Zyklen der Empörung

Es gibt die Vorstellung, dass Geschichte ein Fortschrittsprozess sei. Dass sich also die Menschheit  weiterentwickelt und aus der Geschichte lernt. Dann gibt es die zyklische Vorstellung. Dass sich Geschichte immer wiederholt, «die ewige Wiederkunft des Gleichen», wie es Nietzsche formuliert hat.

Das Theater rund um das Theater Neumarkt lässt eher auf Letzteres schliessen. Aber mal der Reihe nach: Das Theater Neumarkt hat im Rahmen eines Festivals zum Thema «Krieg und Frieden» den umstrittenen Performance-Künstler Philipp Ruch und das ‹Zentrum für politische Schönheit› eingeladen. Das ‹Zentrum für politische Schönheit› gehört nach Eigendeklaration «zu den innovativsten Inkubatoren politischer Aktionskunst. Es steht für eine erweiterte Form von Theater: Kunst muss weh tun, reizen und Widerstand leisten.» Ruch und das ‹Zentrum für politische Schönheit› sorgten bereits einmal für Aufruhr: Mit dem Inserat «Tötet Roger Köppel» im Strassenmagazin ‹Surprise›. Die Theaterdirektion wusste daher, worauf sie sich einliess. Wäre ich deren PR-Beraterin, hätte ich ihr davon abgeraten.

Jetzt kam also Ruch nach Zürich und wollte «die Schweiz entköppeln». Auf einer Website konnte man Köppel verfluchen, zudem sollte ihm mit einem Exorzismus der böse Geist von ‹Stürmer›-Herausgeber Julius Streicher ausgetrieben werden. Der Höhepunkt war als Heimsuchung mit faulen Fischen bei Köppels Zuhause geplant. Viel über die Aktion «Die Schweiz entköppeln» gibt es nicht zu sagen. Sie ist, wenn man es milde formuliert, pubertär und primitiv. Nicht milde gesagt ist sie demokratisch fragwürdig, weil sie einen Menschen direkt und unter der Gürtellinie angreift. Man wünscht auch seinem grössten Feind keine schlimmen Krankheiten. Und die Familie und die Privatadresse von PolitikerInnen sind nicht einfach Freiwild, das man für eine Provokation einfach mal ins Visier nehmen darf.

So kam es, wie es kommen musste. Es gab viel Empörung über die Aktion und die Forderung, dem Neumarkt die Subventionen zu kürzen. Und im ‹Tages-Anzeiger› darf Andreas Thiel erklären, warum das nicht Satire ist. Der gleiche Thiel, der in der ‹Weltwoche› einen bewusst provokativen Anti-Koran-Artikel schrieb. Und der in seinem aktuellen Programm erklärt, wie Humor funktioniert. Ich dachte ja immer, die Pointe an der Pointe bestehe darin, dass man sie ohne Erklärung versteht.

Simone Meier kritisiert auf ‹Watson›, die Aktion sei nicht originell, weil alles von Christoph Schlingensief geklaut sei. Dieser hatte 1996 auf der Berliner Volksbühne einen Theaterskandal provoziert, weil da eine Truppe mit einem Transparent «Tötet Helmut Kohl» auftrat, die anschliessend einer Kohl-Puppe den Kopf abhaute. Die Reaktion des damaligen Kultursenators Peter Radunski (der das Stück nicht gesehen hatte): «Wir sind beileibe keine Puristen. Aber das geht zu weit. Es verletzt nicht nur die Grenzen des guten Geschmacks, sondern auch die Würde und das Recht auf Unversehrtheit einer Person der Zeitgeschichte. Es stellt die Frage, ob das dem Publikum noch zugemutet werden kann.» Schlingensief gab etwas später noch einen drauf: In seiner Wahlkampfaktion «Chance 2000» wollte er, dass vier Millionen Arbeitslose gemeinsam in den Wolfgangsee springen sollen, damit eine Flutwelle entstehe, die die Ferienresidenz von Helmut Kohl überfluten würde. Es kamen dann allerdings nur rund hundert Personen. Die Flut blieb aus.

