«Wir leben in einer Überflussgesellschaft, da liegt die Idee auf der Hand»

Das Leben auf dem Areal der ehemaligen SBB-Werkstätten an der Hohlstrasse in Zürich, genauer in der «Werkstadt», nimmt langsam Gestalt an. Wie der Materialmarkt Offcut dort gelandet ist und was es damit auf sich hat, erklärt Offcut-Teammitglied Livia Krummenacher im Gespräch mit Nicole Soland.

 

Seit 2012 gibt es in Basel den Materialmarkt Offcut, seit Februar nun auch in Zürich. Was genau ist Offcut?
Livia Krummenacher: Beim Offcut handelt es sich um einen Ort für kreative Materialverwertung, um einen Materialmarkt, der auch Austauschplattform und Inspirationsort ist. Wir übernehmen ungenutzte, nicht mehr benötigte oder für den Abfall bestimmte Materialien und verkaufen sie weiter. Dadurch bringen wir sie in den aktiven Kreislauf zurück und verlängern ihre Lebensdauer.

 

Auf den ersten Blick gibt es hier vor allem Stoff und Holz…
Stoffe und Holzresten hat es eigentlich immer, das stimmt. Man findet bei uns auch Acrylglas, Schaumstoff, Klebefolie, Papier, Pinsel, Luftpolsterfolie, Perlen, Blachen, Graukarton und vieles mehr.

 

Wie sind Sie Teil des Offcut-Teams in Zürich geworden?
Ich selber kenne die Leute, die Offcut in Basel gründeten, zog aber bald darauf nach Zürich und erklärte eher im Scherz, ich würde mich dereinst am Offcut Zürich beteiligen. Einige Zeit später suchte das Basler Team Verstärkung, ich bewarb mich und bekam die Stelle. Das Projekt Schweiz, also der Aufbau des nationalen Netzwerks, kann durchgeführt werden mit der grosszügigen Unterstützung von Engagement Migros, dem Förderfonds der Migros-Gruppe.

 

Wie ist eigentlich die Idee eines solchen Materialmarkts entstanden?
Wir leben in einer Überflussgesellschaft – da liegt die Idee sozusagen auf der Hand. Ich habe ursprünglich Schreinerin gelernt. Im Lehrbetrieb gab es immer wieder hochwertiges Material, das im Abfall landete – Abschnitte und Resten, die zu klein waren, um für ein weiteres Produkt verwendet zu werden. Schon damals fragte ich mich, was sich damit anfangen liesse, denn es reute mich, gutes Holz einfach wegzuwerfen. Später studierte ich je einige Semester Prozessgestaltung wie auch Umweltingenieurwesen, arbeitete in der Ausstattungsabteilung bei Theater und Film, und jetzt bin ich hier, und alles passt zusammen. Auch die andern Teammitglieder kommen zum Teil von der Theaterausstattung her und orientieren sich am Kreislaufdenken.

 

Das Material gibt demnach den Takt an?
Ja, doch Offcut ist mehr als ein Markt: Wir sind auch ein Knotenpunkt, eine Schnittstelle, ein Ort, an dem sich Menschen aus verschiedenen Ecken treffen. In unserem Materialmarkt hat auch die Beratung einen hohen Stellenwert. Ob die Kundin auf jemanden trifft, der mehr Ahnung von Papier hat, oder auf ein Teammitglied, das sich mit Holz gut auskennt, hängt zwar davon ab, wer gerade arbeitet. Gute Tipps sind aber auf jeden Fall inbegriffen.

 

Wer bloss «aus Gwunder» vorbeischauen oder seine Idee mit jemandem diskutieren möchte, ist ebenfalls willkommen?
Unbedingt! Es kommt regelmässig vor, dass jemand sagt, er oder sie wolle bloss mal eine Runde drehen. Wir legen zudem grossen Wert auf das Community-Building: Wer Offcut eine gute Sache findet und uns unterstützen möchte, kann «Benevol» werden. Die Benevols leisten beispielsweise in den Lagerschichten Freiwilligenarbeit: Sie helfen dabei, das Materiallager aufzuräumen, Gestelle einzuräumen oder auch den Verkaufsraum neu zu dekorieren. Details zu diesem Engagement finden sich auf unserer Website.

 

Wo treiben Sie all das Material auf, das Sie weiterverkaufen?
Die Wege, auf denen uns die Materialien erreichen, sind so unterschiedlich wie diese selbst: Holz bekommen wir von Schreinereien und Messebauern, Stoffe hauptsächlich von Schneiderateliers oder Polsterern, und auch Privatpersonen bringen viele unterschiedliche Materialien vorbei. Es ist auch schon vorgekommen, dass eine Schule ihr Bastelmaterial erneuern wollte und das nicht mehr Gebrauchte uns vermacht hat. Wer etwas hat, von dem er denkt, dass es in unser Sortiment passt, kann es zu Öffnungszeiten vorbeibringen. Was nicht ins Sortiment passt, muss allerdings wieder mitgenommen werden. Wer ein sehr grosses und/oder schweres Teil hat, kontaktiert uns gerne erst. Grundsätzlich gilt, dass wir nur unverarbeitetes Material annehmen, also beispielsweise eine Holzplatte, aber keinen fixfertigen Tisch.

 

Das heisst wahrscheinlich im Umkehrschluss, dass man sofort zugreifen muss, wenn man im Offcut ein interessantes Teil entdeckt?
Durchaus, unser Sortiment wechselt laufend, und ‹gefundene› Materialien kann man nicht einfach nachbestellen, wenn etwas ausverkauft ist. Wenn uns jedoch etwas Bestimmtes fehlt, machen wir schon mal einen Aufruf in der Community; den letzten starteten wir, als wir keine Tragetaschen mehr hatten.

