«Kultur und Kunst sind eine fundamentale Aufgabe»

Die Interessengemeinschaft Pro Kultur Kanton Zürich (siehe Kasten) befürchtet, dass der Regierungsrat die öffentliche Kulturförderung ab 2022 kürzen könnte. Nötig wäre das Gegenteil, erklären die Pro-Kultur-Vorstandsmitglieder Konrad Bitterli und
Eva-Maria Würth im Gespräch mit Nicole Soland.

 

Pro Kultur Kanton Zürich hält in einer Medienmitteilung fest, dass im Kanton Zürich gemäss dem Konsolidierten Entwicklungs- und Finanzplan 2019–2022, dem KEF, ab 2022 bei der Kulturförderung gespart werde. Die NZZ vom letzten Samstag jedoch betont, es sei noch «kein Entscheid für oder gegen die Kultur gefällt worden». Betreiben Sie Schwarzmalerei auf Vorrat?
Konrad Bitterli: Natürlich kann man es so sehen wie die NZZ. Doch im KEF werden Strategien skizziert, wie die Finanzentwicklung passieren soll. Die konkreten Entscheide kommen noch, aber im Finanzplan werden Perspektiven aufgezeigt, und die sind für die Kultur im Kanton Zürich doch sehr heikel.

 

Inwiefern?
K.B.: Gemäss dieser Perspektive würden wir in Sachen Kulturförderung hinter den Status quo zurückfallen. Der Lotteriefondstopf ist im Moment zwar noch übervoll, doch es ist geplant, ihn bis 2021/22 abzubauen. Der künftig für Kultur vorgesehene Anteil an diesem Topf ist ebenfalls noch nicht ausdiskutiert. Wir wollen den Status quo erhalten. Deshalb sind wir jetzt aktiv geworden.

 

Eva-Maria Würth: Im Verlauf des letzten Jahres ging es im Kantonsrat verschiedene Male um die Kultur, und immer wieder hiess es in einem Nebensatz, die Kulturförderung erhalte im Moment nur deshalb so viel Geld, weil der Lotteriefondstopf übervoll sei. Umgekehrt hat Finanzdirektor Ernst Stocker anlässlich der Kulturdebatte im ‹Kosmos› letzten Herbst auf die Frage, wie hoch denn das Gesamtbudget für Kultur in Relation zum Staatshaushalt sein solle, geantwortet, die Kultur sei ein derart kleiner Posten, der lasse sich dann schon irgendwie finanzieren. Hingegen zeigt der KEF fürs Jahr 2022 eindeutig, dass die Kulturfördergelder der freien Mittel von heute 23 Mio. Franken um 3,3 Mio. Franken gekürzt werden. Zudem sieht der Vernehmlassungsvorschlag zum neuen Lotterie- und Sportfondsgesetz vor, dass für Kulturinstitutionen die kleineren und mittleren Investitionsbeiträge, die bisher aus dem allgemeinen Lotteriefonds finanziert wurden, neu aus dem Bereich der Kultur stammen sollen. Das belastet das Kulturbudget um ca. weitere 2,5 Mio. Franken jährlich. Das heisst, faktisch sprechen wir von einer Kürzung von knapp 6 Mio. Franken.

 

K.B.: Der Lotteriefonds­topf ist eine Finanzquelle, hinzu kommen die Staatsausgaben. Grundsätzlich ist Kultur gemäss Bundesverfassung eine Staatsaufgabe. Das sollte sich auch in den Staatsausgaben abbilden. Gelder aus dem Staatshaushalt gehen zurzeit ans Opernhaus und ans Theater Kanton Zürich. Das ist im Gesetz so festgeschrieben und auch nicht grundsätzlich umstritten, aber es ist staatspolitisch problematisch, wenn man den ganzen Rest der Kulturaufgaben über den Lotteriefonds abwickelt: Wiederkehrende Ausgaben sollten nicht via Lotteriefonds finanziert werden. Die Staatsmittel zu erhöhen dürfte sehr schwierig werden, und «es geht dann schon irgendwie» reicht einfach nicht.

 

Kehren wir den Spiess mal um: Sie sind viel zu spät dran. Der Kantonsrat fällte den grundsätzlichen Entscheid, bislang aus Staatsgeldern bezahlte Kulturförderungsbeiträge neu mit Geld aus dem Lotteriefonds zu berappen, bereits an seiner Sitzung vom 6. Juli 2015. Weshalb haben Sie damals nicht Alarm geschlagen?
K.B.: Es ist immer zu früh – oder zu spät… Zum Grundsatzentscheid, Kulturförderungsgelder statt aus dem Staatshaushalt aus dem Lotteriefondstopf zu nehmen, ist festzuhalten, dass dies nicht grundsätzlich unmöglich ist. Aber es wird dann unmöglich, wenn der Lotteriefonds tendenziell überbelastet wird.

