Dabeisein?

Manchmal regt sich in mir eine kleine Rebellin. Wenn alle etwas schlecht finden, beginne ich mich zu fragen, ob an der Geschichte nicht doch was Gutes dran ist. Das passiert natürlich vor allem bei Dingen, die mir eigentlich ein wenig Wurst sind. Zum Beispiel Olympia. Ich habe – ausser den Berner SP-Ständerat Hans Stöckli, der im Organisationskomitee von Sion 2026 sitzt – noch kein Mitglied von SP oder Grünen gehört, das sich irgendwie positiv zu Olympia geäussert hätte. Und es ist nicht nur eine Kritik an dieser spezifischen Kandidatur, auch nicht allein zu Olympia, sondern eine totale Grundsatzopposition. Auch gegen Fussball-Weltmeisterschaften oder Landesausstellungen.

 

Ich bin kein grosser Sport-Fan. Wenn es hochkommt, gehe ich einmal pro Jahr an einen Match des FC Zürich. Ich habe auch gute Erinnerungen an die Fussball-WM in Deutschland, wo ich ein paar Tage in Dortmund verbrachte. Das heisst, ich gehöre genau zu jenen, die sich nur bei den Grossanlässen für Sport interessieren. Und auch bei Olympischen Spielen manchmal fasziniert bei eher exotischeren Sportarten wie Curling oder Turmspringen am Fernsehen hängenbleibt. Mir ist also total Wurst, ob, wann, wie und wo die Olympischen Spiele stattfinden. Ich teile auch die meisten Gründe, die dagegensprechen. Eine Milliarde Franken – das wäre der Betrag, den der Bund zahlen würde, sollte Sion den Zuschlag bekommen – ist eine Menge Geld. Und angesichts der Tatsache, dass der Bundesrat und die bürgerliche Mehrheit bei einer Reihe anderen, weitaus sinnvolleren Ausgaben  – vom Vaterschaftsurlaub über die ETH bis zur Berufsweltmeisterschaft, die dem Bundesrat zu teuer war – stets so tut, als sei man kurz vor dem finanziellen Kollaps, aber dann für Olympia Geld ausgeben will, ist tatsächlich schwer nachvollziehbar. Dazu kommt, dass es schwierig oder eigentlich unmöglich ist, solche Grossanlässe sozial, wirtschaftlich und ökologisch nachhaltig zu organisieren.

 

Dass Olympische Spiele einer Region überhaupt irgendwas bringen, glauben immer weniger Menschen. Zuletzt hat die Stimmbevölkerung im österreichischen Innsbruck einer Olympiakandidatur die Absage erteilt. Die BündnerInnen lehnten die Olympiakandidatur ihres Kantons zweimal ab. Dann sind natürlich weder Fifa noch IOC besonders sympathische Organisationen, und es scheint recht fraglich, ob sie ihre grösseren Probleme wie Korruption überhaupt ernsthaft angehen wollen. Und natürlich ist das Ganze längst nicht mehr eine total unschuldige idealistische, völkerverbindende Geschichte, sondern vor allem ein grosses Geschäft. Dazu kommt, dass sowohl Olympische Spiele wie auch Fussballweltmeisterschaften (und auch Weltausstellungen) immer öfter von eher zweifelhaften Regimes und Ländern organisiert werden. Dass grosse Sportanlässe eine gute propagandistische Wirkung haben können, wusste schon Leni Riefenstahl. Heutige Potentaten hoffen auf den gleichen Effekt.  Stadien, die im Urwald oder in der Wüste gebaut wurden und nach dem Anlass nie mehr gebraucht werden, ausgebeutete BauarbeiterInnen, finanzielle Debakel, unterdrückte Proteste. Grossanlässe haben ihren Glanz verloren und man kann sich durchaus fragen, ob es sie überhaupt noch zeitgemäss sind.

 

Dennoch regt sich in mir ein kleines bisschen Widerstand gegen die allgemeine Anti-Olympia-Stimmung. Vielleicht weil es ein Element drin hat, das mich an gewissen grünen Debatten immer schon gestört hat:  Der Nimby. Nimby heisst «Not in my backyard» – also «nicht in meinem Hinterhof». Der Nimby stört sich daran, wenn es ihn selber betrifft, das Grundsatzpropblem ist ihm aber piepegal. Er will kein Atomendlager im Dorf, aber er hat kein Problem, wenn man den Atommüll in ein Dritt-Welt-Land exportiert. Ihn stört der Fluglärm, er fliegt aber selber gerne in die Ferien. Die Liste lässt sich beliebig verlängern. Ich bin selbstverständlich auch nicht jemand, der total konsequent ist – das ist praktisch niemand (es gibt ein paar wenige Exemplare im Umfeld und auf der P.S.-Redaktion). Aber ein bisschen intellektuelle Redlichkeit muss dann doch noch sein.

 

Wohlverstanden, man kann Olympia und andere (sportliche) Grossveranstaltungen gerade aus Nachhaltigkeitsgründen grundsätzlich ablehnen. Ich persönlich finde ja eigentlich die Idee interessant, dass die Veranstaltung immer an den gleichen Orten stattfindet. Beispielsweise: Die Olympischen Sommerspiele in Griechenland, die Fussballweltmeisterschaft in England. Die Infrastruktur könnte also immer wieder benutzt werden.

 

Wenn man aber nicht der Meinung ist, man solle grundsätzlich auf diese Anlässe verzichten, sondern findet, sie sollen in einem vernünftigeren Rahmen abgehalten werden, dann frage ich mich, wo denn diese nachhaltigeren Spiele (Achtung: nachhaltiger heisst nicht nachhaltig) stattfinden sollen, wenn nicht bei uns. Oder in einem anderen industrialisierten Land. Eine Milliarde ist viel Geld, aber wenn es sich die reiche und erfolgreiche Schweiz nicht leisten kann, wer dann? Und müsste man die Spiele nicht künftig so ausrichten, dass sie dort stattfinden, wo der Grossteil der Infrastruktur schon vorhanden ist? In einem demokratischen Staat, der nicht korrupt ist, wo Kritik erlaubt ist und wo es anständige Arbeitsbedingungen gibt? Ich glaube im Übrigen nicht, dass sich etwas ändert, wenn die reichen Länder des Westens einfach keine Grossanlässe mehr veranstalten. Es gibt genügend Autokraten, die hier in die Lücke springen. Es geht erst, wenn man den Tatbeweis erbringt, dass man es auch anders machen könnte. Natürlich ist Sport auch Big Business. Aber gerade bei Olympia geht es eben auch darum, dass viele Sportarten, die sonst ein Schattendasein fristen, auch mal ins Rampenlicht kommen. Und viele der dortigen AthletInnen werden niemals reich. Ihr Lohn ist die Aussicht auf eine olympische Medaille.

 

Ich bin überzeugt, dass bessere und nachhaltigere Grossanlässe möglich wären, wenn man sie wollte. Ich bin ebenfalls dafür, dass es eine Abstimmung gibt. Auch wenn das wohl ein Aus von Sion 2026 bedeutet. Man sollte sich einfach von linker und grüner Seite bewusst sein: Ein Nein zu Olympia ist nicht automatisch ein Ja zu mehr sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit. Viele denken vielleicht bloss, dass man die Olympischen Spiele auch am Fernseher schauen kann, ohne was zu zahlen.  Mindestens solange es die SRG noch gibt.

 

Min Li Marti

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