«Der Kampf der Frauen verbindet die Völker»

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Am Sonntag steigt auf dem Kasernenareal das vierte Sakine-Cansız-Festival. Kezban Yilmaz und Adila Baran* vom Frauenverein Beritan, der das Festival mitorganisiert, und die Gemeinderätinnen Ezgi Akyol (AL) vom Komitee Brückenschlag Zürich-Diyarbakir und Christine Seidler (SP) erklären im Gespräch mit Nicole Soland, was es damit auf sich hat.

 

 

Vorspann: In diesem Text stehen die Statements von Kezban Yilmaz, Co-Präsidentin des Frauenvereins Beritan, und Adila Baran* bewusst im Mittelpunkt. Letztere möchte jedoch weder ihren Namen in der Zeitung lesen, noch wollte sie sich ablichten lassen, da sie als politisch engagierte Kurdin Repressalien befürchtet. Die AL-Gemeinderätin Ezgi Akyol, die zusammen mit Kezban Yilmaz den «Brückenschlag Zürich-Diyarbakir» präsidiert, hat hauptsächlich als Dolmetscherin mitgewirkt – herzlichen Dank! Als Unterstützerin des Beritan-Frauenvereins war SP-Gemeinderätin Christine Seidler beim Gespräch dabei. Den «Brückenschlag» hat der Zürcher Gemeinderat vor einem Jahr beschlossen (vgl. P.S. vom 27. Mai 2016).

Das Frauenfestival vom 18. Juni ist nach Sakine Cansız benannt: Wer war diese Frau?

Adila Baran*: Sie war eine Kämpferin in Südkurdistan, die von türkischen wie kurdischen Einheiten bekämpft wurde. Sie kämpfte unermüdlich für den Frieden, bis sie 2013 in Paris zusammen mit zwei Genossinnen vom türkischen Geheimdienst ermordet wurde.
Das wurde so bestätigt?

A. B.: Nein. Derjenige, der ursprünglich wegen des Mordes verhaftet und angeklagt worden war, ist selbst ermordet worden, und zwar noch vor Beginn der Gerichtsverhandlung. Offizielle Verlautbarungen dazu gibt es also nicht, und eine Verhandlung hat auch nie stattgefunden. Aber unter den KurdInnen gilt Sakine Cansız als die kurdische Rosa Luxemburg und wird als Märtyrerin verehrt.
Im Verein Beritan trifft man sich, um Sakine Cansız zu verehren?

Kezban Yilmaz: Sicher nicht nur. Unser Verein wurde vor vier Jahren von in der Schweiz lebenden kurdischen und türkischen Frauen gegründet, und wir zählen heute 150 Frauen, die Aktivmitglieder sind, sowie einige Passivmitglieder. Wir setzen uns auf verschiedenen Ebenen für die kurdischen Frauen ein. Unser Ziel ist es, die internationale Solidarität von Frauen für Friedensprozesse in der Türkei und Kurdistan, im Mittleren Osten und weltweit zu stärken. Friedensengagement bedeutet für uns nicht nur, uns Kriegen und jeglicher Form von Unterdrückung und Diskriminierung entgegenzustellen: Im Fokus unserer Friedensbewegung und -arbeit steht das Engagement für eine freie und ökologische Gesellschaft, die auf sozialer Gerechtigkeit beruht und eine Alternative zum patriarchalen Herrschaftssystem darstellt. Deshalb führen wir unter anderem Kampagnen gegen Gewalt im Namen der «Ehre» durch, initiieren Projekte zur Hilfe zur Selbsthilfe – beispielsweise Kurse zur Selbstverteidiung – und führen Delegationsreisen nach Kurdistan durch. Wir arbeiten die Geschichten von Frauen auf und publizieren sie. Dadurch geben wir diesen Frauen eine Stimme und tragen die Forderungen von Frauen für einen gerechten Frieden in die Öffentlichkeit. Wir machen die vielfältigen Organisationsansätze und Arbeiten von Frauenbewegungen publik und stärken die internationale Vernetzung von Frauenorganisationen.

