Die VBZ schliesst Behinderte aus

Heute Freitagmorgen demonstrieren behinderte und nicht-behinderte Menschen an der Tramstation Bäckeranlage und blockieren den Trambetrieb. Grund sind die fehlenden Niederflurtrams.

 

Thomas Loosli

 

Im Jahr 2004 hat die Schweiz das Behindertengleichstellungsgesetz eingeführt, welches explizit «die behindertengerechte Gestaltung des öffentlichen Verkehrs» vorschreibt. 15 Jahre später verkehren in Zürich viele Trams, die für Behinderte nicht begehbar sind. Laut den Beobachtungen von Dorothée Wilhelm, Psychologin, Rollstuhlfahrerin und Initiatorin der Demonstration, ist nur etwa jedes sechste Tram der Linie 8 zurzeit ein sogenanntes Niederflurtram, also zugänglich für Menschen mit Gehbehinderungen. Dorothée Wilhelm arbeitet in Winterthur und hatte vor Stellenantritt ihren Arbeitsweg ausprobiert. Schnell musste sie aber ihr Vorhaben, das 8er-Tram Richtung Hardbrücke zu benutzen aufgeben, auch weil der Online-Fahrplan der ZVV hinsichtlich behindertengerechten Transports nicht zuverlässig sei. Zudem fahren seit diesem Sommer nur noch wenige Niederflurtrams, obwohl es laut Fahrplan jedes zweite sein müsste.

In einem Brief an die StadträtInnen Michael Baumer und Karin Rykart beschreibt Wilhelm, wie mühsam ihr Arbeitsweg durch den Ausfall der Niederflurtrams auf der Linie 8 sei. Sie brauche bis zu einer Stunde mehr, um von A nach B zu gelangen, weil es vorkomme, dass man über eine Stunde auf ein barrierefreies Tram warten müsse. «Menschen mit Behinderungen brauchen geschätzte 30 Prozent ihrer Energie, um auf den Null-Level der anderen zu kommen», schreibt sie in ihrem Brief an den Stadtrat. Wenn das Pendeln sie noch zusätzlich anstrenge, sei ein Arbeitstag für sie extrem erschöpfend. Die ausgebildete Psychologin ‹rollt› momentan mit dem Rollstuhl zum HB. Sie kann ihren Arbeitsweg über den Bahnhof Hardbrücke nicht mehr machen. «In Bern sind alle Trams rollstuhlgängig», meint Dorothée Wilhelm. Die VBZ hingegen scheinen sich mit der vollumfassenden Einführung von behindertengerechten Trams schwerzutun.

 

Pleiten, Pech und Pannen, aber wieso?

Dass die VBZ nach der mysteriösen Verfahrensgeschichte um die Vergabe des Auftrags neuer Trams – sie begann mit der Ausschreibung im Jahr 2011 – in extremen Verzug gerieten und immer noch auf ihre Flexity-Trams warten müssen, ist eine Sache. Dass man es aber nach dem für die VBZ positiven Verwaltungsgerichtsentscheid (der Rekurs von Stadler AG wurde zurückgewiesen) im Frühling 2017 verschlafen hat, sich vorausschauend zusätzliche Trams zu besorgen, zum Beispiel andere Tramfahrzeuge zu leasen, erscheint unachtsam bis fahrlässig.

Renata Huber, Leiterin Kommunikation des Departments der Industriellen Betriebe unter Stadtrat Michael Baumer sagt, dass man die Option eines Leasings von Basler Trams geprüft habe, aus technischen Gründen aber keine entsprechenden Fahrzeuge für das Liniennetz habe einsetzen können. Sie bedauert die momentane Situation und gibt zu, dass die VBZ einen Engpass habe. Leider seien viele unglückliche Umstände und Pech dazugekommen, wie einige Kollisionen im Sommer und der Riss in einer Gelenkstange bei einem Cobra-Tram im letzten Winter, was aufwändige Überprüfungen zur Folge gehabt habe. «Die Technik läuft auf den Felgen», erklärt sie. Man tue alles, um den Engpass zu beseitigen.

Angesprochen auf die mangelnde Kommunikation seitens der VBZ, behauptet Renata Huber, dass man auf das Fehlen von rollstuhlgängigen Trams mittels einer Medienmitteilung hingewiesen habe. Die Durchsicht aller Medienmitteilungen der VBZ hat ergeben, dass am 25. März dieses Jahres informiert wurde, dass vorübergehend weniger Niederflurtrams unterwegs seien. Eine Woche darauf verkündete man, dass sich alles wieder normalisiert habe. In den Medienmitteilungen dieses Sommers informierte die VBZ zu Themen wie Stehtischen und der neuen Uniform. Von weniger häufig verkehrenden Niederflurtrams war keine Rede.

«Die VBZ laufen sowohl personell als auch materiell auf dem Zahnfleisch», bestätigt Duri Beer, der Sekretär des Verbands des Personals öffentlicher Dienste (VPOD). «Sie müssen häufig kleinere Fahrzeuge in Betrieb nehmen, weil es an Personal und Maschinen mangelt, deswegen fallen auch immer wieder Trams aus.» Die VBZ wollten auf Anfrage von P.S. keine Auskunft geben. Sie wiesen auf eine Medienmitteilung hin, die in den nächsten Tagen herauskommen werde.

 

«Wir müssen Ärger machen»

Die Flexity-Trams werden frühestens im Sommer 2020 auf den Schienen Zürichs fahren. Wie die VBZ das kommende Jahr ohne zusätzliche Trams überbrücken wollen, steht in den Sternen. Unterdessen werden sich Dorothée Wilhelm und viele andere für die Rechte der Behinderten einsetzen, weiter demonstrieren und Trams blockieren, denn für die Behinderten in der Stadt Zürich ist der Ist-Zustand nicht hinnehmbar. «Wir müssen Ärger machen!», zeigt sich Dorothée Wilhelm kämpferisch. Die Blockierung des 8er-Trams sei ein Akt des zivilen Ungehorsams, nach dem Motto: «Die VBZ blockieren uns – wir blockieren die VBZ: Das ist fair!» Die Bürgerrechtlerin Rosa Parks habe sich auch einfach vorne in den Bus gesetzt. Nur wenn man ungehorsam sei, könne man wirksam auf Diskriminierung aufmerksam machen, sagt Dorothée Wilhelm. «Offensichtlich nimmt man die Anliegen der Gehbehinderten noch nicht ernst genug, immer wieder werden wir vergessen und vertröstet», meint auch SP-Nationalratskandidat Islam Alijaj, der mit Dorothée Wilhelm an der Demonstration teilnehmen wird.

Die offene Kommunikation war wohl nie ein Steckenpferd der VBZ. Dass jetzt auch noch das Zürcher Wappen falsch auf die Uniformen der Tramchauffeure aufgenäht wurde, ist eine weitere, beinahe aufheiternde Episode im Zürcher Tram-Drama. VBZ-Sprecher Tobias Wälti erklärte zum verkehrten Wappen, dass es besser wirke, wenn bei einem blauen Hintergrund das Logo so angepasst werde, dass die blaue Farbe auf der linken Seite des Wappens von Zürich zu sehen sei. Fehler zuzugeben scheint nicht die Stärke der VBZ zu sein.

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