«Die wichtigste Voraussetzung ist ein gesicherter Aufenthaltsstatus»

Migrationsforscher Mark Terkessidis hat letzte Woche zum Thema «Kollaboration» referiert und diskutiert. Für alle, die nicht dabei sein konnten, hat er Manuela Zeller ein paar Fragen beantwortet.

 

 

Die Diskussionsrunde, an der Sie teilgenommen haben, hiess «Teilhabe – aber richtig!» Was beinhaltet der Begriff Teilhabe eigentlich?

Wir brauchen einen Begriff, der über die Verfahren der repräsentativen Demokratie hinausgeht. In Zürich haben über 30 Prozent der Einwohner kein Wahlrecht. Überall in Europa gibt es eine «Repräsentationskrise» – Leute fühlen sich nicht mehr von ihren Parlamentariern vertreten. Teilhabe als Bestimmung über das direkte Lebensumfeld, etwa in der Stadtplanung, könnte die reale und gefühlte Ohnmacht überwinden helfen. Persönlich habe ich allerdings so meine Probleme mit dem Begriff Teilhabe: Das wird ja jemandem gegeben, der nicht hat, das hat etwas Paternalistisches. Ich verwende den Begriff Kollaboration, also Zusammenarbeit. Menschen sollten unabhängig von ihrem Hintergrund die Möglichkeit haben, sich entsprechend ihrer persönlichen Kompetenzen einzubringen und über Aspekte der Entwicklung ihres direkten Umfelds zu bestimmen. Daraus ergibt sich auch Zusammenhalt.
 

 
Ein Beispiel?

Das Schulzimmer meines Sohnes hier in Berlin-Kreuzberg war in einem desolaten Zustand. Die Kommune, die zuständig ist, hat nichts unternommen. Dann haben die Eltern schliesslich selber Geld beantragt und die Renovation auf eigene Faust geplant und durchgeführt . Dabei konnten die unterschiedlichsten Leute ihre Fähigkeiten – pädagogisches Wissen, Planungswissen, handwerkliches Wissen etc. – einbringen.
 

 
Und in einer Stadt wie Zürich?
Die Stadt kann in Bezug auf konkrete Probleme Verfahren einsetzen, welche es den Betroffenen ermöglichen, mitzubestimmen ­– nein, zu bestimmen. Ein sehr wichtiges Thema ist für mich Bildung: Da braucht es eine breite, öffentliche Diskussion. Dass es nichts bringt, reines Faktenwissen zu lernen, ist inzwischen ja klar. Was aber soll gelernt werden? Wieviel Allgemeinwissen und wieviel berufsbezogenes Wissen soll vermittelt werden?

Es gibt eine riesige Vielfalt an interessanten Methoden, um Mitsprache zu ermöglichen, eine Übersicht gibt es etwa auf der österreichischen Seite www.partizipation.at. Wichtig ist, dass Partizipation nicht nur pro forma gefördert wird. Das schlimmste finde ich, Anwohner über ein Bauvorhaben diskutieren zu lassen, unbezahlt natürlich, während eigentlich schon längst entschieden wurde, was gemacht wird. Kollaboration hört sich zunächst nach einem langwierigen, anstrengenden Prozess an. Stimmt auch. Aber wir bekommen ja nicht mit, wie lange die Experten hinter verschlossenen Türen brauchen. Und offenbar bekommen sie es ja auch oft nicht mehr hin: siehe Flughafen in Berlin. Zudem: Einbeziehung ist immer billiger als der Widerstand, den man sich später einkauft, wenn man die Leute nicht fragt.
 

 
Wieso ist Kollaboration gerade jetzt wichtig?

Die Gesellschaft ist in jeder Beziehung eine Vielheit geworden – nicht nur, aber auch durch Einwanderung. Wir können nicht mehr auf einen vorgängigen Konsens bauen, den die Konservativen ja immer beschwören, sondern wir müssen uns den Konsens erarbeiten. Da geht kein Weg an Kollaboration vorbei.
 

