Look back in Anger

Ich las das Stück von John Osborne, da war ich vielleicht 15 Jahre alt. «Blick zurück im Zorn» prägte den Begriff der «angry young men». Diese jungen Autoren schrieben dagegen an, dass die Gesellschaft im Grossbritannien der 50er-Jahre einen grossen Teil der Bevölkerung, die Unterschicht, schlicht ignorierte. Das laute Thematisieren der fehlenden Solidarität war neu. Aber es war nicht das Stück selbst, das mich gepackt hatte, es war der Titel, und es waren diese wütenden jungen Männer. Es hat mich elektrisiert, und mir war nie richtig klar warum. Bis am 14. Juni 2019. Jetzt weiss ich: Es war eine Vorahnung.

 

Als ich 15 war, lebte ich in einem Dorf. Ich war in der Pubertät, ich war unglücklich, ich rauchte, ich trank und vor allem las ich viel, ich tat also das, was die meisten unglücklichen Pubertierenden tun. Die Büchergestelle daheim waren voller Romane. Trivialliteratur. Meine erste literarische Erfahrung basiert auf Familien- und Liebesgeschichten, Büchern, die meine Eltern monatlich von einem Verlag zugeschickt bekamen, das machte man damals so. Ich las mich durch alle durch. Das war einerseits nicht schlecht, denn ich las, und lesen ist lesen, also gut. Andererseits war es katastrophal, denn das Frauenbild in diesen Büchern ist niederschmetternd. Jede einzelne weibliche Romanfigur agiert ausschliesslich in Bezug auf einen Mann. Sie wird geliebt, betrogen, verlassen, verführt, verehrt, verachtet, begehrt – aber sie ist nie eigenständig, sie ist ein Spielball, immer nur in Bezug zur Hauptfigur, zum Mann vorstellbar. Als ich alle diese Bücher durchhatte, entdeckte ich die Klassiker. Das war nun Literatur. Allein, das Frauenbild blieb. Frauen waren Teil der männlichen Biographie dieser Texte, wenn nicht, dann liess der Autor sie scheitern. Und so las ich und las und las und merkte nicht, dass es falsch ist. Denn wie hätte ich es auch merken sollen, wo ja um mich herum genau so gelebt wurde wie in diesen Büchern. Die Frau als Teil einer männlichen Welt. Es hat mich geprägt und ich wurde viel zu lange auch zu so einer Frau. Eigenständigkeit schien mir eine Abweichung der Norm. Ich hatte das verinnerlicht. Ich hatte keine Vorbilder in diesem Dorf, ich hatte kein Fenster zur Welt, nur die Bücher daheim und in der Bibliothek, und natürlich kann man auch selber merken, dass etwas falsch ist, aber nicht jede ist dazu gemacht, selber zu machen, und ich war eine von ihnen.

 

Dann stand ich am Frauenstreik inmitten aller anderen Frauen. Und ich verstand die Vorahnung. Denn ich blickte zurück im Zorn.
Ich dachte an meine Generation und alle Frauen vor mir, denen man nicht zugestanden hat, einfach zu wollen und zu machen, weshalb sie es auch heute noch nicht immer können. Ich dachte an meine Mutter, die wie so viele einfach tat, was man von ihr als Frau verlangte, die man beschränkte, behinderte, klein hielt. An die Millionen Frauen, deren Bedürfnisse gestern wie heute schlicht ignoriert werden. An diese riesige Bevölkerungsschicht, die nicht ernst genommen wird. An diesen endlosen Kampf. An die Frechheit, über gleichen Lohn, soziale Absicherung, Elternzeit oder Quoten überhaupt diskutieren zu müssen. Und ich dachte an meine Tochter, acht Monate, die vor mir im Kinderwagen lag.

 

Was auch immer kommt, das wurde mir klar, was auch immer ist: Sie wird nie so zurückblicken müssen wie ich. Ich habe ihr das versprochen, am 14. Juni 2019. Inmitten von Hunderttausenden von zornigen, mutigen, hoffnungsvollen Frauen, die mir Zeuginnen waren für das Versprechen, dass meine Tochter und alle Töchter einmal anders zurückblicken werden. Stolz, frei und stark, ganz ohne Zorn.

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