sprache bei vielen Jugendlichen wirklich möglich.

 

Warum leben diese Kinder und Jugendlichen nicht in Pflegefamilien? Diese böten ihnen ein stabiles Umfeld, in dem sie wieder Vertrauen fassen können – dafür sollte doch nicht die Schule zuständig sein müssen.

Jonas Abplanalp: Im Kanton Zürich können sie erst dann umfänglich zu Pflegefamilien kommen, wenn sie als Flüchtlinge anerkannt sind und den Ausweis F haben. Solange das Verfahren noch läuft, geht das nicht.

Katrin Meier: Im Kanton Solothurn ist es möglich, Kinder auch ohne Ausweis F in Pflegefamilien zu betreuen: Ein weiteres Beispiel dafür, dass wir dringend mehr Koordination und einheitliche Abläufe brauchen.

Jonas Abplanalp: Zwar bekommt im Kanton Zürich jedes unbegleitete Flüchtlingskind von Anfang an einen Beistand, was ich sehr sinnvoll finde – nur: Der Beistand der Kinder meiner Klasse ist für viel zu viele Kinder und Jugendliche zuständig. Er macht einen super Job, aber er ist ununterbrochen dran. Auch hier braucht es also mehr Ressourcen.

Katrin Meier: Er ist zudem kein Einzelfall: Wer involviert ist in die Arbeit mit Flüchtlingskindern, ist enorm engagiert und macht sehr viel, aber die Gefahr der Überlastung ist gross.

Jonas Abplanalp: Oder die Gefahr, dass man irgendwann nur noch frustriert ist. Zurzeit stehen zum Beispiel bei meiner Klasse die Laufbahnentscheidungen an. Leider gibt es keine konkrete Person, die sich damit beschäftigt. Es hat zu wenig Personal, und wer arbeitet, übernimmt viel Verantwortung. Auch die Vernetzung zwischen Wohnen, Schule und Betreuung könnte besser sein. Ich habe meine Klasse im letzten Oktober übernommen; es gibt viele personelle Wechsel in diesem Arbeitsfeld.

Katrin Meier: Diesen Kindern fehlen die Eltern, und ihre Bezugspersonen wechseln ständig. Sobald sie etwas Vertrauen aufgebaut haben, ist wieder alles anders; das ist alles andere als optimal. Würde da mehr in weiteres unterstützendes Personal investiert, wäre die Fluktuation bei den Betreuenden und den Lehrpersonen kleiner und die Kinder und Jugendlichen hätten eine Chance, Vertrauen aufzubauen.

Jonas Abplanalp: Zudem hat es für grosse Wohngruppen mit zehn bis zwanzig Kindern und Jugendlichen einfach zu wenig Personal.

Katrin Meier: Der Betreuungsschlüssel müsste sein wie in einem Heim und an das Alter der betroffenen Kinder angepasst sein.Stattdessen sind die Kinder viel zu oft auf sich allein gestellt.

Jonas Abplanalp: Wir haben uns beispielsweise dafür eingesetzt, dass sie am Mittagstisch in unserem Schulhaus essen dürfen, doch das hat bis jetzt nicht geklappt: Es ist zu teuer. Stattdessen müssen die Kinder über Mittag in den Sonnenberg und sich dort etwas kochen. Da der Weg weit ist, können wir am Nachmittag erst eine Viertelstunde später anfangen als die andern Klassen in unserem Schulhaus. Das wiederum ist ungünstig, weil die Kinder sonst beispielsweise den Sportunterricht zusammen mit einer Regelklasse besuchen könnten, was auch für die Integration gut wäre. Kurz: Eigentlich müsste ich für jedes der Kinder in meiner Klasse eine Gefährdungsmeldung machen – beziehungsweise wenn sie keine UMA wäre, hätten sie eine solche Meldung auf sicher.

 

Weshalb eine Gefährdungsmeldung?

