Erfolgsformel Co-Präsidium?

Die Nachfolge des SP-Fraktionspräsidiums im Zürcher Kantonsrat steht seit einigen Wochen fest: Sibylle Marti und Tobias Langenegger übernehmen zusammen nach Markus Späths Rücktritt. Im Gespräch mit Sergio Scagliola erklären die beiden, wo schon viel Vorarbeit geleistet wurde und was es noch zu tun gibt.

 

Auf was freuen Sie sich besonders in Bezug auf den anstehenden Amtsantritt?

Sibylle Marti: Ich glaube, das gilt für uns beide – ich freue mich extrem auf die Zusammenarbeit mit der Fraktion. Wir sind in der Fraktion momentan sehr gut aufgestellt, was sicher auch Markus Späths Verdienst ist. Die letzten Jahre waren durch eine starke und gute Leitung geprägt, was fraktionsintern zu einer sehr positiven und konstruktiven Diskussionskultur geführt hat. Wir haben die richtigen Leute am richtigen Ort, was mich enorm freut.

Tobias Langenegger: Da kann ich mich nur anschliessen. (zu Sibylle Marti:) Ich freue mich natürlich auch sehr auf die Zusammenarbeit mit Dir! Aber auch auf diejenige mit den anderen Fraktionen und generell darauf, diese Verantwortung zu übernehmen. Es ist uns wichtig, politische Ideen vo­ranzubringen. Sei es beim Klimaschutz, beim Service public oder bei besseren Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

S.M.: Ein Co-Fraktionspräsidium im Kantonsrat ist ein Novum. Nach der erfolgreichen Einführung dieses Konzepts auf anderen politischen Ebenen ist es nun an der Zeit, das auch im Kantonsrat zu tun. Dieser ist in seinen Strukturen und Abläufen nicht das reformfreudigste Gremium. Deshalb bin ich gespannt, wie sich das Co-Präsidium etablieren wird. Ich bin sicher, das ist zukunftsträchtig, schliesslich sieht man das Bedürfnis nach gemeinsamer Leitung auch bei anderen Parteien. 

 

Wieso denn dieses Novum?

T.L.: Für uns ist ein Co die optimale Zusammenarbeitsform, um Politik, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren. Wir haben beide Kinder. Bei uns beiden kommt Politik zu den beruflichen und familiären Verpflichtungen dazu. Zu zweit können wir Belastungsspitzen abfedern und einander auch einmal vertreten.

S.M.: Es ist auch gut, eine/n SparringpartnerIn zu haben. So können wir bei schwierigen Fragen schauen, ob sich unsere Einschätzung deckt. Und ein Co hilft auch dabei, dynamisch und flexibel zu sein. Gerade über das Wochenende passieren oft Dinge, die schnelle Entscheidungen verlangen: Wenn etwas eilt, ist es gut, einen engen Draht zu haben, um rasch Feedback einzuholen und sich gegenseitig zu besprechen, wo es hingehen soll und wie wir uns aufstellen wollen. 

 

Also kein Entscheid, um einer potenziellen Konfrontation zwischen Ihnen beiden aus dem Weg zu gehen?

T.L.: Nein, für mich war immer klar, dass ich dieses Amt nicht allein ausüben will. Wir möchten Vereinbarkeit nicht nur fordern, sondern auch leben.

S.M.: Genau. Ausserdem ist das schliesslich kein komplettes Novum: Gerade wenn man sich unsere Partei anschaut – dieser Kurs in Richtung mehr Co-Präsidien ist ein Bedürfnis, gerade für MilizpolitikerInnen.

 

Markus Späth-Walter meinte im letztwöchigen Interview im P.S., die SP müsse zur sozialen Stimme im Thema Klimapolitik werden. Wie?

S.M.: Dass die SP diese Stimme sein soll, da stehen wir natürlich voll und ganz dahinter. Die sogenannte Klimaallianz im Kantonsrat ist zu grossen Teilen auf die Initiative der SP zurückzuführen. Und in Bezug auf den Klimawandel: Dieser stellt die grösste Herausforderung dar, mit der wir uns während unseres Lebens beschäftigen müssen. Und dabei ist klar: Das geht nur mit Klimagerechtigkeit.

T.L.: Genau. Klimagerechtigkeit ist nicht verhandelbar. Wenn schlussendlich der ärmste Teil der Bevölkerung für den Klimaschutz zahlen muss, ist das nicht tragbar – das ist ein fundamentales Anliegen der SP. Wir müssen beispielsweise mit Umschulungen schauen, dass niemand durch die Maschen fällt und wir die benötigten Fachkräfte für den Jahrhundertumbau haben. Aber es ist uns auch wichtig, dass die Allianz an thematischer Breite gewinnt. Es sollte generell der gesellschaftliche Fortschritt im Zentrum stehen und nicht nur das Klima. 

 

Stichwort Klimaallianz: Was gibt es in der Stossrichtung der SP-Fraktion zu ändern?

S.M.: Nicht viel, wir sind da auf einem guten Weg. Die pandemiebedingte Krise hat gezeigt, dass sich die politischen Rezepte der SP bewähren – gerade in Krisensituationen ist es essenziell, den Menschen Sicherheit zu geben. Soziale Sicherheit steht im Zentrum unserer Politik. Und Umfragen während Corona haben gezeigt: Die Bevölkerung sieht das ähnlich. Ich denke also nicht, dass wir inhaltlich etwas ändern müssen. Aber wir müssen im Parteienwettbewerb noch deutlicher gehört werden. 

T.L.: Natürlich werden wir weiterhin Allianzen für Zukunftsprojekte bilden. In dieser Legislatur konnten wir beim Klimaschutz oder auch der Kleinkindförderung Mehrheiten für gute Projekte schaffen. Manchmal müssen wir auch Allianzen eingehen, um schädliche Kürzungen beispielsweise in den Bereichen Bildung und Kultur zu verhindern. Und gerade bei ideologischen Privatisierungsvorlagen werden wir auch einmal das Referendum ergreifen und starke Abstimmungskämpfe führen müssen.

 

Bevor es aber soweit ist: Was gibt es noch zu tun bis zum Amtsantritt?

T.L.: Uns ist es wichtig, alle mitzunehmen. Dadurch, dass es keine Gegenkandidatur gab und wir einstimmig gewählt wurden, ist es für uns zentral, alle in der Fraktion abzuholen. Wir wollen mit allen das Gespräch suchen, um ihre Erwartungen an das Fraktionspräsidium zu kennen.

S.M.: Zudem: Der grosse Wechsel kommt in einem Jahr. Nach den Wahlen werden die Karten neu gemischt. Dann werden wir uns als Fraktion neu aufstellen müssen.

 

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