Eine ganzheitliche Sicht als Basis einer guten Stadt

Im Hochbaudepartement war 2015 das Jahr der Dauerbrenner: Von Kongresshaus bis Stadion, von Schulhäusern bis BZO-Revision kam alles aufs Tapet. Stadtrat André Odermatt wirft im Gespräch mit P.S. einen Blick zurück – und einen in die Zukunft.
Jahrelang hatte der Zürcher Stadtrat betont, wie wichtig ein neues Kongresszentrum für Zürich sei – und dann hiess es plötzlich, eine Renovation des Kongresshauses am See sei die beste Lösung.
Lässt man die jüngere Geschichte des Kongresshauses Revue passieren, inklusive das Intermezzo mit dem Moneo-Projekt, das die Stimmberechtigten abgelehnt haben, und behält man die Schutzwürdigkeit des Ensembles Kongresshaus/Tonhalle im Hinterkopf, dann stellt sich schnell einmal die Frage, wie man an diesem Standort das Optimum herausholen kann. Mit der baulichen Antwort, die das Sanierungsprojekt gibt, haben wir eine gute Lösung gefunden, welche die ‹Verschlimmbesserungen› aus den 1980er-Jahren behebt und die Qualität wieder hervorholt, inklusive Terrasse mit Seesicht. Vor allem aber können wir künftig das Haus viel flexibler nutzen, wir können mehr Veranstaltungen parallel durchführen, und wir erlangen so eine Aufwertung des ganzen Hauses. Was die Tonhalle betrifft, ist seit Langem bekannt, dass die MusikerInnen unter den absolut misslichen Zuständen leiden und wir dringend Abhilfe schaffen müssen.

 

 

Das tönt vom Architektonischen her betrachtet einleuchtend – aber muss man deswegen gleich ganz zurück in die Vergangenheit? War das Haus nicht eben noch zu klein, war nicht da die Beleuchtung ungenügend und dort die Akustik unkorrigierbar schlecht?
Von der Grösse her können wir mit dem umgebauten Kongresshaus am See den grössten Teil der Nachfrage abdecken. Die Mehrheit der Kongresse ist nämlich auf 1000 bis 1500 Teilnehmende ausgerichtet. Wir schaffen Spitzen bis 2500 Leute. Was die Technik betrifft, wird sie natürlich ebenfalls aufgerüstet; heutzutage ist es kein Problem mehr, auch alte Gemäuer auf den neusten Stand zu bringen, sodass sie sich problemlos bespielen lassen.

 

 

Sie waren einst begeistert vom Geroldareal und der Möglichkeit, dort ein neues Kongress­zentrum zu bauen. Wie freiwillig haben Sie darauf verzichtet, dort weiterzuplanen?
Wir sind mit dem Landkauf nicht zu Boden gekommen, und deshalb sind die Möglichkeiten, die sich für dieses Areal geboten hatten, für den Moment kein Thema mehr.

 

 

Zu Ihrem Bedauern?
Das Areal bietet grosse Chancen – das kann man anhand der sehr verschiedenen Nutzungen, die dort zurzeit nebeneinander funktionieren, leicht feststellen. Doch es ist nun mal nicht so gelaufen, wie es einst geplant war, und ich schaue lieber nach vorn als zurück.

 

 

Kommen wir zum Eishockey-Stadion: Vor der Abstimmung vom 18. Mai 2003 wurde den Stimmberechtigten hoch und heilig versprochen, mit der Sanierung und Erneuerung des Hallenstadions hätten die ZSC Lions ausgesorgt. Nun brauchen sie ein neues Stadion in Altstetten, für das erst noch Familiengärten platt gemacht werden.
Die ZSC Lions sind im Hallenstadion nie wirklich glücklich geworden. Von den betrieblichen Abläufen her ist es nicht optimal geeignet, und sie mussten bereits mehrmals für wichtige Spiele in andere Städte ausweichen oder das Heimspielrecht abtauschen. Damit will ich niemandem schlechte Planung vorwerfen; es ist vom Ablauf der Eishockey-Meisterschaft her fast nicht möglich, den Spielplan des Klubs mit der Planung des Hallenstadions in Einklang zu bringen.

