Essen, Mensch und Umwelt

Am 20. März fand im Zürcher Engrosmarkt die Gründung des Ernährungsforums Zürich statt. Was dieser Verein tut, was seine Pläne und Visionen sind, darüber spricht Co-Präsident Michel Roux mit Leonie Staubli.

 

Was ist eigentlich das Ernährungsforum?

Michel Roux: Das Ernährungsforum ist ein Forum für die Gestaltung und Förderung einer guten Ernährung in Zürich. Der Begriff «gut» ist bewusst offen; jeder versteht etwas anderes darunter, und das soll auch so sein. Wir wollen niemandem vorschreiben, was er unter guter Ernährung zu verstehen hat, das muss man für sich selber entscheiden. Aber wir alle ernähren uns, und auf diese Art haben wir eine Wirkung auf die Wirtschaft, auf die Umwelt und auf die Gesundheit der Leute. Gerade in Zürich sind viele Menschen sensibilisiert darauf, vor allem auf die Auswirkungen der Ernährung auf die Umwelt. Es gab sogar im November eine Volksabstimmung zu dem Thema. Die Stadt hat nun offiziell den Auftrag, einerseits die Belastung, die durch die Ernährung auf die Umwelt erfolgt, zu senken, und andererseits die Bevölkerung über den Zusammenhang von Ernährung und Klimafolgen zu informieren.

 

Was hat das Ernährungsforum damit zu tun?

Direkt haben wir damit nichts zu tun, aber wir stehen im Austausch mit dem Umwelt- und Gesundheitsschutz Zürich (UGZ), der gerade dabei ist, ein Positionspapier zu erarbeiten, worin erkennbar ist, welche Handlungsmöglichkeiten die Stadt Zürich hat. Wenn es das Ernährungsforum nicht gäbe, würde der städtische Prozess zwar trotzdem laufen, aber diese zwei unabhängigen Projekte können sich jetzt gegenseitig voranbringen. Vor allem möchten wir jedoch Raum und Gelegenheiten bieten, dass die Mitglieder sich austauschen und eigene Ideen und Bedürfnisse zum Thema Ernährung verwirklichen können.

 

Was genau kann eine Einzelperson als Mitglied machen?

Wir werden vier bis fünf Arbeitskreise bilden und möchten in den nächsten Monaten im Austausch mit den Mitgliedern die Themen dafür definieren. Beispielsweise könnte ein Thema Bildung sein, allerdings im weitesten Sinne: vom Kindergarten bis zur Berufsbildung. Dann könnte man dafür sorgen, dass Leute, die in der Bildung mit dem Thema Ernährung arbeiten, mit ihren Klassen eine Exkursion machen könnten. Wenn eines unserer Mitglieder eine Lehrperson ist, würde sie also vielleicht bei diesem Arbeitskreis mitmachen wollen. Sie könnte dann Inputs geben, wie ihr zu diesem Thema am besten gedient wäre. Zum Beispiel hatten wir eine Anfrage vom Geschäftsführer des Zürcher Engrosmarkts; dieser wird oft von Schulen gebeten, Führungen zu organisieren, aber er hat dafür nicht die Kapazität. Da könnten wir ansetzen und herumfragen, wer von unseren Mitgliedern Lust hätte, solche Führungen zu übernehmen und ein paar Guides zur Verfügung stellen. Das wäre dann Freiwilligenarbeit und als Einzelmitglied könnte man sich für so eine Aufgabe melden.

 

Und wenn man das Forum unterstützen, sich aber nicht engagieren möchte?

Diese Leute zahlen dann einfach die 30 Franken Mitgliederbeitrag und bekommen die Informationen darüber, was bei uns läuft. Wir freuen uns über jede BesucherIn. Aber wir wollen den Leuten natürlich auch aufzeigen, wo Bedarf nach Freiwilligenarbeit bestünde.

 

Gibt es schon konkrete Pläne und Vorhaben?

Wir wollen in erster Linie eine Dialogplattform sein, mit Veranstaltungen. Und dann wollen wir alles, auch die guten Dinge, kritisch betrachten. Wenn wir uns ernähren, soll das positive Auswirkungen auf die Umwelt, die Gesellschaft und die Wirtschaft haben. Und nicht positive Auswirkungen auf die Wirtschaft auf Kosten der Umwelt oder der Gesellschaft.

 

Geht das Hand in Hand?

Nein, wir haben ständig Zielkonflikte. Es ist kein Schmusekurs! Man kann kein Essen machen, ohne in die Natur einzugreifen. Das geht einfach nicht. Aber der Druck auf die Natur oder auf Leute in der Ernährungswirtschaft ist gross, und manchmal halt zu gross. Wir wollen alles daran setzen, herauszufinden, wo wir diesen Druck senken können. Wir alle unterliegen Rahmenbedingungen, aber wir glauben, dass unsere Spielräume noch nicht ausgeschöpft sind.

 

Ihr Beruf als Agrarökonom hat wohl viel mit Ihrem Engagement zu tun?

Klar, das ist mein Thema, seit immer. Nach meinem Studium haben wir uns vor allem auf Verbesserungen in der Landwirtschaft, also auf die Produktion konzentriert. Was wir jetzt machen, im Ernährungsforum, das setzt bei den Konsumenten an. Auf sie wollen wir eingehen. Die Konsumenten sind natürlich heterogen und verhalten sich immer anders. Wir wollen all diesen verschiedenen Konsumbedürfnissen und Lifestyles gerecht werden. Da wollen wir die interessierten EinwohnerInnen Zürichs abholen. An der Gründung des Forums haben etwa 50 Firmen und 20 Organisationen mitgewirkt.

 

Sind das Organisationen, die das Ernährungsforum finanzieren?

Nein, noch nicht. Sie werden etwas Mitgliederbeitrag bezahlen, aber das reicht nicht. Von der Stiftung Mercator haben wir jedoch einen Beitrag gutgeschrieben bekommen, der uns ermöglicht, eine 30-Prozent-Geschäftsstelle für zwei Jahre zu finanzieren.

 

Aufklärung und Information ist ein grosses Thema. Was haben Sie da vor?

Wenn wir eine Informationskampagne machen wollen, ist das natürlich teuer. So etwas müsste man finanzieren können und dafür brauchen wir Partner. Aber die Stadt Zürich hat ja den Auftrag, die BürgerInnen zu informieren; für so eine Kampagne wären wir ein guter Partner für die Stadt. Sonst fungieren wir sozusagen als Anlaufstelle für alle, die eine Projektidee haben, und bieten unsere Unterstützung an. Aus den Arbeitskreisen heraus werden wir gewisse Ziele definieren und Massnahmen entwickeln um diese Ziele zu erreichen. Ich möchte aber darauf achten, dass nicht wir vom Vorstand allzu viel vorwegnehmen, denn das eigentliche Forum sind die Mitglieder. Sie haben ihre eigenen Ressourcen. Statt ihnen zu sagen, was sie zu tun haben, wollen wir lieber hören, was sie machen möchten, und verstehen, warum. Die Mitglieder sollen einfach das machen, was sie ohnehin machen wollen. Der Mehrwert, den wir ihnen bieten, ist ein Feedback. Wir geben den Leuten eine Bühne, damit ihre Ideen und Start-ups mehr Aufmerksamkeit bekommen.

 

www.ernaehrungsforum-zueri.ch

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