«Die Frucht jahrzehntelanger linker Basisarbeit»

Die SP-Frauen Schweiz rufen – als eine von vielen Organisationen – zur Teilnahme am «Women’s March Zurich» vom 18. März auf. Was sich die SP-Frauen von diesem Anlass erhoffen, erklärt ihre Co-Präsidentin Natascha Wey im Gespräch mit Nicole Soland.

 

Hinter dem «Women‘s March Zurich» steht kein zentrales Organisationskomitee. Weshalb rufen die SP-Frauen zum Mitmachen auf?

 

Natascha Wey: Die SP-Frauen Schweiz, die übrigens dieses Jahr den 100. Geburtstag feiern, haben stets die Vernetzung mit feministischen Bewegungen angestrebt, und das tun wir auch heute noch. Ein Grund dafür ist ganz pragmatischer Natur: Wir Frauen waren immer dann am stärksten, wenn wir viele und gut vernetzt waren.

 

Woran zeigt sich das konkret?

 

Wenn feministische Bewegungen aktiv und sichtbar sind, werden auch poltitisch geprägte Gruppen wie die SP-Frauen verstärkt wahrgenommen und erfahren Zulauf. Das zeigten beispielsweise die Proteste, als Christiane Brunner nicht in den Bundesrat gewählt wurde: Damals gingen beileibe nicht nur Sozialdemokratinnen auf die Strasse. Zurzeit rücken Frauen und Frauenanliegen im Zuge der anhaltenden Proteste gegen den amerikanischen Präsidenten Donald Trump verstärkt in den Fokus. Der «Women’s March» vom 18. März ist eine Neuauflage der Protestmärsche, die in Washington D.C. und in weiteren Städten in den USA nach Trumps Amtseinsetzung im Januar stattfanden. Doch auch jene Märsche waren thematisch breiter.

 

Inwiefern?

 

In den USA ist der sogenannte intersektionale Feminismus ein grosses Thema. Dabei geht es darum, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und insbesondere klarzustellen, aus welcher Position heraus man Stellung bezieht: Ist die Frau, die sich gerade zu Wort meldet, weiss oder schwarz? Hat sie eine Behinderung, ist sie Kopftuchträgerin?, und so weiter. Je nachdem ist die Ausgangslage eine andere: Schwarze Frauen in den USA etwa werden auch heute noch häufig Opfer von Rassismus und sind nicht begeistert, wenn sich der Feminismus darin erschöpft, ein Betätigungsfeld der weissen Elite zu sein. Die protestierenden Frauen haben denn auch anlässlich der Märsche im Januar ein breit abgestütztes Manifest erarbeitet, das sich nicht bloss gegen Trump, sondern grundsätzlich gegen die rechte Politik richtet.

 

Das Bild von der feministischen Welle, die Amerika nach der Trump-Wahl ergriffen habe, ist demnach falsch?

 

Letztlich müssen das amerikanische Feministinnen beantworten. Mein Eindruck: In den USA gibt es eine sehr langlebige feministische Bewegung, und auch der Kampf für die Rechte der farbigen Bevölkerung hat eine lange Tradition. Von einer ‹Welle› zu reden, hat auch Tücken: Was wir zurzeit sehen, ist die Frucht jahrzehtelanger linker Basisarbeit, die endlich wieder sichtbarer ist als auch schon – und zwar sowohl in den USA als auch in der Schweiz. Auch wir SP-Frauen haben unseren feministischen Vorkämpferinnen viel zu verdanken.

 

Zum Beispiel?

 

Wer sichtbar ist und über wen man spricht, das ist eine Frage von Privilegien: Eine gut ausgebildete Frau, die Karriere macht, erfährt andere Diskriminierungen als eine Migros-Verkäuferin. In den letzten Jahren waren aber die Probleme der Frau mit Karriere mehr im Fokus. Feminismus heisst aber auch: Widerspruch ist nötig. Realpolitisch zeigt sich das auch daran, dass die bürgerlichen Frauen als Komplizinnen der geltenden Wirtschaftsordnung und innerhalb derselben ihren Weg suchen, während die SP-Frauen für eine gerechtere Wirtschaftsordnung für alle kämpfen: Die ökonomische Ungleichstellung ist eine Tatsache, aber sie steht auch für einen Punkt, an dem sich die Solidarität der Frauenbewegung in eine linke und eine bürgerliche Bewegung teilt.

 

In der Schweiz verbinden wir das Wort ‹Feminismus› dennoch eher mit der Elite als mit der Migros-Kassiererin: Sollten sich die SP-Frauen Schweiz nicht für einen Feminismus «für alle statt für wenige» einsetzen?

