«Die Zukunft beginnt jetzt»

Die unzulänglichen Ausrufe der Wutbürger verknüpfen Sibylle und Michael Birkenmeier in Wortwitz und Liedern mit den gleichfalls ohnmächtigen technokratischen Beruhigungsansätzen zu einer beherzten finalen Quasibanalität: Gegen das Flüchtlingselend hilft das Vereinen von Kopf, Hand und Herz.

 

Entschuldigende Ausflüchte wie «das wird man wohl noch sagen dürfen» benötigen die Geschwister Birkenmeier ebensowenig, wie sie die brennendsten Fragen der Aktualität nicht zum Selbstzweck der baren Unterhaltung in ein kabarettistisches Bühnenprogramm giessen. Sie stossen sich sichtlich ernsthaft an geheuchelter Betroffenheit genauso, wie sie die Zusammenhänge versimplifizierenden Einwortlösungen ermatten. Sie scheuen kein Risiko, mit verblüffenden Gedankengängen aus der vermeintlichen Sicherheit der Masse herauszustechen und die unliebsame Rolle des Überbringers schlechter Nachrichten einzunehmen und selbst bei stärkstem Gegenwind den Kopf nicht einzuziehen. Selbst auf die Gefahr hin, ihn zu verlieren. In ihren Analysen von Widersprüchen der Scheinheiligkeit in Politik, Bildung, Wirtschaft und sogenannter Intelligenzia sind sie bedenkenswert trefflich frech und legen pikanterweise noch haufenweise Charme drauf. Ein freiwilliger Flüchtlingshelfer, der sich qua orangem Gilet erstmals mächtig, also ‹geil› fühlt, steht einer honorigen Person gegenüber, die, aller sie wichtig erscheinen lassenden Ämtermäntelchen enthoben, immer noch die Möglichkeit hat, «sich ein gutes, warmes Gewissen anzuziehen», damit die nackte Blösse nicht eingestanden werden muss. Jahrzehntelang auf «mein Kind, du bist, was du leistest» getrimmt, gilt die Unschuldsvermutung eines allfällig minimal verschobenen Wertekanons, «schliesslich machen alle nur ihren Job». Mit einem Firmenlogo versehen, fällt auch die verkrümmte Haltung in einer Zwangsjacke nicht mehr auf, und nach lebenslangem Studium und dem Selbstbewusstein, «ohne mich läufts nicht», sehen sich vermeintlich klügste Köpfe ermächtigt, die Welt als Vortragsreisende zu verbessern mit Seminartiteln wie: «Das Ende der Intelligenz als Schnittstelle zur geistigen Ästhetik». Qua-Qua-Qua singen sie daraufhin lustvoll im Ententanz und entblössen so das Infantile und das Grosskotzgehabe maximaler Kompetenz als in einer direkten Linie zusammenhängend. Panik ist der Antrieb und Angst die Währung, und die wilde Entschlossenheit hilft gegen Ohnmachtsgefühle bei allfälligem Gewahr werden, dass es die ganze verdrängte Vergangenheit ist, die als Zukunft auf uns zurückkommt. Willkommen in den «vereinigten Resignationen von Europa», deren Bürger nicht ahnen (sollen), was sie alles zahlen für eine Sicherheit, die gar nicht da ist, und mit einem Deal an der Aussengrenze kurzerhand das Asylrecht abschaffen. «Guter Draht ist teuer», kalauern sie weiter und fragen komplett unschuldig: «Haben wir Ihnen heute schon die Hand gegeben? Und haben Sie uns heute schon die Hand gegeben?» Vor lauter Brechreiz entwickelt er einen unkontrollierbaren Grimassenreflex mit weit herausgesteckter Zunge, worauf er vom Arbeitsamt schnurstracks zur Bekämpfung von Scheininvaliden eingesetzt wird – wo er allerdings im Ernstfall kläglich versagt und selber in die IV abgeschoben wird. Neben der Wut gegen die Analyse, dass der Trimmdichparcours ab Wickeltisch einen trotz gültigem Identitätsausweis aus der eigenen menschlichen Verortung verbannt und damit die Verantwortung keinesfalls bei einem selber liegen kann, erklären sie den aktuellen Zustand für mangelhaft: «Diejenigen, die entscheiden, sind nicht gewählt – und umgekehrt». Hilfe erhoffen sie sich von den potenziell die eigenen Scheuklappen ausweitenden Blickwinkelel von Zuwandernden, «damit wir nicht bleiben, wie wir sind». Die Zuversicht allerdings, dass der grosse Wandel zu massenhaft beherztem Einstehen für Menschlichkeit über Nacht einen Grossteil der Bevölkerung ergreift, ist ihrerseits nicht überdimensioniert gross. Darum raten sie zu Veränderungen durch kleine Schritte, die damit beginnen: «Alles, was wir für unsere Zukunft brauchen, ist die Freude, da zu sein und dazu zu stehen.» Hintersinn 2.0, erfrischend wuchtig präsentiert!

 

«Freiheit, Gleichheit, Kopf ab», 8.9., Theater am Gleis, Winterthur. www.theaterkabarett.ch

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