Im Namen von Sakine Cansız wird zudem seit ihrem Tod in mehreren Ländern einmal pro Jahr ein Festival organisiert. In der Schweiz fand es die letzten drei Jahre jeweils in Basel statt. Nun kommt es erstmals nach Zürich.

Christine Seidler: Die Aktivistinnen von Beritan solidarisieren sich mit Frauen, denen durch Krieg, Folter, Vertreibung, politische Verfolgung, rassistische und geschlechtsspezifische Unterdrückung Leid zugefügt wurde.
Und was ist so speziell an Sakine Cansız, dass sie ihr eigenes Festival bekommen hat?

K. Y.: Sakine Cansız – wir nennen sie Sara – war eine Frau, eine Revolutionärin, eine Aufständische mit roten Haaren. Die KurdInnen sagen, «sie ist unsere Rosa Luxemburg». Vielleicht hat sie sich mit ihren eigenen Worten – «mein ganzes Leben war ein Kampf» – am schönsten und besten beschrieben. Das Leben unserer Sara ist wie das Bild aller Frauen, die im Mittleren Osten gelebt haben: Der Name aller Frauen, die sich gegen Verfolgung, Faschismus, gegen Grobheit aller Art gegen Frauen aufgelehnt haben, ist Sara. Sie ist aber auch das Symbol der Geschwisterlichkeit und das Gegenbild zu jenen, die Feindschaft unter den Völkern der Gegend geschürt haben, aus der sie stammt; sie ist das Gegenbild zu jenen, die ethnischen Nationalismus betonen, und zu allen Massnahmen, die Menschen als die «Anderen» bestimmen. Sara ist auch das Symbol der Frauen, die, wie sie selbst es getan hat, daran glauben, dass der Kampf der Frauen die Völker verbindet, Geschwisterlichkeit erschafft und auch zur Brücke der Liebe wird. Dies hat sie mit ihrer Haltung gelebt. Aber nicht nur das: Sara war auch der Name der freien Frau gegen den Genozid an Völkern und Frauen im Namen der Religion und gegen die Erschaffung des Faschismus im Namen des Glaubens.

A. B.: Sie war eine herausragende Persönlichkeit, und in ihren politischen Vorstellungen und ihrem Lebensstil ähnelte sie der Anarchistin und Friedensaktivistin Emma Goldmann. Sie gilt heute als Symbolfigur der kurdischen Frauen und der widerständigen Bevölkerung allgemein. Ab zirka 1975 begann jene Phase, in der die kurdische Bevölkerung am meisten Gewalt und Repression zu erleiden hatte. Sie war die erste Frau, die den Mut hatte, sich öffentlich dagegen aufzulehnen. Sie ist zudem Mitgründerin der kurdischen Arbeiterpartei PKK. Von 1979 bis 1990 sass sie im Gefängnis und wurde grausam gefoltert.
Was wurde ihr vorgeworfen?

A. B.: Sakine Cansız galt auch für den türkischen Staat als Symbol der Frauenbewegung – deshalb wurde sie so stark gefoltert. Dennoch haben es ihre Folterer nicht geschafft, sie dazu zu bringen, sich über die Folter oder den Faschismus, der dahintersteckte, zu beschweren. Sie hat die Folter und die sexualisierte Gewalt, der sie inner- wie ausserhalb des Gefängnisses ausgesetzt war, ertragen und trotz aller Widerstände weitergekämpft. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis 1990 war sie für kurze Zeit in Europa, danach in Syrien und im Libanon. Sie hat ihre radikalen Vorstellungen von Feminismus und ökologischer Wirtschaft stets gegen religiöse Fundamentalisten, Patriarchen und Faschisten verteidigt.

