Europe has arisen – Europa steht

Vor 70 Jahren hielt der britische Kriegspremier Winston Churchill, ein eigenständiger Konservativer, in Zürich seine berühmte Rede «Let Europe arise».
Am 23. September findet in Erinnerung an diese historische Rede ein doppelter Gedenkanlass im Kaufleuten (um 17.30h) und auf dem Münsterhof (20.30h) statt. Im Kaufleuten spricht Stadtpräsidentin Corine Mauch. Diese Rede druckt P.S. exklusiv ab.

 

von Corine Mauch

 

«Let Europe arise»: Wir sind heute zum feierlichen Festakt versammelt, um der grossen Worte eines grossen Staatsmanns zu gedenken: der Zürcher Rede von Winston Churchill. Churchill hat mit «Let Europe arise» viel mehr getan, als eine jener unsterblichen Formulierungen zu prägen – wie «Blut, Schweiss und Tränen», wie «der eiserne Vorhang».

«Let Europe arise» war brillante Rhetorik, aber auch mehr als das. Churchills Zürcher Rede war ein entscheidender Anstoss zum europäischen Einigungsprozess, das Startsi­gnal, das zunächst zur Gründung des Europarates führte und in der Folge immer weitere Fortschritte nach sich zog: die Gründung der Montanunion, der Wirtschaftsgemeinschaft, der europäischen Gemeinschaft und schliesslich der Europäischen Union. «Let Europe arise» war hier in Zürich, im Herzen des Kontinentes, unter dem Jubel der Zürcher Bevölkerung die Verkündigung einer Vision von ungeheurer Macht. Ein Appell – und das kommt an den Gestaden der Limmat nicht alle Tage vor –, der Weltgeschichte schrieb.

Heute blicken wir zurück auf siebzig Jahre europäischen Frieden, auf siebzig Jahre Freundschaft zwischen einstigen Feinden, auf historisch einmalige wirtschaftliche, soziale, demokratische Fortschritte. Wir blicken auf gemeinsame Bildungsinstitutionen, auf gemeinsame Forschung und Innovation. Wir blicken auf den Triumph der Demokratie, die Befreiung Osteuropas. Was einst als elektrisierende Utopie erschien, ist heute ein Stück weit zur Selbstverständlichkeit geworden. Europa steht – «Europe has arisen».

Sicher, wir sind uns einig: Es gab – und es gibt – bedrohliche Rückschläge. Am Rande der europäischen Einflusszone kommt es weiterhin zu Krieg und Blutvergiessen. Und wir wissen heute nur allzu gut, dass Europa auch gegen innere Krisen alles andere als gefeit ist. Doch gerade weil uns die Dringlichkeiten des Tages in Atem halten und drohen, unseren Blick zu trüben, sollten wir Churchills historischem Appell Gehör schenken. Vielleicht ist es heute dringender denn je.

Weshalb ist für Churchill der europäische Einigungsprozess eine alternativlose Notwendigkeit? Ein erster Grund, den er nennt, dürfte uns hier in Zürich recht schlüssig scheinen: Um «so frei und glücklich wie die heutige Schweiz zu werden». Immer wieder hat Churchill die Schweiz – ihre Mehrsprachigkeit und ihren Föderalismus – als Vorbild für Europa bezeichnet. Wie ironisch es aus dieser Perspektive doch erscheint, dass ausgerechnet die Eidgenossen sich dieser historischen Verantwortung so konsequent verweigern!

Für Churchill ist der Weg der Geschichte vorgezeichnet: «Wir müssen eine Art Vereinigte Staaten von Europa gründen. […] Alles was es dazu braucht, ist die Entschlossenheit hunderter Millionen Frauen und Männer, nicht das Falsche sondern das Richtige zu tun und zur Belohnung nicht mehr Fluch, sondern Segen zu ernten.» Der Visionär Churchill wusste, dass Europa in den Herzen und Köpfen der Menschen beginnt, bei den einzelnen Bürgerinnen und Bürgern. Er wusste, dass es sich ein Demokratiedefizit nicht leisten kann. «Bottom-up» nicht «top-down»: Das wäre eine Kurzformel für Churchills Zürcher Appell.

Europa als ein Segen und nicht als Fluch: Wie ungewohnt, schon beinahe befremdlich klingen diese Worte in unserer Zeit. Doch müsste diese Forderung heute nicht immer noch genauso überzeugend sein wie am ersten Tag?

