«So ein Znacht kann Leben verändern»

Seit bald drei Jahren bringt der Verein ‹Gemeinsam Znacht› Geflüchtete und Einheimische zusammen. Der Wunsch nach Kontakt ist nach wie vor gross.

 

von Manuela Zeller

 

«Das kann doch nicht sein», dachte Martina Schmitz damals, «dass wir in zwei parallelen Universen leben: Die ‹Einheimischen› im einen und die Geflüchteten im anderen – alle in der gleichen Stadt und doch ohne Berührungspunkte». Die ‹Einheimischen› stehen in Gänsefüsschen, weil längst nicht alle ZürcherInnen in Zürich aufgewachsen sind. Martina Schmitz zum Beispiel kommt aus Deutschland. «Ich würde mir nicht anmassen, die Situationen zu vergleichen, aber auch ich habe mich hier zuweilen fremd gefühlt», so die promovierte Kunsthistorikerin.

 

2014 hatte sie den Verein ‹Gemeinsam Znacht› gegründet. Um die beiden getrennten Universen zu verbinden, ist offenbar keine Astrophysik notwendig, ein gemeinsames Abendessen tut es auch. Deswegen hilft der Verein interessierten Zürcherinnen und Zürchern, Geflüchtete zum Znacht einzuladen. Einzelpersonen, aber auch Familien. Und dann passiert, was halt so passiert, wenn Gäste kommen: gemütliches Beisammensein, Gespräche über Arbeit, Familie, natürlich auch über die Herkunft; man lernt sich kennen und mag sich in den meisten Fällen.

 

Das klingt simpel, es sei bisweilen aber auch magisch, findet die Gründerin. «Es mag sich pathetisch anhören, aber so ein Znacht kann ein Leben verändern». Oder zumindest ändert es die Sichtweise auf das Thema Flucht: In der Tagesschau über die Gefechte in Aleppo zu hören ist das eine – Freunde zu haben, die um ihre syrischen Familienmitglieder bangen, etwas ganz anderes. Ob irgendwelchen Leuten die Gelder gekürzt werden oder liebgewonnenen Bekannten ist ein grosser Unterschied.

 

Arbeitsintensive Vermittlung

 

Die Geschichte von Selina Sutter bestätigt, wieviel ein gemeinsames Znacht bewirken kann. Sie hatte noch ganz zu Beginn, 2014, Geflüchtete in ihre WG eingeladen und begann daraufhin, bei ‹Gemeinsam Znacht› mitzuhelfen. Heute ist sie vom Verein angestellt und kümmert sich während einem Tag in der Woche um die Vermittlungen. Von der Gastgeberin zur Mitarbeiterin. Obwohl der Effekt magisch ist, erledigt sich die Arbeit nicht von Zauberhand. Das Vermitteln sei viel Arbeit, bestätigt die Jus-Studentin, «fast wie in einem Callcenter». Sie nimmt sich Zeit, um mit den GastgeberInnen und Gästen über ihre Erwartungen zu sprechen. Und sie legt Wert darauf, dass die beiden Parteien möglichst in der Nähe wohnen. «Einerseits ist ein Ticket von einem Ende des Kantons ans andere ziemlich teuer, andererseits ist es einfacher, den Kontakt zu pflegen, wenn man in der Nähe wohnt». Dank Stiftungsbeiträgen kann der Verein die kleine Stelle finanzieren.

 

So sind die Vermittlungen dank finanzieller Unterstützung und viel ehrenamtlicher Arbeit für alle Beteiligten kostenlos. Wobei die GastgeberInnen im Vorfeld gefragt werden, ob sie die Fahrtkosten der Gäste übernehmen wollen. 20 oder 30 Franken sind fürs mittelständische Budget ein Klacks, für Geflüchtete zum Teil eine grosse Hürde. Zusätzlich werden die GastgeberInnen gebeten, im Nachhinein ein kurzes Feedback zu schreiben und zusammen mit einem Foto an den Verein zu schicken. Die kleinen Berichte werden dann auf Facebook und auf dem eigenen Blog veröffentlicht. Das sei nicht nur wichtig, um Aussenstehenden Einblick ins Projekt zu geben, sondern auch essentiell als Motivation für sie selber, erklärt Martina Schmitz. «Wir hätten wahrscheinlich schon ein paar Mal das Handtuch geschmissen, würden wir nicht regelmässig Feedback bekommen», erklärt sie, und Selina Sutter nickt.

 

Wie sich die Bekanntschaft nach dem Abendessen weiterentwickelt, liegt dann in den Händen der Gäste und GastgeberInnen. «Wir sehen es als unsere Aufgabe, einen ersten Kontakt herzustellen», erklärt Martina Schmitz, «darauf können die Gäste oder GastgeberInnen dann aufbauen». Oft würden sich die beiden Parteien auch nach dem Znacht wieder treffen, «manchmal folgt zum Beispiel eine Einladung zum gemeinsamen Essen in der Asylunterkunft». Auch das sei ein prägendes Erlebnis, die Unterkünfte mal aus Sicht der BewohnerInnen zu erleben, statt nur in der Zeitung darüber zu lesen, findet Martina Schmitz.

 

In der Mitte der Gesellschaft

 

Im Sommer wird der Verein drei Jahre alt. Wie viele Menschen sich anmelden, hänge davon ab, wie medial präsent das Thema Flucht gerade sei, erzählt Selina Sutter. Zu Spitzenzeiten hätten sie so viele Anmeldungen gehabt, dass die Kapazitäten des kleinen Vereins deutlich überschritten worden seien. «Inzwischen hat es sich eingependelt und normalisiert». Zu Beginn hätten vor allem politisch engagierte Menschen aus dem Umfeld des ‹Solinetz› mitgemacht. Als das Thema Flucht 2015 die Medien dominierte, sei das Projekt in der Mitte der Gesellschaft angekommen. «Heute machen Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen mit», freut sich Selina Sutter, «auch solche, die anfänglich skeptisch waren».

 

Im Moment sei das Interesse nicht so gross wie auch schon, hat Martina Schmitz beobachtet. Dabei sei Engagement jetzt besonders wichtig. «Das müssen Sie sich vorstellen: die beschwerliche und sehr gefährliche Reise, die Angst auf dem Mittelmeer, die Kälte auf der Balkanroute… Und dann kommen die Geflüchteten in der Schweiz an – und warten». Es könne ja im Moment noch Jahre dauern bis zu einem Asylentscheid, «und während sich die Welt weiterdreht und auch die Konflikte weitergehen, sitzen die Menschen hier und müssen tatenlos ausharren». Der Mensch lebe nicht vom Brot allein, zitiert die Kunsthistorikerin einen Evangelisten, der Mensch wolle das Brot eben auch mit jemandem teilen, soziale Kontakte seien essentiell.

 

Deswegen freut sich das Team über neue UnterstützerInnen. «Wir brauchen zum Beispiel noch Leute, die uns helfen, unser Projekt bei Geflüchteten bekannt zu machen, speziell auch in den ländlicheren Gegenden des Kantons Zürich und in Nachbarkantonen», erklärt Martina Schmitz. Hilfe sei jederzeit willkommen.

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