 
Begriffe wie Teilhabe oder auch Kollaboration werden oft mit Freiwilligenarbeit assoziiert. Ist das nicht problematisch?
Doch, darauf sind wir in der Diskussion in Zürich leider gar nicht eingegangen. Was ich nicht mit Kollaboration meine, ist die neoliberale Variante, in der sich der Staat zurückzieht und die Bürger freiwillig und kostenlos einspringen. Der Staat muss weniger autoritär, weniger «postdemokratisch» planen als bisher, und die Bürger müssen für ihre zusätzliche Arbeit auch entlohnt werden. Wenn die US-Bürger in eine Jury gehen und das Rechtssystem unterstützen, dann werden sie ja bei Lohnfortzahlung vom Arbeitgeber freigestellt. So etwas wäre denkbar, oder andere Formen von Bezahlung.

Hier stellt sich im übrigen auch oft das Problem mit dem Paternalismus, das ich oben angesprochen habe. Zum Beispiel werden Leute mit Migrationshintergrund ganz oft aufgefordert, sich bei «Integrationsthemen» (und nur da) einzubringen – das wird dann als notwendige gute Tat in eigener Sache angesehen und nicht etwa als Beitrag zu den wichtigen Zukunftsfragen der Gesellschaft.
 

 
Apropos Geld: Im Kanton Zürich wird demnächst darüber abgestimmt, ob vorläufig Aufgenommene in Zukunft nur noch Asylfürsorge statt Sozialhilfe erhalten. Das heisst: Viel weniger Geld, Massenunterkunft während Jahren oder Jahrzehnten. Werden so die Möglichkeiten zur Teilhabe oder Kollaboration eingeschränkt?

Die wichtigste Voraussetzung dafür, in einem Land anzukommen, ist ein gesicherter Aufenthaltsstatus. Das ist die Basis, damit Menschen sich überhaupt einbringen können. Wer nicht bleiben kann, hat dazu keinen Grund. Ein Beispiel: In der Rütli-Schule in Berlin-Neukölln, die 2006 in den Schlagzeilen war, weil sich Lehrer öffentlich über die viele Gewalt und unzumutbaren Zustände beschwerten, gab es viele Kinder, deren Eltern aus Palästina geflüchtet waren. Sie bekommen seit Jahrzehnten keinen sicheren Aufenthaltsstatus. Wie und warum soll ich mich «integrieren», wenn ich eine Perspektive von einem halben Jahr oder weniger habe? Aber das ist ja schon lange die konservative Art, Einwanderung zu behindern: den Aufenthalt erschweren und gleichzeitig «Integrationsbereitschaft» fordern.
Wenn die elementare Bedingung des gesichterten Aufenthaltsstatus nicht erfüllt ist, dann brauchen wir über Geld gar nicht erst zu diskutieren. Im Übrigen werden in Deutschland seit geraumer Zeit sogenannte Sachleistungen statt Geld ausgegeben. Das ist regelrechter Schwachsinn. Das ist mehr Bürokratie und daran verdienen private Firmen. Die Versorgung wird so viel teurer.
 

 
Aber wird denn von den vorläufig Aufgenommenen überhaupt gefordert, dass sie sich integrieren? Sollen sie sich nicht einfach dankbar und unauffällig verhalten und möglichst bald wieder gehen?

Still und unauffällig sollen ja alle «Ausländer» sein, oder? Sie sollen sich in die «schweizerischen Lebensverhältnisse» einpassen, die Sprache können, Wohlverhalten und Wirtschaftskraft zeigen. Und nichts fordern. Und sie werden nur eingebürgert, wenn sie die SVP wählen (lacht). In der Schweiz wird über die erleichterte Einbürgerung der «dritten Ausländergeneration» debattiert – wie ist man denn in der dritten Generation noch Ausländer? Das ist doch grotesk, wobei das längst nicht nur von konservativer Seite mitgetragen wird.

Sie sagen, in Zürich dürfe etwa ein Drittel der EinwohnerInnen nicht wählen. Ist Mitbestimmung etwa bei der Neugestaltung eines Parks da nicht einfach ein Pflästerli?
Überhaupt nicht! Es gibt die Ebene repräsentative Demokratie, es gibt aber auch zahlreiche Zwischenbereiche, die letztlich undemokratisch geblieben sind: Zum Beispiel die Unternehmen oder die Schulen. Wieso sind Unternehmen in einer demokratischen Gesellschaft nicht auch demokratisch? Michel Foucault hat für die Bereiche von der Machttechnik der «Disziplin» gesprochen und auch von der Relevanz von Mikropolitik. Kollaboration heisst, den demokratischen Prozess auch in diesen Zwischenbereichen systematisch zu etablieren. Das ist kein Ausweichen, weil sich woanders nichts bewegt. Autonomie zu haben im eigenen, nahen Umfeld, das ist fundamental. Und ich bin sicher, dass das Rückwirkungen hat auf die repräsentative Demokratie.
 