Jonas Abplanalp: Weil sie als Minderjährige in einem fremden Land auf sich allein gestellt sind, weil ihnen niemand Mittagessen kocht, weil kaum jemand kontrolliert, ob sie Hausaufgaben machen, weil alle eine Traumatherapie bräuchten, und so weiter.

 

Die Liste der Forderungen für die Kinder, die der VPOD den Medien präsentierte, ist tatsächlich lang geraten. Sonst heisst es doch jeweils, weniger ist mehr

Katrin Meier: Von wegen: Von der Altersguillotine beispielsweise haben wir noch gar nicht gesprochen. Viele unbegleitete Flüchtlinge sind 16 oder 17 Jahre alt und laufen somit Gefahr, nicht mehr oder nur für ein Jahr in die Volksschule zu dürfen. Wir fordern, dass alle mindestens zwei Jahre in die Schule gehen können und auch weiter begleitet und betreut werden, damit sie eine Erstausbildung abschliessen können. Eine solche ist in jedem Fall wichtig, nicht zuletzt fürs Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen der jungen Leute. Auch falls sie das Land wieder verlassen müssen, sind sie mit einer Erstausbildung im Sack besser dran.

 

Das alles kostet viel Geld, doch der Kanton Zürich muss bekanntlich sparen, und die Mehrheit im Kantonsrat dürfte für die Forderungen des VPOD kein Musikgehör haben.

Katrin Meier: Der Bund muss die Kantone bei dieser Aufgabe mehr unterstützen.

Jonas Abplanalp: Der Bevölkerung ist das bereits bewusst; viele erinnern sich an die Balkanflüchtlinge und können sich rückblickend gut vorstellen, was möglich gewesen wäre, wenn man damals mehr gemacht hätte. Heute haben wir die Chance, es besser zu machen. Und es gibt durchaus gute Beispiele; die Stadt Uster zahlt jedem Flüchtling einen Deutschkurs.

Katrin Meier: Unsere Forderungen sind keineswegs nur eine Wunschliste. Was wir jetzt investieren, bekommen wir später zurück. Heute bezieht beispielsweise ein grosser Teil der Flüchtlinge aus Eritrea Sozialhilfe. Wenn wir jetzt Geld in die Hand nehmen und die jungen Menschen, die zu uns flüchten, gut ausbilden und integrieren, dann sparen wir künftig ein Vielfaches dessen, was wir investiert haben. Denn diese Menschen werden keine Sozialhilfegelder brauchen, sondern auf eigenen Beinen stehen können.

 

Und wie bringen Sie diese These unter die Leute?

Katrin Meier: Im Grossen Rat des Kantons Waadt hat der Lehrer und Grossrat Julian Eppenberger eine Interpellation deponiert, und die Waadtländer Nationalrätin Cesla Amarelle plant einen entsprechenden Vorstoss im Nationalrat. Weitere Vorstösse in kantonalen Parlamenten sind geplant. Wir hoffen natürlich, dass die Botschaft so auch via Medien breit gestreut wird.

Es liegt doch auf der Hand, dass wir nicht erst besonders verletzliche Flüchtlinge wie die UMA aufnehmen können – und sie dann links liegen lassen. Die Schweiz ist immer noch ein reiches Land, auch dem Kanton Zürich geht es noch gut, kurz: Wir können es uns leisten, die UMA, egal in welchem Kanton sie sind, angemessen zu unterstützen, zu begleiten und zu bilden.

Jonas Aplanalp: Wir sollten das nicht zuletzt auch im eigenen Interesse zu tun: Flüchtlinge jeden Alters, aber insbesondere UMA, die sich hier gut aufgenommen, verstanden und respektiert fühlen, laufen viel seltener Gefahr, sich Gruppen anzuschliessen, die sie auf die schiefe Bahn oder in islamistische Zirkel locken könnten. Angesichts von Gruppen von Flüchtlingen, die nur am Bahnhof rumhängen, habe ich ein ungutes Gefühl. Sie sind jetzt hier, und sie brauchen jetzt Betreuung und eine Aufgabe – unabhängig davon, ob sie später wieder in ihre Heimat zurückkehren oder nicht.

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