2004 stellte der Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn im Schweizer Kulturzentrum in Paris eine Installation mit dem Titel «Swiss-Swiss Democracy» aus. Diese sorgte wegen seiner Provokationen für rote Köpfe in Bern. Unter anderem urinierte ein Schauspieler in Hundeverkleidung auf ein Bild von Blocher, und eine Schauspielerin kotzte in eine Urne. Der Nationalrat strich danach die Beiträge für die Kulturstiftung Pro Helvetia zusammen.

 

Die wahre (Real)satire der Köppel-Aktion (und auch der von ähnlichen Provokationen) zeigt sich jeweils in den Reaktionen darauf. Zum Beispiel in den Fraktionserklärungen im Zürcher Kantonsrat. Die EDU etwa sorgt sich um Köppel und seine Familie: «Tausende Schweizerinnen und Schweizer haben dem Gebetsaufruf verschiedener christlicher Organisationen Folge geleistet: Einerseits um Schutz für Roger Köppel und seine Familie und andererseits auch, dass diese okkulten Praktiken misslingen und die Flüche entkräftet sind.» Die EVP macht einen gedanklich etwas abenteuerlichen Sprung von Ruch zu verschiedenen Verbrechen der Menschlichkeit: «Der Weg zu Lösungen findet man nur auf der Basis von Respekt und Anstand. Ein Blick in die Geschichte und in unser aktuelles Weltgeschehen zeigt uns die schrecklichen Konsequenzen, wohin blinder Hass und fanatische Verhetzung führen.» Die SVP erklärt, dass sie «weiteres dekadentes Verhalten» nicht weiter tolerieren will und fordert auf, dem Neumarkt die Subventionen zu streichen. Die BDP sieht die Schuldige in Stadtpräsidentin Corine Mauch: Diese habe sich zwar von der Aktion distanziert, aber gleichzeitig auf die künstlerische Freiheit verwiesen: «Nein Frau Schöngeist, es gibt in diesem Fall zumindest 5,4 Millionen Gründe (gemeint sind die 5,4 Millionen Franken Subvention), warum künstlerische Freiheit Grenzen hat.»

Künstlerische Freiheit, die Freiheit, auch an Grenzen zu gehen und die zu überschreiten, sollten wir aber nicht vorschnell opfern (Meinungsäusserungsfreiheit, auch von mir nicht sympathischen Meinungen, ist mir bekanntlich wichtig, siehe P.S. vom 4. März). Selbst wenn ich die Aktion für ein beträchtliches Eigengoal der Neumarkt-Theaterdirektion halte. Aber die Vorstellung, dass PolitikerInnen definieren, was «dekadente» Kultur ist und was nicht, ist mir nun mal unheimlich.

Erstaunlich fand ich, wie leicht Provokation immer noch ist. Dabei haben wir das alles schon mal gehabt. Aber es funktioniert dennoch immer wieder, so wie es offensichtlich immer noch funktioniert, wenn sich AktivistInnen für irgendeine Sache ausziehen. Die Gewinner der Aktion sind daher Philipp Ruch und Roger Köppel, der den Umständen entsprechend gelassen reagierte. Die Verliererin wird vielleicht das Neumarkt-Theater sein, das bereits vorher leicht angezählt war.

Leider führt das dazu, dass man keine kulturpolitische Diskussion mehr führen kann, die man vielleicht mal führen müsste. Man könnte nämlich durchaus darüber diskutieren, ob es nicht tatsächlich zu viele Bühnen in Zürich hat, sich die einzelnen Profile genügend unterscheiden und ob das Neumarkt-Theater vielleicht seine besten Zeiten hinter sich hat. Das wird wohl nicht passieren, es werden aber hüben wie drüben die alten Reflexe bedient werden.

Grundsätzlich würde ich aber nicht ausschliessen, dass in zwanzig Jahren wieder ein Künstler oder eine Künstlerin eine Provokation lanciert, die allerseits als primitiv und pubertär abgehandelt wird. Und dann heisst es vielleicht dann: «Also Philipp Ruch war ja noch originell, aber das hier ist einfach nur plump und dumm». Dann hätte sich der Zirkel einmal mehr geschlossen.

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