Schöner einkaufen

Der Räuschling floss in Strömen aus dem Brunnen und tat seinem Namen alle Ehre. Der Septemberabend war milde, die Gästeschar auserlesen. Der Grund des Anlasses auf dem Münsterhof: Finissage der Grüninstallation von Heinrich Gartentor (Pflanzenkisten auf Schafwoll-Humus-Unterlage). Und dann: Grosses Staunen über die Ansprache des Gewerbevertreters aus den umliegenden Geschäften. Sie seien zuerst sehr skeptisch gewesen, aber nun seien sie begeistert! Eine wunderbare Aktion! Eine Bereicherung! Und die Kasse stimme! Daher: jederzeit wieder! (Oder so, ich zitiere aus dem Nebel der Erinnerung.) Natürlich musste ich mich mal wieder unflätig benehmen und platzierte einen munteren Zwischenruf an die Adresse der bürgerlichen Anwesenden: «Hört auf das Gewerbe!»

 

Über «das Gewerbe» wollte ich schon lange mal schreiben, obschon ich dafür komplett nicht qualifiziert bin. Vom Gewerbe verstehen Grüne nämlich rein gar nichts. Gewerbe ist konservativ, parkplatzaffin, ungrün, materialistisch und damit die wandelnde Antithese zu mir. Grünes Gewerbe ist so etwas wie ein schwarzer Schimmel oder ein netter Grüner, also nicht möglich.

 

Aber natürlich gibt es «das Gewerbe» nicht, sondern es ist so vielfältig wie die Gesellschaft auch. Zudem wird es durch die falschen Leute vertreten. Und schon gar nicht hat es eine einheitliche Meinung. Daher muss man den Gewerbeverbänden dieses Landes kein Wort glauben. Das «K» bei den KMU steht zwar ohne Zweifel unter Druck. Es sind aber weniger Parkplätze oder Behördenschikanen, die dem Gewerbe Saures geben, sondern Mietzinswucher, Globalisierung, Digitalisierung und Innovationsträgheit. Die Gewerbeverbände sind eine Ansammlung von alten weissen Männern. Kein Wunder, sind bei den letzten Wahlen zwei ihrer Häuptlinge abserviert worden.

 

Spannende Lektüre letzthin in der alten Tante, eine Reportage über das Gewerbe in der Winterthurer Altstadt. Es gibt jede Menge Sorgen – Parkplätze und Politik gehören kaum dazu. Dafür all die Auswüchse und Begleiterscheinungen des modernen Kapitalismus, von Leerständen bis zu globalisiertem Internethandel, von der Mietzinsentwicklung bis zum Einzug anonymer Detailhandelsketten. Lädeli war gestern. Die Innenstadt verödet, da nützt auch die glitzerigste Weihnachtsbeleuchtung nichts mehr. Gejammert wird natürlich über anderes: Die Rahmenbedingungen! Die Leute, die im Ausland einkaufen! Die Jungen, die gar nichts einkaufen! Der Unternehmergeist erschöpft sich im Selbstmitleid. Ideen? Fehlanzeige. Nur manchmal zarte Eingeständnisse wie das obgenannte, nämlich, dass mehr Aufenthaltsqualität mehr bringt als freie Fahrt für freie KundInnen. Dass primär der öV die Kundschaft anliefert, ist empirisch bewiesen. Die Mär vom ursächlichen Zusammenwirken von Parkplatz und Umsatz liegt an der Verwechslung von Korrelation und Kausalität, man kann geradeso gut behaupten, ein Züri-WC «bewirke» Umsatz.

 

Daher ist die angedachte Reduktion von rund zehn Prozent der Parkplätze in unserer Innenstadt goldrichtig und überfällig! Der öffentliche Raum muss wieder allen dienen, und er muss den Menschen gehören, nicht den Blechkisten. Die Devise heisst: mehr Aufenthaltsqualität in der Stadt! Und ihr werdet sehen: Zum Schaden des Gewerbes wird das ganz bestimmt nicht sein. Oder wie das Lukas Bühlmann, Direktor von Espace Suisse, formuliert: «Die Parkplatzdiskussion versuchen wir zu durchbrechen und über andere Punkte zu sprechen.» Ja. Bitte. Hört auf das Gewerbe, wenn es denn schon mal etwas Wahres sagt.

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