 

Wie kommen die Preise zustande?
Die meisten Materialien kosten entweder pro Quadratmeter oder pro Kilo. Wir orientieren uns an den Preisen im Detailhandel und verlangen zirka die Hälfte davon. Je nach Zustand des Materials kann dann noch auf- oder abgerundet werden. Die Preisgestaltung ist durchaus ein anspruchsvolles Thema, denn einerseits soll unser Angebot naturgemäss günstiger sein als konventionelle Handelsware, anderseits hat auch unsere Ware einen Wert – sonst wäre Offcut ja gar nicht entstanden: Wertvolles Material kann nochmals gebraucht werden, weil wir es sammeln und weiterverkaufen. Durch Verkauf der Materialien decken wir einige der Fixkosten, also für Miete, Lagerhaltung etc.

 

Um den ‹richtigen› Preis feilschen wie auf dem Flohmarkt kann man im Offcut nicht?
Man kann mit uns reden, etwa wenn man eine grosse Menge aufs Mal kauft oder einen ganzen Restposten. Aber wir haben trotz allem definierte Preise und halten uns auch daran.

 

Die unterschiedliche Herkunft des Materials macht eine genaue Deklaration wahrscheinlich schwierig – oder welche Antwort erhalte ich, wenn ich einen schönen blauen Stoff finde und wissen will, ob das Mateaial Reinleinen oder Halbleinen ist?
Wenn bei einem bestimmten Material auf dem Weg in den Markt auch genauere Informationen dazu mitkommen, oder wenn beispielsweise noch ein Etikett dran hängt, dann beantworten wir solche Fragen natürlich gern. Doch meistens ist das nicht der Fall, dafür sind die Herkunftswege tatsächlich zu verschlungen. Bei einem zugeschnittenen Stoff kann man die Brennprobe machen und so he­rausfinden, ob es sich um eine Natur- oder eine Kunstfaser handelt, aber genauer können wir meist nicht Auskunft geben. Bei uns kommen naturgemäss eher jene auf ihre Kosten, die vor allem einen schönen Stoff suchen und weniger eine ganz bestimmte Faser.

 

Wie würden Sie die durchschnittliche Kundin, den durchschnittlichen Kunden von Offcut beschreiben?
Unsere KundInnen sind so unterschiedlich wie das Material, das wir sammeln: Bei uns trifft die bastelnde Hausfrau auf den Künstler, die Lehrerin auf Ideensuche auf den Bühnenbildner, die Grafikerin auf den Hobbyschneider, kurz: Offcut ist Treffpunkt unterschiedlichster Menschen, Ideen und Interessen.

 

Zurzeit ist der Laden nur von Donnerstag bis Samstag offen: Reicht das?
Wir möchten die Öffnungszeiten gern erweitern, doch das ist eine Ressourcenfrage: Alle fünf Teammitglieder haben noch andere Jobs; Offcut Zürich besteht ja erst seit Februar.

 

Die Nachfrage wäre da?
Ja, wenn wir offen haben, kommen stets viele Leute – mehr, als wir erwartet hätten. Das freut uns natürlich.

 

Wie findet die potenzielle Kundschaft den Weg ins Offcut?
Am besten wirkt offensichtlich die Mund-zu-Mund-Propaganda, zumal Offcut in Basel bereits seit 2012 existiert und unterdessen auch anderswo in der Schweiz einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hat. Social Media wie Facebook und Instagram sind natürlich auch wichtig – und nicht zuletzt das Areal, auf dem wir uns befinden.

 

Es ist demnach kein Zufall, dass Offcut ausgerechnet in der «Werkstadt», der ehemaligen SBB-Werkstätte an der Hohlstrasse in Zürich (siehe Kasten), heimisch werden konnte?
Nein, das sollte so sein (lacht). Gut, wir suchten eigentlich ‹nur› einen Ort, der relativ gross, aber trotzdem bezahlbar ist. Dann habe ich gehört, dass dieses Areal umgenutzt werden soll und dass das Architekturbüro «in Situ» den Auftrag bekommen hat. Da wusste ich: Da müssen wir hin! Offcut Basel hatte bereits mit Barbara Buser zu tun, der Initiantin des Architekturbüros, das schon viele Umnutzungsprojekte gemacht hat. Also haben wir uns für die Partizipationsworkshops angemeldet, die im Hinblick auf die Umnutzung des Areals durchgeführt wurden, und uns sehr bemüht, hier unterzukommen. Dass es tatsächlich geklappt hat und wir heute Ankermieter sind, freut mich sehr.

 

Welche Materialien laufen gut im Offcut, welche weniger?
Holz und Stoff laufen sehr gut. Einige Sachen sind eher speziell und weniger nachgefragt, doch solange sie ins Offcut passen, ist das in Ordnung. Was nicht passt, nehmen wir – wenn immer möglich jedenfalls – gar nicht an. Das Arche-Brocki ist grossartigerweise ganz in der Nähe, 200 Meter weiter auf der anderen Seite der Hohlstrasse. Grundsätzlich ist unser Sortiment gut so, wie es ist.

 

Wo gibt es noch Verbesserungspotenzial?
Nebst den Öffnungszeiten sehe ich vor allem Potenzial bei zusätzlichen Angeboten; nützlich wäre zum Beispiel, wenn wir Zugang zu einer Möglichkeit zum Zuschneiden von Holz hätten. Vermittlungsangebote sind ein grosses Thema am Standort Zürich. Weiter sind interne Strukturen ständige Herausforderungen, und das Erweitern des nationalen Netzwerks wird uns in kommender Zeit stark begleiten.

 

www.Offcut.ch

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