 

E.-M.W.: Die Frage nach dem «zu früh, zu spät» hängt auch mit der Entwickung der politischen Grundempfindung in Europa zusammen: Rechte Kräfte ziehen sehr stark, und immer mehr Grundwerte, die der Gesamtgesellschaft zugute kommen sollten, geraten unter die Räder. Gleichzeitig fördert dies aber auch die Einsicht, dass man sich wieder stärker organisieren muss.

 

K.B.: Im Moment ist der Lotteriefonds­topf vermeintlich übervoll, aber uns stehen schwierige Zeiten bevor. Das ist natürlich nicht einfach zu kommunizieren. Dass einige der Millionen im Topf bloss noch nicht ausgegeben sind, weil es, wie beispielsweise bei der Kunsthauserweiterung, Verzögerungen gegeben hat, sieht man ihm von aussen natürlich nicht an.

 

E.-M.W.: Wenn man nachschaut, wie viel andere Kantone im Vergleich zum Kanton Zürich für Kulturförderung ausgeben, dann stellt man fest, dass letzterer nicht obenaus schwingt… Stellt man dann noch die Bevölkerungszahl und das Einzugsgebiet des Kantons Zürich in Relation zu seinen Kulturausgaben, dann ist es keineswegs unverschämt, eine Verdoppelung der freien Mittel auf 46 Mio. Franken für Kultur zu fordern, sondern notwendig, damit sich die Kulturförderung entsprechend dem Bevölkerungswachstum weiterentwickeln kann. Wir müssen selbstbewusst hinstehen und darauf aufmerksam machen, dass Kultur und Kunst eine fundamentale Aufgabe sind, die verschiedene Bereiche einer Gesellschaft betreffen, gerade in einer zunehmend globalisierten Welt.

 

K.B.: Es geht um Fragen der Identität, der Sinnstiftung, des Zusammenlebens, da­rum, was uns verbindet: Woher kommen wir, wohin gehen wir? Zudem ist Zürich auch und gerade deshalb als Standort attraktiv, weil es ein breites Kulturangebot gibt. Ich meine damit ausdrücklich nicht nur das Angebot in den Städten Zürich und Winterthur, sondern im ganzen Kanton. Die Kultur ist auch ein Wirtschaftsfaktor, und wir sollten den sogenannten Soft Factors Sorge tragen, wenn es um die Ansiedlung von Firmen geht. Denn viel tiefere Steuern kann man nicht mehr verlangen… Die Kultur macht einen Ort attraktiv für die Menschen, die dort wohnen, und das gilt nicht nur für die Grossstädte, sondern auch für die Kleinstädte und Gemeinden rundherum und für das Zusammenleben dort.

 

Der Kanton sollte also auch in Kultur investieren, weil es rentiert?
K.B.: Ein Beispiel: Winterthur ist, verglichen mit Zürich, eine ‹arme› Gemeinde. Der Kanton hat beim Museumskonzept, das ich nun umsetzen darf, ganz wesentlich als Hebel mitgewirkt in dem Sinne, dass die Menschen in unserer Stadt gemerkt haben, was sie an ihren Museen haben – und dass man ihnen Sorge tragen muss, indem man dazu schaut, sie auch weiterentwickelt.

 

E.-M.W.: Kommt hinzu, dass der Kunst- und Kultursektor immer wieder Aufträge fürs Gewerbe generiert. So müssen beispielsweise fürs Bühnenbild einer Theaterproduktion Metallbauarbeiten ausgeführt werden, oder es wird ein Softwareingenieur gebraucht, der hochspezialisierte Programmierungen durchführen kann. Viele Leute gehen vor oder nach dem Besuch eines Theaters, Konzerts oder einer Kunstausstellung etwas trinken oder essen, und wer weiter weg wohnt, bucht auch noch ein Hotelzimmer. Das trifft übrigens nicht nur auf Zürich und Winterthur zu; wir müssen auch die wachsenden kleineren Städte in den Fokus nehmen und das dortige Kulturleben massgeblich stärken.

 

K.B.: Wir reden immer so nett von «Schlafstädten», doch es geht darum, dass diese Orte auch eine gewisse Zentrumsfunktion in ihrer Region wahrnehmen können. Kultur ist ja nichts Abstraktes; es sind immer Menschen, die sich engagieren und vor Ort etwas leisten, und sehr vieles davon ist Freiwilligenarbeit.