 

 

Das hätte man sich doch vor der Sanierung des Hallenstadions überlegen müssen.
So einfach ist es nicht. Seither hat sich Eishockey massiv verändert. Heute werden viel mehr Matches gespielt. Ausserdem besteht der ZSC nicht nur aus der ersten Mannschaft, sondern auch aus der schweizweit wohl besten Nachwuchsförderung: Es wäre für seinen ganzen Betrieb viel einfacher in einem richtigen Eishockeystadion, wo es nicht zuletzt zusätzliche Trainingsmöglichkeiten gäbe. Und die Stadt Zürich käme obendrein zu mehr Eis.

 

 

Braucht sie das denn?
Wir haben einen Dauermangel an Eis, und die Nachfrage ist sehr gross, gerade auch für den Vereinssport. Für den ZSC wäre ein eigenes Stadion, das der Klub selber bespielen kann, auch finanziell besser. Bei den Geldern der öffentlichen Hand handelt es sich hauptsächlich um ein Darlehen, nebst einem Betriebsbeitrag. Ob die öffentliche Hand überhaupt einen Beitrag leisten soll, ist Teil der politischen Diskussion. Aus meiner Sicht spricht nichts dagegen, dass wir unsere Stadtclubs auch finanziell mittragen. Wenn man einen Blick in andere Schweizer Städte wirft, stellt man fest, dass das Betreiben von Stadien früher oder später zu einem Engagement der Städte zu führen pflegt. Wir in Zürich handhaben das einfach sehr transparent – wir weisen dies von allem Anfang an aus.

 

 

Fürs aktuelle Fussballstadion-Projekt haben sich entgegen aller Unkenrufe zwar nicht sechs, aber doch fünf potenzielle Investoren gemeldet: Zufrieden?
Es haben sich hochkarätige Teams gemeldet, die sehr breit und kompetent aufgestellt sind. Ich bin gespannt, was sie einreichen werden. Natürlich folgt auch noch eine politische Bewertung und die Entscheidung, womit wir in den Gemeinderat gehen. Es wird sicher ein Geschäft, zu dem die Bevölkerung das letzte Wort hat; das finde ich auch richtig, mit Blick auf die ganze Vorgeschichte sowieso.

 

 

Die Bevölkerung hat beim letzten Vorschlag die Wohnsiedlung angenommen und das Stadion abgelehnt. Die Privaten müssen nun günstige Wohnungen bauen, ob es ihnen passt oder nicht: Ist das nicht ein heisser Lauf?
Die fünf Teams, die sich gemeldet haben, nehmen den Ball auf; sie haben sich mit Genossenschaften zusammengetan und geben auch sonst durch, dass sie sich dieser Aufgabe stellen wollen und können. Das wiederum zeigt mir, dass die klare Botschaft der Bevölkerung aufgenommen wurde: Diese will eine preisgünstige, gemeinnützige Wohnsiedlung.

 

 

Ebenso klar ist, dass die Privaten nicht bauen, wenn es sich nicht rentiert: Wann beginnt der nächste Streit um Parkplätze, Schattenwurf und Mobilitätskonzepte?
Wenn wir die konkreten Vorschläge der Teams auf dem Tisch haben, prüfen wir sie auf Herz und Nieren. Dass die Bauten auf einem Teil des Areals die gemeinnützigen Wohnungen und das Stadion mitfinanzieren und damit auch die Renditeerwartungen der Investoren abdecken müssen, steht fest, dass das Projekt die politischen Hürden überspringen muss, ebenfalls. In einem halben Jahr sind wir sicher weiter. Aber der erste Eindruck ist gut, ich bin zuversichtlich.