 
Woher können Impulse für mehr Kollaboration kommen: «bottom up», also quasi von Betroffenen, die Mitsprache einfordern, oder «top down», zum Beispiel von Institutionen, die entsprechende Verfahren in die Wege leiten?

Es braucht beides. Interessant fand ich zum Beispiel den Brief der Stadtpräsidentin Corine Mauch, in dem sie die Zürcher Ausländer darüber informierte, was die Änderung der Bürgerschaftsregelung für sie bedeuten würde. Gleichzeitig hat sie diese Personen eingeladen, sich am demokratischen Prozess zu beteiligen. Die Empörung der SVP war gross. Aber wie lange muss man Steuern bezahlen, ehe man mitbestimmen darf?

Ausserdem: Wenn versucht wird, Menschen «top down» zu mehr Mitsprache einzuladen, kann nicht erwartet werden, dass alle gleich darauf einsteigen. Wenn jemand dreissig Jahre lang nicht miteinbezogen wurde, muss erst Vertrauen aufgebaut werden. Viele «Ausländer» haben ja Vorbehalte gegenüber einer Bürokratie, die für sie immer nur Kon­trolle bedeutet hat.
 

 
Aber gerade jene, die wenig Mitsprache haben, erfahren von Konzepten wie «Kollaboration» vermutlich wenig. Weil sie zum Beispiel gar nicht zum Publikum der Veranstaltungen von «ZÜRICH. OFFEN. ANDERS» gehören.

Klar, zu Veranstaltungen, an denen nur geredet wird, kommen Menschen aus der Mittelschicht. Deshalb muss auch ein klarer Fokus auf Machen und Ziele gesetzt werden, damit Leute das nicht als Gelaber empfinden. Ich glaube aber, dass es kein Problem ist, auch Leute zu erreichen, die nicht Mittelschicht sind. Wenn es wieder heisst, die kommen nicht, dann sind häufig die Angebote nicht angemessen. Und die Bemühungen um Vertrauen fehlen. Es ist ja ein Irrtum, dass die Leute sich total freuen, wenn mal ein Gutmensch vorbei kommt, um mit ihnen zu reden… Aber tatsächlich kann man nicht alle erreichen, manche wollen nicht, manche sind auch politische Gegner. Da braucht es Frustrationstoleranz. Es ist aber noch viel mehr möglich.
 

 

In «Eine Theorie der Kollaboration» (2015) entwickelt Terkessidis eine Philosophie der Kollaboration, die beim Individuum ansetzt. «Eine Gesellschaft der Vielfalt», so der Autor, «kann nur funktionieren, wenn viele Stimmen gehört werden und unterschiedliche Menschen zusammenarbeiten. Die Proteste der letzten Zeit haben die Unzufriedenheit der Bürger offenbart: Politiker scheinen weit weg vom Alltag und mit Grossprojekten wie Bahnhöfen oder Flughäfen überfordert. Im Gegensatz dazu sind die Menschen eigensinnig wie nie. Nach Jahren der neoliberalen Predigten sind sie in Eigenverantwortung geübt: Gemeinsam erschaffen sie die Wikipedia, renovieren Klassenzimmer oder gründen gleich selbst Schulen.


Für August wird Terkessidis neues Buch erwartet: «Nach der Flucht. Neue Vorschläge für die Einwanderungsgesellschaft»: Vielheit und Transnationalität unserer Bevölkerung sind Tatsachen. Um die damit verbundenen Probleme zu lösen, müssen wir, das ist das grundlegend Neue in Mark Terkessidis’ Betrachtung, die Perspektive wechseln: weg von der Fixierung auf die Integration, hin zur Frage, ob unsere Institutionen fit sind für die postmigrantische Gesellschaft von heute.

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