K. Y.: Sakine Cansız, die rothaarige Frau: Sie ist das lila Symbol der Eleganz, der Toleranz, der Einheit und des Widerstandes gegen die Ungerechtigkeit. Genau weil sie diese Werte verteidigt hat, wurde sie vom Faschismus des türkischen Regimes ermordet. Sara ist zugleich auch der Schrei nach Freiheit ihres Volkes, des kurdischen Volkes: Des Volkes, das aus der Wiege der Menschheit stammt, jener Gegend, in der die Menschheit zum ersten Mal auf Kultur stiess. Des Volkes, das historischen Widerstand leistete und das daran glaubt, dass der Mensch und die Natur miteinander leben müssen. Des Volkes, das erklärt, dass Frieden und Gerechtigkeit Basis der Freiheit sind. Sie hat in einer Gegend, in der seit Jahrhunderten Krieg und Genozid herrschen, gesagt, «mein grösster Traum ist Frieden auf der ganzen Welt». Sara hat sich auch, obwohl sie Kurdin und Alevitin war, als Weltbürgerin angesehen.

A. B: Gewalt war für sie ein Thema in jenem Moment, in dem sie unterdrückt wurde, in dem sie Opfer war. Ebenfalls Gewalt anzuwenden, war für sie in diesen Momenten Mittel zum Zweck, ja Notwendigkeit. Doch Gewalt um der Gewalt willen hat sie stets abgelehnt, im Vordergrund stand der Frieden. Sakine Cansız hat für den Frieden gekämpft, und der Kampf für den Frieden ist auch die Kernbotschaft des Festivals. Sie hat die Idee des Internationalismus unterstützt, und auch das kommt am Festival zum Ausdruck: Erst wenn das kurdische Volk befreit ist, wird Frieden im Nahen Osten möglich. Und erst, wenn im Nahen Osten Frieden herrscht, kann die ganze Welt ein friedlicher Ort werden.
Das Festival steht somit im Zeichen des internationalen Kampfes für den Frieden?

K. Y.: Ja, denn Sakine Cansız ist nicht nur ein Symbol für die Menschen im Mittleren Osten, sondern auch Symbol aller Menschen, die gegen Nationalismus in allen Ecken unserer Welt, gegen Rassismus, gegen Sexismus, gegen Faschismus im Namen der Religion kämpfen und sich für Frieden, Geschwisterlichkeit und Freiheit engagieren.

A. B.: Als Sakine Cansız in Europa war, hat sie mit feministischen und sozialistischen Gruppen zusammengearbeitet und mitgeholfen, den internationalen Kampf voranzutreiben. Sie war aber auch der Überzeugung, dass die Voraussetzung für Frieden die Befreiung der untersten Schicht ist, und die bilden nun mal die Frauen – nicht nur in Kurdistan. In diesem Sinn und Geist findet das Festival statt.
Die Frauen sollen es richten: Heisst das, dass Männer während des Festivals nicht ins Kasernenareal eingelassen werden?

K. Y.: Nein, sicher nicht: Sie dürfen und sollen sich solidarisieren. Sakine Cansız ist die Identität, in der sich jene treffen, die sagen, «auch ich bin Mensch», und die auf der Seite der Menschlichkeit die Stellung der Freiheit gehalten haben gegen das patriarchale Gedankengut, das unsere Welt verschmutzt, das Feindschaft schürt und für die Gedanken des IS steht. Genau aus diesem Grund ist das Sakine-Cansız-Frauen- und Kulturfestival nicht nur für Frauen, die Widerstand leisten; es ist ein Aufruf an alle Menschen, die gegen Nationalismus, Rassismus, Fundamentalismus und Sexismus sind. Heute bedarf es mehr denn je der Gemeinsamkeit, eines gemeinsamen Weges. Aus diesem Grund wird unser Festival ein bedeutsamer Atemzug auf dem Weg unserer Freiheit sein.

* Name geändert; richtiger Name der Redaktion bekannt.

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