 

 

Die Schulhäuser liessen Sie auch im 2015 nicht in Ruhe: Wie ist da der Stand der Dinge?
Ich finde, wir sind gut unterwegs. Bauen braucht nun mal Zeit; auch ein Grossprojekt Privater dauert vom ersten Anpacken bis zum Bezug acht bis zehn Jahre. Wir befinden uns zudem in einem dicht bebauten Raum, in dem das Bauen besonders komplex ist – was übrigens ebenfalls nicht nur wir merken, sondern auch die Privaten. Dennoch haben wir sehr viele Schulanlagen in Angriff genommen, bei denen wir gut vorankommen: Die Schulhäuser Manegg, Freilager, Pfingstweid und Thurgauerstrasse sind gut unterwegs, und das Schulhaus auf dem Schütze-Areal kommt nächstes Jahr bereits vors Volk. Die Schulanlagen bereiten mir zurzeit weniger Sorgen…

 

 

Als was?
Wenn man ein so grosses Portfolio hat wie die Stadt Zürich, muss man immer auch an die Sanierungen denken: Die Lehre aus den 1990er-Jahren vom vermeintlichen Sparen, das dann einfach Sparen auf Kosten der nächsten Generation ist, will ich nicht pflegen.

 

 

Der Gemeinderat sah das in der Budgetdebatte allerdings etwas anders…
Die Planungsgelder sind trotz allem aufgestockt worden, wenn auch nicht ganz im gewünschten Ausmass. Das ist ein gutes Zeichen: Der Gemeinderat will offensichtlich auch, dass wir planen, und wünscht sich, dass wir vorwärtsmachen.

 

 

Trotzdem hat der Gemeinderat dem Investitionstopf einen Deckel verpasst.
Im Moment geht es vor allem darum, dass wir Projekte aufgleisen und die Ausschöpfung steigern können. Die Frage, ob wir den Investitionsplafond erhöhen müssen, wird nächstes Jahr zur Debatte stehen. Fest steht auf jeden Fall, dass wir ein ständig wachsendes Portfolio haben und dass wir, genau wie eine grosse Immobilienfirma, den Unterhalt und die Sanierungen ebenso einberechnen müssen wie die Tatsache, dass es Mittel bindet, wenn man zusätzlich etwas neu baut. Immerhin haben wir, was die Schulhäuser betrifft, in Zürich die komfortable Situation, dass wir für die Spitzenabdeckung und für Durststrecken bis zur Fertigstellung eines neuen Schulhauses auf die Züri-Modular-Pavillons zurückgreifen können. Diese werden von Kindern, Lehrpersonen und Kreisschulpflegen gleichermassen gut angenommen, und wir haben es bisher auch immer geschafft, zum Schuljahresbeginn die richtigen Räume am richtigen Ort zur Verfügung zu stellen – was in einer sehr stark wachsenden Stadt doch nicht ohne ist.

 

 

Zur geplanten grossen Wohnsiedlung Thurgauerstrasse West haben Markus Kunz und Gabriele Kisker von den Grünen im Gemeinderat eine dringliche schriftliche Anfrage eingereicht: Sie wollen dort die Möglichkeiten für ein «2000-Watt-Areal» abgeklärt haben. Was halten Sie davon?
Für den Stadtrat ist es angesichts der dort vorgesehenen Gebietsentwicklung klar, dass wir eine ökologisch vorbildliche Siedlung ins Auge fassen. Darüber hinaus setzen wir den Fokus auf eine Nachhaltigkeit im umfassenderen, auch im sozialen Sinn. Deshalb sollen zum Beispiel verschiedene innovative gemeinnützige Bauträger zum Zug kommen.

 

 

Es gibt also verschiedene Haustypen wie auf dem Hunzikerareal?
Unser Modell sieht vor, dass auch dann Unterschiedliches entstehen soll, wenn ausschliesslich gemeinnützige Wohungen geplant sind; sonst kann man ja nicht von «Vielfalt» reden. Auf dem Areal Thurgauerstrasse West müssen wir zudem den Freiraum und den Schulraum mitdenken – und Angebote fürs Gewerbe obendrein. Die Stadt hat dazu praktischerweise ein Vorbild auf der anderen Strassenseite; das Gewerbehaus «Örlikerhus» funktioniert seit langer Zeit sehr gut.