Unser Festakt steht unter dem Titel «Let Churchill arise». Das klingt doch irgendwie, als wollten wir Churchill beschwören, von den Toten aufzuerstehen. So wie der biblische Mythos der Wiedererweckung des Lazarus, oder – profaner – ein bisschen wie in einem Zombie-Film.

Meine Damen und Herren: Wir stehen im siebten Jahre der Griechenland-Krise, im zweiten Jahr der Flüchtlingskrise. Wir sind Zeugen des Brexits sowie des Vormarsches der AfD und anderer antieuropäischer Bewegungen. Wir stehen im dritten Jahr des Ringens um die Anwendung eines neuen Schweizer Verfassungsartikels, der die Personenfreizügigkeit beschränken will und die bilateralen Beziehungen bedroht. Ist Churchill zum europapolitischen Zombie geworden? Beschwören wir seine Wiederauf­erstehung, weil seine Vision sich überlebt hat?

Die Frage stellt sich umso dringender, als heute ausgerechnet die Euro-Skeptiker und -Skeptikerinnen versuchen, Churchill als einen der ihren auszugeben. Auch in anderen Kontexten hören wir ja immer wieder, für das Geschichtsbild seien nur die Mythen und nicht die Fakten wichtig. Ich gestehe, dass mir diese ‹post-faktische› Haltung fremd ist. Unseren Vorbildern schulden wir Genauigkeit.

Denn häufig ist es kompliziert mit der historischen Wahrheit. Debatten haben sich zum Beispiel an der Frage entzündet, ob Churchill glaubte, Grossbritannien müsse ausserhalb der Vereinigten Staaten von Europa bleiben, oder ob er nicht im Gegenteil das Königreich als führende Macht des Einigungsprojektes sah. Im Lauf seines Lebens hat Churchill dazu widersprüchliche Positionen eingenommen. Ich habe diese im Abstimmungskampf des Brexit wieder so brisant gewordene Frage genauer recherchieren lassen. In der Zürcher Rede plädierte Churchill einerseits mit Leidenschaft für die «Vereinigten Staaten von Europa», andererseits bezeichnet er aber das Vereinigte Königreich nicht als Mitglied, sondern als «Freund und Sponsor» dieser Europäischen Union. Predigte er in Zürich den britischen Alleingang?

Es ist gut belegt, dass dem nicht so ist. Churchill sah Grossbritannien in den ersten Nachkriegsjahren im Gegenteil als Führungsmacht des Vereinigten Europas. Er konnte in Zürich wohl vornehmlich deshalb nicht offen für die EU-Mitgliedschaft des Königreiches werben, weil die Beanspruchung einer europäischen Führungsrolle durch die Briten als anti-russische Aggression betrachtet worden wäre. In der angespannten Situation des Jahres 1946, als der Kalte Krieg sich anbahnte, aber noch nicht deklariert war, wäre ein europapolitisches Vorpreschen als Provokation aufgefasst worden. Bereits ein halbes Jahr später hatten sich die Spannungen mit Sowjetrussland jedoch so verschärft, dass Churchill nicht mehr hinter dem Berg hielt. Am Gründungskongress der von ihm persönlich mitgegründeten und präsidierten United-Europe-Bewegung, der im Mai 1947 mit grossem Pomp in der ausverkauften Royal Albert Hall in London über die Bühne ging, sprach Churchill offen aus, dass Frankreich und Grossbritannien «Hand in Hand voranschreiten müssen. Sie müssen Gründungspartner sein für diese Bewegung».

Mit unermüdlichem Einsatz lancierte Churchill damals in Grossbritannien eine parteienübergreifende Bürgerbewegung für ein Vereinigtes Europa. Zu den «hunderten Millionen Frauen und Männern», die sich zum europäischen Ideal bekennen und die Vereinigten Staaten von Europa entstehen lassen, sollten auch die Britinnen und Briten zählen. Der ehemalige Kriegspremier trieb Spenden ein, hielt Vorträge, schrieb Pamphlete. Ganz London liess die United-Europe-Bewegung im Mai 1947 mit 5000 Plakaten zupflastern. Den Slogan dürften Sie erraten: Let Europe arise.

