Dicke Fische

Oh du mein saudummes Lieblingsblatt! Saudumm, weil – siehe unten. Lieblingsblatt, weil du jedes Klischee, das ich von einer reaktionären Postille haben könnte, tausendfach bestätigst. Insgeheim fürchte ich, einer evtl. stringenten Argumentation nicht gewachsen zu sein; mein Weltbild könnte vielleicht doch Löcher bekommen. Aber ähnlich wie beim Verschlingen ungesunder Leibspeisen garantierst du mir wohligen Schauer quasi auf Knopfdruck: Ausgabe für Ausgabe erklärst du mir mit einer Männerüberlast von 80 bzw. 90 Prozent in Bild und Text die Welt; bashst Frauen, Gutmenschen und alles links der SVP, huldigst Trump in einer eigens eingerichteten Kolumne und hudelst wenig diskret da und dort dickes Lob auf big Mr. B. – Ziehvater deines Verlegers und Chefredaktors. In Nr. 9/2018 hast du mir zwei dicke Fische leicht widerlegbaren In-die-eigene-Tasche-Lügens geschenkt. Seufz … tschudder!

 

Der erste: Die 68er-Revolte habe nicht stattgefunden, also gebe es auch keinen Grund für ein Jubiläum. Schon fürchtete ich, ich müsse jetzt wirklich schlau und nochmals mit Lacan argumentieren, der schon damals behauptete, die 68er würden – populär ausgedrückt – ihr eigenes Grab schaufeln, weil sie keine Herrschaft stürzten, sondern einer neuen, viel perfider agierenden den Weg bereiteten (nämlich der Diktatur des Geniessens). Das wäre mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Denn du argumentierst so: Die 68er seien keine Wegbereiter der Moderne gewesen (stimmt: diese war schon fünfzig Jahre davor etabliert …); es sei keine geeinte, sondern eine zersplitterte Bewegung gewesen (oder halt eine mit sehr vielfältiger Basis …); nicht sie, sondern der Club of Rome habe bereits 1967 den Umweltschutz erfunden; eine eigene Musik hätten sie auch nicht hervorgebracht, denn die Stones und Jimi Hendrix seien schon 1965 bzw. 1966 hip, 1968 aber bereits Kommerz gewesen (oder doch stilbildend; und seit wann entstehen Weltanschauungen und Stile in einem einzigen Jahr?). Du prangerst die totalitären Ansprüche des kommunistischen Flügels an, die Abgehobenheit der Polit-Elite und die politische Unbelecktheit der Massen (was man aber 1:1 auch von rechtsbürgerlichem Populismus klagen könnte …). Das gipfelt in der Behauptung kompletter Wirkungslosigkeit der ganzen Ära, da die Schweiz davor wie danach bürgerlich gewesen sei. (Schon vergessen: Frauenstimmrecht, Verbannung der Kirche aus den Schulstuben, Gründung grüner Parteien usw. usf.?). Viel wichtiger als alle Studentenunruhen zusammen sei aber der von big B. gegründete Studentenring gewesen (oder doch ein geldgeschmierter Machtfilz?).

 

Der zweite ist bald erzählt: Auf dem Titelblatt bejubelst du «unsere Volksschriftsteller». Edelweissumrankt vor heimwehseliger Landschaft abgebildet sind: Arno Camenisch (?), Pedro Lenz (?!), Peter Bichsel (!) und Franz Hohler (!!). Mundart und Bühnentauglichkeit, nebst einem Verständnis für die «einfachen Leute», qualifizieren sie anscheinend dazu. Ihre mehrheitlich linke, also wenig volkstümliche Haltung scheint dir da vernachlässigbar. Bichsel und Hohler stammten halt aus einer Generation, «wo Linkssein noch Mut erforderte, wo der Kampf gegen die Armee und gegen AKW zum rebellischen Lebensgefühl gehörte». Man könnte sie auch 68er nennen (aber die gabs ja gar nicht, gell du!).

 

Ina Müller

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