Fürs «Rütli des 21. Jahrhunderts»

An dieser Stelle präsentieren wir jene KandidatInnen aus dem links-grünen Spektrum, die als Neue entweder die Spitze der Liste einnehmen oder eine realistische Chance besitzen, gewählt zu werden. Diese Woche ist das Kantonsrätin Corina Gredig, die als zweitjüngste Kandidatin der Grünliberalen und Nummer 1 der Neuen antritt.

 

Es war anno 2003, in Zürich fand eine grosse Anti-Irakkrieg-Demo statt, und die 1987 geborene Corina Gredig nahm mit ihrer fast vollzähligen Schulklasse teil. Dieses Ereignis prägte sich ihr ein als der erste politische Anlass, an dem es selbstverständlich war, auf die Strasse zu gehen – für ihre Generation im allgemeinen und für sie als Jugendliche aus einem eher bürgerlichen Haushalt im speziellen: «Wir waren schlicht empört darüber, was damals im Irak passierte. Unter uns Schülerinnen und Schülern war die Stimmung vergleichbar mit jener, welche die heutige Klimajugend auf die Strasse treibt.»

Corina Gredigs Mutter wuchs als Arbeiterkind im Kreis 5 auf, ihr Vater arbeitete in der kantonalen Steuerverwaltung, sie ist die erste Akademikerin der Familie. Zuerst absolvierte sie die Handelsmittelschule an der Kanti Hottingen und startete ihr Berufsleben bei einer Bank. Später zog sie nach Lausanne, holte berufsbegleitend die Matur nach und studierte danach an der Uni Zürich Politik und Volkswirtschaft. Das Studium verdiente sie sich mit Nebenjobs im Banken- und im Bildungsbereich von A bis Z selber und lernte dabei, «mit wenig auszukommen». Während des Studiums kamen 2011 und 2015 ihre beiden Kinder zur Welt. Ihre Masterarbeit in Politikwissenschaften behandelt das Thema «digitale Demokratie».

 

«Inhalt vor Ideologie»

Wie fand Corina Gredig ihre politische Heimat bei den Grünliberalen? «Als ich erstmals die Fragen bei Smartvote beantwortete, hatte ich die grösste Übereinstimmung mit den Grünliberalen.» Also habe sie sich informiert, was denn Verena Diener und Tiana Moser so machten, und das habe sie überzeugt, erzählt Corina Gredig. Zudem sei ihr Gerechtigkeit sehr wichtig, fügt sie an. War die SP keine Option? «Die SP setzt meiner Meinung nach zu viel auf staatliche Lösungen. Und die FDP schützt oft lieber die Pfründe der eigenen Klientel, statt Umwelt- und Volkswirtschaftspolitik zu machen. Sie verkennt, dass nicht alle Menschen die gleichen Chancen ab Geburt haben. Ich bin bei den Grünliberalen als Mittepartei am richtigen Ort». Bei der AkademikerInnenpartei GLP, der Partei der Umweltwissenschafter und Ingenieurinnen hat sie überzeugt, «dass sie gleich auf den Punkt kommen». Das könne durchaus mal trocken oder langweilig scheinen, «doch bei der GLP kommt Inhalt vor Ideologie, und das habe ich von Anfang an sehr geschätzt».

Corina Gredig war von September 2017 bis April 2019 Zürcher Gemeinderätin und vertritt die GLP Kreis 7/8 seit Mai 2019 im Kantonsrat. Nun will sie bereits wieder weg, nach Bern in den Nationalrat. Mangelndes Sitzleder könne man ihr dennoch nicht vorwerfen, findet sie. Ihre politische Arbeit sei erst vor einem Jahr einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden, als sie und Nicola Forster Co-PräsidentInnen der GLP Kanton Zürich wurden: «Ich bin jedoch bereits seit fast zehn Jahren Mitglied. In dieser Zeit habe ich sehr viel Arbeit in die Partei investiert, nicht zuletzt ins Politlabor, das ich vor vier Jahren mitgegründet habe und dessen Geschäftsleiterin ich heute bin.»

Mit ihrem langjährigen Engagement hinter den Kulissen erklärt sie sich auch ihre gute Platzierung: Auf die Spitzenkandidatinnen Tiana Moser und Martin Bäumle folgt Corina Gredig, noch vor den KantonsrätInnen Jörg Mäder, Judith Bellaiche und Michael Zeugin.

 

«GLP steht für Wandel»

Das Politlabor bezeichnet Corina Gredig als einen Ort, an dem sich neue Formen der politischen Partizipation entwickeln können: «Wir Grünliberalen stehen für Wandel, wir freuen uns auf die Zukunft und sind offen für Veränderungen.» Im Politlabor würden neue Ideen breit diskutiert, anstatt sie mit Sätzen wie «aber das funktioniert doch nicht» viel zu schnell abzuwürgen.

Inhaltlich finden sich auf der Website des Politlabors aktuell Themen wie das Rahmenabkommen mit der EU, der «Dorfplatz im 21. Jahrhundert», Mobilität 4.0, Parteien und Transparenz, Drogenpolitik, Arbeitswelt 4.0 oder Wegwerfgesellschaft. Auf den ersten Blick ist da nicht allzu viel Grün dabei – sind die Grünliberalen also doch vor allem liberal? Corina Gredig verweist auf ein Projekt zum Thema Foodwaste, mit dem sich eine Gruppe im Politlabor zurzeit beschäftigt und das als Vorstoss in Bern eingebracht werden soll:   «Landwirtschaftsbetriebe und Lebensmittelhändler, denen es gelingt, die Lebensmittelverschwendung in ihrem Betrieb zu reduzieren, sollen künftig weniger Steuern bezahlen müssen», führt sie aus. Andere Gruppen rechnen zurzeit ein System für ein Mobility Pricing durch oder suchen nach Wegen, wie wir der Kreislaufwirtschaft einen Schritt näherkommen.

 

Gutes Verhältnis mit Europa «zentral»

Themen, die ihr am Herzen liegen, sind die «Ehe für alle» sowie ein Steuersystem, das unabhängig vom Zivilstand funktioniert. Beim Klimaschutz fehlten in Bern nur wenige Stimmen, um eine solide Mehrheit für griffige Massnahmen zu erhalten, gibt sie zu bedenken. Sie würde in Bern mit allen «konstruktiven Kräften» zusammenarbeiten, egal, ob diese links oder rechts der Mitte angesiedelt seien. Auch in der SVP gebe es pragmatische Menschen.

«Wichtig ist mir, dass die progressiven Kräfte zusammenstehen und gegen Abschottungstendenzen ankämpfen.» Die Bilateralen und der Rahmenvertrag seien für sie «etwas plakativ ausgedrückt so etwas wie das Rütliabkommen des 21. Jahrhunderts. Ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis mit Europa ist für mich in unserer immer vernetzteren Welt absolut zentral». Wird sie gewählt, will sie sich einsetzen «für eine gesunde Umwelt, eine offene Wirtschaft und eine liberale Gesellschaft, die auch an die Bedürfnisse der jungen, urbanen Menschen denkt».

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