 

 

Wie steht es mit der neuen Bau- und Zonenordnung (BZO)? Türmen sich die Einwendungsschreiben schon auf Ihrem Pult?
Mit der BZO und der Richtplanung sind wir auf gutem Weg. Der regionale Richtplan ist in erster Lesung durch, er wird wohl im Frühling dem Gemeinderatsplenum vorgelegt. Bei der BZO würde ich mir denselben Fahrplan wünschen, doch da kommen zurzeit erst die Anträge herein. Ich habe sie noch nicht gesichtet, aber rein von der Menge her liegt die Zahl noch im Rahmen.

 

 

Es gab schon seitenlange Zeitungsartikel dazu, was am neuen Untergeschoss alles falsch sei oder weshalb der sture Stadtrat besser endlich zulassen sollte, dass man überall in der Stadt um zwei, drei Geschosse aufstocken darf: Sind Sie tatsächlich so zuversichtlich?
Was das Untergeschoss betrifft, sind wir längst an einem anderen Ort. Grundsätzlich handelt es sich um eine BZO, die vor allem eine Qualitätssicherung will. Es gibt Bauherrschaften, die sehnlichst darauf warten, dass der Gemeinderat die BZO-Revision verabschiedet, weil sie mit der Neuregelung des Untergeschosses besser bauen können. Natürlich gibt es auch die andern, die unbedingt noch nach altem Muster bauen wollen. Alles in allem haben wir mit der neuen BZO vom Baumschutz bis zu den Erdgeschossnutzungen wichtige Anliegen geregelt, die eben auch in einer Verdichtung erfüllt sein müssen, denn Verdichtung geht nur mit Qualität.

 

 

Verdichtung ist doch vor allem fürs Portemonnaie der Bauherren gut.
Das ist ein Trugschluss. Reden wir von mehr Urbanität. Dichtes Bauen kann durchaus die Qualität steigern, so dass nicht nur ein Gewinn für den Bauherrn resultiert, sondern auch für die Bevölkerung. Aber für die nötigen Infrastrukturen muss gesorgt sein, und daran sollen sich jene Grundeigentümer beteiligen, die von Aufzonungen profitieren. Stichwort: Ausgleich von planungsbedingtem Mehrwert.
Die Akzeptanz der Verdichtung ist in diesem Zusammenhang ein Thema, das mir wichtig ist. Es korrespondiert eng mit der Stadtplanung: Das Amt für Städtebau und weitere Dienstabteilungen der Verwaltung arbeiten zurzeit sehr intensiv an einem kommunalen Richtplan. Ist dieser dereinst verabschiedet, haben wir das Werkzeug, um die Stadt qualitätsvoll nach innen zu entwickeln.

 

 

Von der Idee, einfach überall zwei, drei Etagen aufzustocken, halten Sie demnach nichts?
Nein, so banal ist es nicht. Stellen wir uns vor, was es im Kreis 4 für die Innenhöfe heissen würde, wenn die Gebäude rundherum zwei oder drei Stockwerke höher wären: Die Wohnqualität in den untersten Stockwerken litte, die Dimensionierung geriete völlig aus dem Gleichgewicht. Es gäbe Ersatzneubauten, in denen preisgünstige Wohnungen verloren gingen. Natürlich gibt es Orte, wo ein paar Stockwerke höher kein Problem sind. Aber dort müssen dann die Rahmenbedingungen angepasst werden.

 

 

Wie meinen Sie das?
Wer Verdichtung sagt, muss immer auch an die Infrastrukturen denken, an Schulraum, Freiräume, Sporteinrichtungen. Und an die Erschliessung, also in erster Linie öffentlichen, Velo- und Fussverkehr – andernfalls geht die Verdichtung wieder verloren, bevor man sie erreicht hat. Es braucht eine gesamtheitliche Sicht, wenn ein Quartier dichter wird. Nur mit einer gesamtheitlichen Sicht erreichen wir eine gute Stadt, und das sind wir unserer Bevölkerung schuldig. Und nicht zuletzt profitieren auch die privaten InvestorInnen davon: Eine Stadt, in der man gern wohnt, die ein attraktives Angebot und gute Schulen hat, ist auch für InvestorInnen interessant. Das vergisst man gern. Dabei geht es doch darum, Entwicklungen zu befördern, die am Schluss Resultate hervorbringen, die nicht auf Kosten der einen oder andern Seite gehen, sondern von denen alle etwas haben.

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