Phasenweise schien es auch für Churchill zweifelhaft, ob Britanniens Einbindung in das Commonwealth überhaupt vereinbar sei mit einer Mitgliedschaft in den Vereinigten Staaten von Europa. Aber der flammende Visionär von Zürich ist definitiv ein grotesker Schutzpatron für die Brexit-Befürworter, von den politischen Isolationisten in der Schweiz und in anderen europäischen Ländern ganz zu schweigen.

Denn letztlich ist es für uns gar nicht entscheidend, ob Churchill das Königreich in der EU oder ausserhalb der EU wissen wollte. Entscheidend ist, dass er seit den frühen dreissiger Jahren ein Vereinigtes Europa für eine unverzichtbare Säule einer sinnvollen Weltordnung hielt. Entscheidend ist, dass er sich ein starkes, geeinigtes Europa wünschte. Europa, schrieb Churchill im Anschluss an seine Zürcher Rede, ist zuallererst «ein spiritueller Wert, das System aus Überzeugungen und Idealen, das wir die westliche Zivilisation nennen». Es mag Länder geben, sagte Churchill schon in Zürich, die zeitweilig «nicht willig oder nicht fähig» seien, den Vereinigten Staaten von Europa beizutreten. Aber das ändert für ihn nichts an der überragenden Bedeutung des Einigungsprozesses. Wie weit entfernt war Churchill doch von den traurigen Kriegsgewinnlern der heutigen Zeit, die auf Krisenmeldungen aus Brüssel mit Triumphgeheul reagieren. Die allen Ernstes glauben, die europäischen Nationalstaaten würden gestärkt, wenn die EU geschwächt wird.

Europa ist für Churchill primär ein ideeller Wert, aber: er wollte es zu einer politischen Realität machen. Lassen Sie mich, da heute Dr. Theo Waigel, der ‹Vater des Euro› und ehemalige Finanzminister der Bundesrepublik unter uns ist, nur einen konkreten Punkt ansprechen: Die Gemeinschaftswährung war für Churchill unabdingbarer Bestandteil einer europäischen Wirtschaftsordnung. Schon im Dezember 1946 schrieb er über den Einigungsprozess: «Mit allem untrennbar verknüpft ist die Lancierung einer gemeinsamen Währung.»

Churchill ist 1965 gestorben, noch vor dem EU-Beitritt Grossbritanniens, lange vor der Einführung des Euro, ein halbes Jahrhundert vor dem Brexit. Seine Zürcher Rede aber bleibt gültig, mindestens in zweierlei Hinsicht: Nein, nicht alle europäischen Länder müssen zwingend der EU angehören, aber alle sollten sich der europäischen Integration verpflichtet fühlen. Die Schweiz hat bis anhin auch als Nichtmitglied konstruktive bilaterale Beziehungen gepflegt mit der EU. Unilaterale Vorgaben untergraben diese. Sie widersprechen dem Geist einer guten Nachbarschaft und sind daher nicht im Interesse der Schweiz. Sie widersprechen Churchills Erbe.

Auch die europäischen Verantwortungsträger sollten sich den Zürcher Appell ins Gedächtnis rufen. Der Kampf um Europa, das erkennt Churchill schon vor dem Beginn des institutionellen Einigungsprozesses, ist ein Kampf um die Herzen und die Köpfe der Menschen. Es ist ein Ringen um die Partizipation und die Inklusion aller europäischen Bürgerinnen und Bürger. Wer würde bestreiten, dass die EU diese Aufgabe zu wenig wahrgenommen hat? Dass sie heute an ihr sogar scheitern könnte?

Meine Damen und Herren, lassen wir Winston Churchill bei den Toten ruhen. Er ist weder ein europapolitischer Zombie noch eine mythologische Erlöserfigur. Er war ein realistischer Visionär, dessen Vorbild wir heute dringender nötig haben denn je. Ich sage es deshalb ein weiteres aber ganz bestimmt nicht zum letzten Mal: LET EUROPE ARISE!

 

Zwei Anlässe zum Gedenken an Churchills Rede in Zürich: Heute Freitag, 23. September um 17.30 Uhr spricht Stadtpräsidentin Corine Mauch im ‹Kaufleuten›, und um 20.30 Uhr findet auf dem Münsterhof ein weiterer Gedenkanlass statt.

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