Für gute und faire Lösungen

Als Schulpräsident von Pfäffikon weiss Hanspeter Hugentobler wie sich der Druck auf das Bildungswesen in den letzten Jahren verstärkt hat. Er setzt sich für mehr Ressourcen an den Zürcher Schulen ein und erklärt im Gespräch mit Zara Zatti, wie ein Mittesitz im Regierungsrat zu mehr fairen Kompromissen führen würde.

 

Zara Zatti

 

Seit 2009 wird versucht, wann immer möglich, SchülerInnen mit besonderen Bedürfnissen in den Regelunterricht zu integrieren und nicht mehr in Sonderschulen zu unterrichten. Sie sind Schulpräsident in Pfäffikon. Wie sehen Sie diese Entwicklung?
Hanspeter Hugentobler: Im Vergleich zu anderen Gemeinden haben wir das sonderpädagogische Konzept in Pfäffikon sehr früh eingeführt. Ich finde es eine gute Stossrichtung, dass man möglichst viele Kinder integrativ schult und sie nur bei denjenigen Fällen, in denen es auch für das Kind keinen Sinn macht, an eine Sonderschule überweist. Wir haben dieses integrative Modell von nordischen Ländern übernommen, was wir aber nicht übernommen haben, sind die Ressourcen. Das bedeutet, dass die Umsetzung in der Realität häufig eine Herausforderung darstellt: Das Konzept ist gut, wir sind auf dem richtigen Weg, der aber noch wesentlich besser laufen würde, wenn man mehr Ressourcen hätte.

 

Wie schafft man mehr Ressourcen?
Einerseits kann man die Klassengrössen reduzieren, was ein langjähriges Anliegen der EVP ist. Wären die Klassen kleiner, dann wäre auch mehr tragbar für die Regelklassen und die Lehrpersonen. Kann die Klassengrösse nicht reduziert werden, braucht es definitiv auch mehr Heilpädagogen. Im Moment ist dies in den Gemeinden nur möglich, wenn man gewissen Schülern den Status der integrierten Sonderschulung (ISR) verleiht. Dabei finde ich es schade, dass nicht schon im Grundzustand mehr Lehrpersonen zur Verfügung stehen.

 

Ob ein Heilpädagoge benötigt wird, hängt doch auch von den SchülerInnen und ihren Bedürfnissen ab.
Ja sicherlich. Momentan gibt es aber die Haltung, dass man die Klassenlehrpersonen an der PH einfach besser in Bezug auf Sonderpädagogik schult, um die Heilpädagogen zu ersetzen. Das erachte ich als falsch. Das Mantra bei den Rechtsbürgerlichen heisst aber momentan, dass alles kostenneutral sein muss. Dieser Kampf setzt sich durch, sei es beim Berufsauftrag oder beim Lehrplan 21. Man hat dabei das Gefühl, man spare nicht, da die Gesamtausgaben gleich bleiben. Doch wir haben immer mehr SchülerInnen, das heisst die Ausgaben pro Kind sinken. Das ist ein Fahren mit angezogener Handbremse, das sich nicht auszahlen wird.

 

Im Moment hat es zu wenig Heilpädagogen. Was ist das Problem?
Wir laufen auf einen generellen Lehrpersonenmangel zu, nicht nur bei den Heilpädagogen. Besonders im Kindergarten ist die Situation prekär. Primar- und SekundarlehrerInnen haben momentan zwar noch genügend, aber auch davon brauchen wir in den nächsten Jahren ein paar Tausend mehr. Bei den Heilpädagogen müssen sicherlich gute Rahmenbedingungen geschaffen werden, das beinhaltet auch eine faire Entlöhnung, andererseits müssen auch mehr ausgebildet werden.

 

Im Kantonsrat schlugen Sie vor, die KindergartenlehrerInnen durch Klassenassistenzen zu unterstützen. Sehen Sie darin eine Möglichkeit, die Heilpädagogen zu ersetzen?
Ich sehe darin eine Ergänzung. Im Kindergarten haben wir die dramatische Situation der immer jüngeren Kinder, da diese in den letzten Jahren immer früher eingeschult wurden. Die Kinder sind häufig noch nicht bereit für den Kindergarten, bei 21 oder mehr Kindern ist das eine grosse Herausforderung für nur eine Lehrperson. Ich höre von vielen Kindergärtnern und Kindergärtnerinnen, dass sie gerade in den ersten Monaten an ihre Kapazitätsgrenzen stossen. Diese Betreuungssituation ist nicht hinnehmbar und würde in keinem Hort akzeptiert werden. Deshalb haben wir den Vorschlag gemacht, dass im ersten halben Jahr eine zusätzliche Person anwesend ist. Dabei geht es nicht um einen Ersatz von Heilpädagogen. Hat es Kinder, die man besonders integrieren muss, dann ist selbstverständlich ein Heilpädagoge gefragt.

 

Der neue Berufsauftrag für Lehrpersonen (nBA), der eine Jahresarbeitszeit für LehrerInnen festlegt, wurde nebst dem Lehrpersonenverband kürzlich auch vom Schulleiterverband kritisiert – was halten Sie davon?
Meine persönliche Meinung ist, dass es diesen Auftrag eigentlich nicht gebraucht hätte. Man muss dabei aber alle Seiten in die Pflicht nehmen. Der Berufsauftrag ist nicht etwas, was die Bildungsdirektion gefordert hat, sondern kam auch durch den Wunsch der Lehrerverbände zustande. Man wollte ein Instrument, um zu zeigen, dass die Lehrerinnen und Lehrer zu viel arbeiten. Damit kam automatisch die Arbeitszeiterfassung auf den Tisch. Beim neuen Berufsauftrag sehe ich die Gefahr, dass man anfängt, jede Minute zu zählen. Das ist kontraproduktiv und am Ende sind alle frustriert. Auch bei der Hochrechnung, wie viele Arbeitsstunden eine Lektion beinhaltet, kann man nie einen fairen Vergleich herstellen. Jede Lehrperson braucht eine andere Zeit für eine Lektion, das hängt beispielsweise davon ab, wie lange sie schon im Beruf tätig ist.

 

Die EVP hat mit den Grünliberalen und der BDP ein Bündnis «für eine starke Mitte» gebildet. Welche Aufgabe würde einem Mittesitz im Regierungsrat zukommen?
Ich engagiere mich für ein gutes Miteinander. Ich stelle fest, dass die Mitte in der Regierung fehlt. Für mich ist es wichtig, dass im Regierungsrat die ganze Bandbreite abgedeckt ist. Ich bin überzeugt, dass eine starke Mitte dazu beiträgt, dass man Kompromisse finden kann. Eigentlich erwartet man doch von uns Politikern, dass wir uns zusammenraufen, um gute und faire Lösungen auszuarbeiten und wir uns nicht gegenseitig ausspielen. Ich bin überzeugt, dass dies auch im Sinne der BürgerInnen ist.

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