Ein anderes #MeToo

Für eine Volksschullehrerin geziemt es sich wohl nicht, das eigene Kind auf eine Privatschule zu schicken. Das schmeckt nach «Wasser predigen und Wein trinken». In den Schulen, die ich von innen kenne, scheint es mir jedoch überdurchschnittlich oft vorzukommen.

 

Die Zeitschrift «Bildungspolitik» des VPOD (Nr. 214/Dez.19) suchte Gründe für die boomende Wahl von Privatschulen und fand: ein neoliberales Weltbild mit dem Wunsch nach sozialer Abgrenzung oder einem Vorsprung in der Karriere der Sprösslinge, eine Reaktion auf den verkopften Leistungsdruck an der Volksschule oder religiöse Hintergründe. Nun: Auch mein Kind ging auf eine Privatschule. Keiner der obigen Gründe trifft jedoch auf mich zu. Ich bin von der Volksschule überzeugt und finde etwa das amerikanische «Vorbild» verlogen. Aber es ging nicht anders.

 

Im Dorfschulhaus einer Zürcher Landgemeinde wurde meine Tochter als Neuzuzügerin vom ersten Tag an gemobbt. Man lachte sie sie aus, isolierte sie sozial, entwendete oder zerstörte ihre Sachen, schlug sie, tat oder drohte ihr Gewalt an. Beim Stufenwechsel wurde die Klasse nicht aufgelöst – die toxische Dynamik gärte weiter. Der Mittelstufen-lehrer hielt ADHS für eine Modeerscheinung und Mobbing in der Primarschule für inexistent. Er bescheinigte meiner Tochter eine «innere Emigration». Weder die Schulsozialarbeiterin noch der Spieltherapeut noch der IF-Lehrer konnten etwas bewirken. Man befand anklagend/ratlos eine nicht-altersgemässe persönliche Entwicklung. Eine sonderpädagogische Abklärung lehnte man ab («kein Wunschkonzert») – erst ein Anwalt konnte dieses gesetzlich verbriefte Recht durchsetzen. Die notwendige integrierte Sonderschulung wollte die Gemeinde ebenso wenig bieten («zu teuer»). Als meine Tochter sich zu wehren anfing, wurde ihr Gewalttätigkeit attestiert, sie bekam wegen Bagatellen (blauer Fleck, Türe knallen) zwei Verweise und sollte auf unbestimmte Zeit einzeln beschult werden – also noch mehr soziale Isolation. Da zogen wir die Notbremse und erstritten uns vor Gericht die Bezahlung einer Privatschule bis Ende der 6. Klasse. Danach obsiegte wieder die Bauernschläue der Gemeinde: Sie verfügte eine andere Institution inkl. einstündiger Anfahrt und erneutem Schulwechsel nach nur neun Monaten. Das lehnten wir ab und bezahlten fortan selber. Unterdessen verliessen alle übrigen «Sonderfälle» jener Klasse die Volksschule, genau wie schon in früheren Jahren. Wie auch in unserem Fall wurde jeweils Stillschweigen «vereinbart»…

 

Für solches Totalversagen gibt es auch strukturelle Gründe: zuvorderst jenen, dass vor einigen Jahren die IV aus dem Schulwesen abberufen wurde. Nun gibt es keine von der IV bezahlten Sonderschulen oder -klassen mehr. Die Volksschule soll die Lücke mit einem integrierten Angebot füllen. Da dieses jedoch von den Gemeinden mitfinanziert werden muss, gerät es im Rahmen von Steuersenkungen unter Druck. Ausserdem ist qualifiziertes Personal rar. Die Lehrpersonen müssen oft bis weit über ihre Kapazitäten hinaus selber wursteln. In der Zusammenarbeit der Heilpädagogik mit dem übrigem Unterricht existiert zudem keine «Best Practice» – jede Schule darf/muss das Rad selber neu erfinden.

 

Fazit: Die gute Absicht der inklusiven Schule hat einmal mehr zur Einsparung von Dienstleistungen geführt! Nicht nur die «freie Schulwahl» krankt also an einem neoliberalen Weltbild – dieser Virus hat schon lange auch die öffentliche Schule infiziert…

 

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