 

Das ist ein langer Prozess, der in der Schweiz noch nicht abgeschlossen ist. Die SP-Frauen haben das aber auch immer getan. In den letzten Jahren war natürlich auch viel von Quoten in Verwaltungsräten die Rede. Das Problem dabei ist, dass die bürgerlichen Frauen nicht sehr zahlreich sind – ich finde es etwas müssig, wenn wir Linke uns hauptsächlich dafür einsetzen müssen. Für uns sind die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Migros-Kassiererin, der Care-Arbeiterin oder auch all jener Frauen, die für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf kämpfen, selbstverständlich ein Thema.

 

Aber von einer «breit abgestützten» Frauenbewegung kann man in der Schweiz zurzeit kaum reden.

 

Das ist auch eine Generationenfrage: Die jüngeren Frauen, beispielsweise die Juso-Frauen, beschäftigen sich auch hierzulande zunehmend mit dem intersektionalen Feminismus, also mit dem theoretischen Rahmen. Es geht ja darum, die Kämpfe um Ungleichheit mit dem Recht auf Anerkennung zu verbinden.

 

Ein theoretischer Rahmen allein schafft noch keine besseren Bedingungen…

 

Stimmt, doch als Grundlage einer vernünftigen politischen Strategie dient stets eine eingehende Analyse. Uns geht es um eine linke Politik, welche die Bedürfnisse der einfachen Büezerinnen einbezieht und diese selbstbestimmt für ihre Rechte eintreten lässt. Kurz: Wir wollen nicht nur ihre Stimmen holen, sondern wir sind auf ihre Mitarbeit angewiesen.

 

Wann haben Sie an einer Kundgebung letztmals eine einfache Büezerin am Mikrophon gesehen?

 

Ich habe nicht gesagt, wir hätten schon alle Ziele erreicht; richtig ist, dass wir noch am Anfang stehen. Ein Ziel der SP-Frauen ist beispielsweise, das Gespräch mit Migrantinnengruppen zu suchen und diese einzuladen, sich mit uns zu engagieren. In einem nächsten Schritt können wir dann gemeinsam feministische Forderungen formulieren. Das ist insofern eine komplexe Angelegenheit, als dabei leicht eigene Überzeugungen in Frage gestellt werden können.

 

Zum Beispiel?

 

Ich denke etwa an die muslimische Frau, die ein Kopftuchverbot in Ägypten befürwortet, ein Kopftuchverbot in Europa jedoch ablehnt – und zwar, weil die Frauen in Europa die Freiheit haben, kein Kopftuch zu tragen, in Ägypten jedoch nicht. Nicht jede Überlegung gilt für jeden Ort auf dieser Welt, und Prozesse unter Einbezug von Migrantinnen gestalten sich oft schwieriger. Doch das ändert natürlich nichts daran, dass sie für die Zukunft von uns allen wichtig sind und weiterverfolgt werden müssen.

 

Zurück zum «Women’s March»: Wir haben Trump nicht gewählt. Wogegen genau protestieren wir am 18. März, wozu genau rufen die SP-Frauen auf?

 

Wir zeigen zuerst einmal ganz banal, dass die Frauen sich bewegen, dass zurzeit viel passiert und dass die Frauenbewegung, die nun schon so lange totgeredet wurde, lebt, sichtbar ist – und dass wir SP-Frauen Teil dieser Bewegung sind. Inhaltlich geht es uns um zurzeit aktuelle Forderungen: Der #Aufschrei letzten Herbst beispielsweise hat den alltäglichen Sexismus wieder aufs Tapet gebracht. Diesen können wir nicht mittels Vorstössen im Parlament auflösen; gefragt ist vielmehr die Vernetzung mit der feministischen Bewegung. Denn es braucht eine gesamtgesellschaftliche Veränderung, wenn wir den Sexismus aus der Welt schaffen wollen. Weiter müssen ja nicht die Feministinnen neue Forderungen formulieren, sondern die alten Forderungen endlich erfüllt werden. Wo ist die Lohngleichheit? Wo ist die Anerkennung und Aufwertung der Care-Arbeit?

 

Was beschäftigt die SP-Frauen abgesehen von diesem Thema gerade?

 

Ein weiteres aktuelles Thema ist der Backlash: Die Frauenbewegung war schon weiter, als wir es heute sind, nicht nur in der Politik, sondern auch im öffentlichen Bereich generell. Die Frauen werden wieder eher in den Privatbereich zurückgedrängt, der Anteil in der Politik geht ja auch zurück. Eine unserer Aufgaben sehe ich darin, aufzuzeigen, was diese Entwicklung befördert hat, und etwas dagegen zu tun. Ein grosses Thema ist die Aufspaltung von Familienarbeit und Erwerbsarbeit. Die Voraussetzungen, um beides zu verbinden, sind in der Schweiz sehr schlecht.Wir müssen also einen feministischen Blick auf jene Felder werfen, die nicht mit guten Anreizen für weibliche Lebens- und Arbeitsmuster aufwarten.

 

Und wenn der Blick geworfen ist, was folgt dann als Forderung?

