Handeln statt lavieren

Der rückblickend wiedergegebenen Lebensgeschichte droht die Gefahr einer Idealisierung, was «K.U.R.S.K.» gekonnt bricht und dafür plädiert, selbst vermeintlich profanes, aktives Eingreifen in Erwägung zu ziehen.

 

 

Jugoslawien, das war mal der Plan eines vielethnischen Staatengebildes, das anhand einer künstlich geschaffenen Identität als «JugoslawIn» ein Zusammengehörigkeitsgefühl herstellen sollte, das Serben, Kroaten, Bosnier, Slowenen, Kosovaren, Montenegriner, Mazedonier einander freundschaftlich zugeneigt ein Leben als Miteinander in Eintracht ermöglichen sollte. Tat es, aber das hörte irgendwann auf. «Balkanbaby» der Gruppe «K.U.R.S.K.» rund um Timo Krstin nähert sich den Bruchstellen von zwei Seiten. Arbeitsmigranten, die in den Jahren des Wirtschaftswunders exakt diese völkerverständigende Idee als Fremdarbeiter nach Mitteleuropa trugen, in der Absicht, die Gewerkschaftsbewegung nach diesem Vorbild gerechter für alle umzudeuten, und daran scheiterten, dass französische wie deutsche Gewerkschaften damals ein vorrangig nationalistisches Verständnis für ihre Verantwortlichkeit hatten. Aus dem Heute lässt sich ein solches Unterfangen von zwei Automechanikern als Heldentat überhöhen, was im Stück immer dann schön gebrochen wird, wenn diese Verehrung in eine Heiligsprechung kippen könnte. «Wir fanden einfach die Bugattis toll», sagt dann einer und wiegelt sämtliche Weltenretterallüre mit einer Handbewegung als nebensächlich ab. Auf der gegenüberliegenden Seite findet sich die Geschichte zweier Freunde, die in den 1990er-Jahren in ihrem Alltagsleben vom hereinbrechenden Krieg überrascht wurden und sich jetzt als Feinde gegenüberstehen sollten, die dann aber lieber reissaus nahmen, als sich gegenseitig abzuknallen, und beim Grenzübertritt alle Chuzpe in sich mobilisierten, um vorwärtsblickend weitermachen zu können. Formal ist dieses Stück Oral History auch mit den Videoanimationen von Anja Kofmel nicht die berauschendste Theateradaption der Saison, aber das macht der Inhalt dafür locker wett. Die frühen Arbeitsmigranten unterschätzten die Findigkeit des Kapitals, also der Pfeffersäcke, ihre Bestrebungen hin zu einer allgemeinen Gleichheit zu unterwandern, indem sie Zwietracht säten und die Landsleute in Gruppen von den anderen separierten: Divide et impera. Die späteren Kriegsverweigerer unterschätzten – der Lesart von «Balkanbaby» gemäss recht direkt vergleichbar – die Anfälligkeit des Menschen per se, sich einer spezifischen Gruppenidentität anschliessen zu wollen und darüber jedweden Ansatz eines Brücken der Gemeinsamkeiten mit anderen Suchens schleifen zu lassen. Bis hin zum Griff nach der Waffe und deren Verwendung. Nationalismus und dessen Überwindung hat eine zahlreichere Gegnerschaft als beherzte, aktive VerteidigerInnen davon rumlaufen. Das Eintreten für universelle Gleichheit aller Menschen hat nicht nur das Kapital, die Ängstlichkeit der Unterdrückten und die Schere im eigenen Kopf zum Gegner, sondern muss sich quasi allmorgendlich von neuem wieder aufrappeln und diese Fahne hochstemmen. Die beiden Beispielerzählungen in «Balkanbaby» sind darin unmissverständlich, dass lavieren nichts verändert, schon gar nicht das eigene Wohlgefühl, handeln indes das Potenzial aufweist, tatsächlich Veränderungen herbeizuführen, und sollte sich ein solches Resultat nicht über Nacht einstellen, einen wenigstens einen Lebenssinn über den des praktisch ausnützbaren Arbeitssklaven hinaus bescherte. Der Ankündigung gemäss ist «Balkanbaby» der Auftakt zu einer Trilogie über die Arbeiterschaft und wenn das in dieser stringenten Herausarbeitung der vordringlichsten Ambivalenzen weitergeht, dann kann sich das Publikum auf was freuen. Übrigens: Frauen habens dann noch geschafft, die Patrons in die Knie zu zwingen…

 

«Balkanbaby», nächstmals 4. bis 6.6., Gessneral

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