Liebe Daniels

Es heisst, dass jeder Mensch über maximal sechs Ecken mit allen anderen auf der Welt bekannt sei. Ich weiss nicht, ob ihr beide euch eigentlich gekannt habt. Wenn nein, so wäre ich die gemeinsame Ecke. Was ihr aber gemeinsam habt, ist der traurige Umstand, dass ihr beide im Alter von 67 Jahren und im Abstand von wenigen Wochen an einer Krankheit verstorben seid. 67 ist landläufig viel zu früh; und wenn auch der Zeitpunkt subjektiv ist, bei euch beiden stimmt das.

 

Dich, Daniel Suter, hab ich erst spät im Leben kennengelernt, via eine gemeinsame Freundin, bei der wir uns periodisch getroffen haben, zum Essen und vor allem zum Reden. Deine Hilfsbereitschaft ist uns allen sofort aufgefallen, ebenso deine wache Neugier. Es war allerdings etwas Eigenartiges mit dir, du warst so eine Art Mensch mit angezogener Handbremse. Du hieltest mir gegenüber immer etwas Distanz, was ich verstehen konnte, denn PolitikerInnen und JournalistInnen sind – nun ja, wie soll ich das ausdrücken, so etwas wie natürliche Gegner. Einmal hast du in einer deiner lesenswerten Kürzestgeschichten für das vpod-Heftli einer Figur, die in der Handlung die Bösewichtrolle einnimmt, den Namen Kunz gegeben, und ich glaube nicht, dass du je eines deiner Worte flüchtig hingeschrieben hast. Ich hab das nie angesprochen, man soll sich nicht so wichtig nehmen. Allerdings wusstest du, als Gewerkschafter wie als Journalist und als Jurist ja sehr wohl, dass weder Arbeitsleben noch Politik ein Ponyhof sind. Und als du selber ein Opfer des so genannten Mai-Massakers beim ‹Tagi› wurdest, hast du nicht gezögert, die Handbremse zu lösen und zum Megaphon zu greifen. Megaphone waren dir allerdings eher ein Gräuel, vielleicht, weil sie ja jeden Mist verstärken.

 

Was mich nahtlos zu dir, Daniel Vischer, bringt, der du auch kein Schreihals warst, aber eine vernehmliche Stimme. Aufs Maul hocken war ja nicht deine Sache, aber du wusstest immer, wenn man nicht unbedingt das Maul aufreissen musste. Umsetzung war ebenfalls nicht dein Ding, ich habe kaum je einen derart unpraktischen Politiker angetroffen wie dich, aber ich vermisse deine unglaubliche Fähigkeit zur Analyse schon jetzt. Denn dazu muss man nicht nur das Flair haben, sondern auch Grips, Erfahrung, Neugier, Belesenheit, Wachheit, Empathie. Und Rollendistanz. Von dir hab ich etwas Wichtiges gelernt, etwas, das du oft genug betont hast, dabei immer zwischen Resignation, Ärger und Belustigung schwankend, nämlich, dass man nicht immer alles Heil von der Politik erwarten solle. «Politik wird schwer überschätzt», hast du immer gesagt. Meine Rede mittlerweile. Und dir beim allmählichen Verfertigen deiner Gedanken beim Reden zuzuhören, war jedes Mal ein tolles Erlebnis. Du wusstest beim Einstieg glaubs nicht immer, was du sagen wolltest, aber du gelangtest immer ans Ziel. Und wenn man bedenkt, dass viele Politiker genau umgekehrt funktionieren, ist das schon etwas.

 

Der Tod ist eine ernste Sache, und romantische Vorstellungen sind irgendwie fehl am Platz. Dennoch stelle ich mir dich vor, Daniel, wie du auf einer Wolke sitzt, ein Buch in der Hand, und irgendwann wird sich jemand, der ebenfalls ein Buch in der Tasche hat, neben dir niederlassen, einer, der dich kaum ansieht, sondern die Gegend nach interessanten Gesprächspartnern absucht und dich zugleich seitlich in breitestem Baseldeutsch fragen wird: «Und? Wie sieh’sches?» Und auf dieses Gespräch wäre ich dann schon sehr gespannt gewesen.

 

Ihr bleibt in unserer Erinnerung.

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