 

Die Forderungen sind ja auch schon da. Beispielsweise muss unbezahlte Arbeit rentenbildend werden, genau wie Lohnarbeit. Zudem: Wenn auch Männer neben ihrer Teilzeitstelle unbezahlte Familienarbeit übernehmen, werden sie ja ebenfalls in den Genuss dieser Regelung kommen. Die Botschaft dahinter ist sowieso universell: Arbeit hat unabhängig davon, was sie im Einzelfall finanziell einbringt, einen Wert. Einen Grossteil seiner Arbeitszeit einer Aufgabe zu widmen, die in unserem System nicht entlöhnt wird, sollte sich zumindest nicht nachteilig auf die Rente auswirken.

 

Wie werden solche Forderungen zu demotauglichen Botschaften?

 

Da bin ich auch gespannt… Im Ernst: Am March steht das Befürfnis der Teilnehmenden im Vordergrund, sich mit Gleichgesinnten zu treffen. Die Klammer bildet der Wunsch, die antifeministische Entwicklung der bürgerlichen Politik anzuprangern. Was schliesslich konkret dabei herauskommt, wird sich weisen; ich finde es extrem spannend, sich auf die Begegnung mit hoffentlich vielen Frauen aus unterschiedlichen ‹Ecken› einzulassen. Schon nur die Pussyhats, die Frauen nun in aller Öffentlichkeit gemeinsam stricken, sind kein eindeutiges Symbol: Sind die pinkfarbenen Wollmützen bloss eine Show für unpolitische Frauen – oder die grosse Kampfansage an alle Machos? Strickt frau, weil sie antikapitalistisch denkt und für Do it yourself einsteht, oder einfach, weil man pinke Mützen schön findet? Das ist alles nicht mehr so eindeutig. Wie auch immer: Wir Linke wollen eine Bewegung, hier ist eine Bewegung. Wir sind dabei.

 

Und was schreiben Sie am 18. März auf Ihr Transparent?

 

Die SP-Frauen bringen einen allgemeinen Aufruf, der sich im Kern auf die alten, aber nach wie vor nicht erfüllten Forderungen bezieht, jene nach guten und würdigen Arbeitsbedingungen beispielsweise. Oder auf den Wunsch nach einer solidarischen Frauenbewegung, die sich nicht spalten lässt.

 

Für die «guten Arbeitsbedingungen» wären Gewerkschaften wie der VPOD gefragt, wo Sie als Zentralsekretärin arbeiten: Brauchen die Gewerkschaften in Sachen Feminismus Nachhilfeunterricht?

 

Die Gewerkschaften sind von ihrer Tradition her strukturell etwas verknorzt. Ich persönlich finde schon, dass die Idee des männlichen Vollzeitarbeiters noch in den Köpfen ist. Die Arbeitsbedingungen haben sich ja auch verändert. Zunehmende Flexibilisierung, die Menschen haben weniger Branchenbewusstsein als früher, man ist kaum mehr ein Leben lang an der gleichen Arbeitsstelle beschäftigt, es gibt immer mehr ICH-AGs, Teilzeitarbeit mit kleinen Pensen und neue Formen von Prekarisierung. Das sind alles Herausforderungen. Dann sind die Gründe für den Beitritt zu einer Gewerkschaft heute eher praktischer Natur, man will von den Vergünstigungen für Mitglieder profitieren, während ältere Mitglieder noch das Gemeinschaftsgefühl und die Solidarität betonen, die für sie einst ein wichtiger Beitrittsgrund war. Und bei Frauen ist es nochmals anders.

 

Inwiefern?

 

Gerade Frauen sind oft in Dienstleistungsbereich tätig, wo die Individualisierung und Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse sehr hoch ist. Heute geht es auch um MigrantInnen in diesen Berufen, um Menschen, die teils nur kurze Zeit hier leben und arbeiten. Wie man sich als Kollektiv so organisieren kann, dass weder Frauen noch MigrantInnen unter die Räder kommen, ist eine wichtige Frage; ich vermisse eine breit angelegte Debatte dazu.

 

Immerhin scheinen Debatten um Äusserlichkeiten langsam ‘gegessen’…

 

Das täuscht: Die jungen Frauen sind zwar informierter als früher, aber der Druck auf das Geschlecht ist grösser denn je: Äusserlichkeiten wie die richtige Frisur oder die perfekten Fingernägel sind viel wichtiger als noch vor zwanzig Jahren, als ich ein Teenager war. Dieser Druck auf das Äussere ist eine Falle, aus der die jungen Frauen nur auf feministische Weise herauskommen können. Und das tun sie auch: In den USA, in Grossbritannien, in Argentinien, gehen sie auf die Strasse und wehren sich gegen die globale Unterdrückung. Auch in dieser Tradition steht der «Women’s March» vom 18. März.

 

«Women’s March» vom 18. März: Besammlung um 13.30 Uhr auf dem Helvetiaplatz in Zürich.

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