 

E.-M.W.: Ich war kürzlich an einer Veranstaltung in einem abgelegenen Dorf im Toggenburg. Dort gibt es ein exemplarisches Projekt, das immer wieder in einer anderen Gemeinde stattfindet und so die Kultur zu den Leuten bringt. Hier sehe ich ein grosses Potenzial für die Gemeinden, die über die Kultur einen Austausch der Bevölkerung unterstützen und pflegen möchten.

 

K.B.: Ich gehe davon aus, dass die Stadt Zürich ihr Kulturangebot immer irgendwie hinbekommt. Doch das allein kann’s nicht sein; es gilt, den ganzen Kanton zu stärken, damit auch künftig vor Ort Projekte entwickelt, umgesetzt und vermittelt werden können.

 

Sie fordern in Ihrem «Factsheet Kulturförderung sichern», dass die Mittel für Kulturförderung nicht reduziert, sondern verdoppelt werden. Ist das nicht etwas hoch gepokert?
K. B: Man muss immer ein bisschen ‹kesseln›, damit man bemerkt wird… In den nächsten Jahren kommen neue Sparten auf uns zu, und wenn man angesichts dessen bei der Kulturförderung den Status quo beibehält, dann werden die einzelnen Beträge eben doch kleiner. Ich denke bei diesen Sparten etwa an die digitalen Medien, die gerade auch Jugendliche ansprechen. Die Kulturbranche schafft zudem, wie Eva-Maria bereits erwähnt hat, produktiven Mehrwert, und wer das tut, den kann man durchaus unterstützen – von mir aus auch unter dem Titel «Wirtschaftsförderung».

 

E.-M.W.: In Deutschland und Österreich hat man schon vor 20, 30 Jahren erkannt, dass man Kultur und andere Gesellschaftsfelder miteinander verknüpfen kann. Dort gibt es Projekte, die untersuchen, wie sich Schnittstellen schaffen lassen, sei das zu dem, was man in Zürich Soziokultur nennt, sei das zur Forschung oder zum lokalen Gewerbe. In der Schweiz ist man diesbezüglich immer noch sehr zurückhaltend. Dabei wäre es eine Möglichkeit, um aus der Ecke der ‹Hochkultur› im engeren Sinne herauszukommen und stärker in die Gesellschaft hinein zu wirken.

 

K.B.: Daraus ergibt sich noch ein weiterer Gedanke: Sinnstiftung und Teilhabe sind gewaltige Aufgaben, und im Moment werden sie einfach im bestehenden System bewältigt. Doch wird Integration tatsächlich auch als gesellschaftliche Aufgabe verstanden, dann ist das eine personal- und arbeitsintensive Aufgabe – und die bekommen wir nicht zum Nulltarif. Kulturarbeit in einem sehr breiten Sinn umfasst Teilhabe für breitere Kreise und hilft uns, besser zu verstehen, wer wir sind und wo wir hingehen.

 

E.-M.W.: Es geht explizit nicht um «mehr des Gleichen», sondern darum, neue Türen und Fenster aufzutun und neue Projekte anzustossen, die es so noch nicht gibt. Kommt hinzu, dass es kaum einen Ort gibt, wo so viel Freiwilligenarbeit geleistet wird wie in der Kultur. Und ich finde, wenn jemand gleichviel Zeit investiert wie jemand, der ein Jus- oder Medizinstudium absolviert, dann soll er auch eine angemessene Bezahlung fordern dürfen.

 

K.B.: Da sind wir weit davon entfernt…

 

E.-M.W.: Zwar nicht alle, aber doch ein beträchtlicher Teil der Kulturschaffenden gehört zu den Working poor.

 

Über das Budget des Kantons befindet der Kantonsrat: Wie wollen Sie die bürgerliche Mehrheit davon überzeugen, mehr Geld für die Kultur zu sprechen?
K.B.: In Winterthur hat eine bürgerliche Mehrheit dem Museumskonzept zugestimmt. Je näher man den Menschen kommt und je konkreter man ihnen den Nutzen aufzeigen kann, desto eher sind sie für Kulturförderung zu haben. Und Kultur betrifft bekanntlich alle, hier zählt nicht, ob jemand rechts oder links, bürgerlich oder grünliberal ist. Wir alle leben mit Kultur; wer in den Jodlerchor geht, trifft einfach andere Menschen als jene, die ‹gamen› gehen. Deshalb stehen die Chancen gut, dass wir auf Verständnis und Einsicht stossen. Unsere grosse Aufgabe wird darin bestehen, aufzuzeigen, dass Kultur weder elitär ist noch abgesondert von dem, was den Rest der Menschheit betrifft.

 

E.-M.W.: Und wir müssen rüberbringen, dass Kulturförderungsgelder überall im Kanton gebraucht werden – und dass sorgfältig mit ihnen umgegangen wird.

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