Zwischen zwei Welten

von Hans Steiger

 

Manchmal ist es schwer, zwischen den beiden Welten noch Verbindungen zu finden. Die in meinem Kopf passt nicht zum Geschehen rundum. Mich überzeugt das Denkmodell im heute empfohlenen Buch über «Sozial-ökologische Transformationen»: So könnte es gehen! Das wäre vernünftig und für die überwiegende Mehrheit der Menschen vielversprechend. Aber daneben gibt es die tagesaktuellen Medien, aus denen uns scheinbare Realpolitik anspringt.

China und die USA kündigten vor dem G20-Gipfel ihre überraschend rasche Ratifizierung des Pariser Klimaabkommens an. Hangzhou präsentierte einen einmalig blauen Himmel, nachdem die staatskapitalistische Regierung dort vorübergehend Fabriken und Verkehr stillgelegt hatte. Kurz vor dem Rückflug beschworen die Leader «der führenden Industrie- und Schwellenländer» einen einhelligen Willen, «die Weltkonjunktur wieder anzukurbeln». Was kaum gelingen dürfte, zum Glück.

Etwas näher die Wahlen in Meck-Pomm. Eine wundervolle Gegend, wo mir einst in einer Schulklasse, der ich solches kurz nach der Wende vorschwärmte, ernüchternd nüchtern erwidert wurde, dass ihnen das leider wenig bringe. Danach bestätigte mir die Lehrerin, nur sehr wenige der demnächst zur Arbeit freien Jugendlichen hätten Aussichten auf ein Auskommen im malerischen Greifswald und der näheren oder weiteren Umgebung. Jetzt, ein gutes – oder schlechtes – Vierteljahrhundert später, also «Alternative für Deutschland». Angela Merkel, bei rechtsextremer Hetze im Netz gern als Jüdin und Polin gebrandmarkt und im Wahlkampf als «Diktatorin» bezeichnet, verlor politisch ihre Heimat. Rückschläge ebenso für beide Varianten von rot. Grün flog gleich ganz aus dem Landtag.

Und bei uns hat es die Grüne Wirtschaft schwer, obwohl Bastien Girod nichts verbieten will, allen ihre Ferienflüge gönnt. Innovationen sollen den bequemeren Weg in die Zukunft ebnen. Wäre diese Akzentsetzung nur Taktik, könnte sie angesichts der Ängste, die das Nein-Lager schürt, vielleicht noch als verzeihlich durchgehen. Doch sie ist heikel. Mit ihrer Fortschrittsgläubigkeit ebnet die Cleantech-Allianz das Terrain für Geo-Engineering. Ein gefährliches Rezept, das garantiert aus den Schubladen kommt, wenn es sich zeigt, dass Effizienz allein für die Klimawende nicht reicht, wenn die Lage auch in unseren Breiten dramatischer wird. Eine weitere Entfremdung von der Natur und die zunehmende Roboterisierung im Alltag könnten bestehende Widerstände gegen grosstechnische Eingriffe in die Atmosphäre und Weltmeere brechen.

Aber eben, es gibt die andere Welt. Auch in anderen Köpfen. So wird im neuesten Heft der ‹Neuen Wege› an Willy Spieler erinnert, der den «visionären Teil» des aktuellen SPS-Programms mitgestaltet hat und sich bis zu seinem Tod dafür einsetzte, dass das Überwinden des Kapitalismus erklärtes Ziel blieb. Wirtschaftsdemokratie wird wieder zum Thema gemacht und am nächsten Parteitag diskutiert. Erneut sehe ich «sozial-ökologisch» als Chiffre. ‹Danach›, eine alternative Gruppierung mit Wurzeln in bunten lokalen Szenen, startet im Oktober in Zürich eine Veranstaltungsreihe, bei der es um die «Wirtschaft zum Glück» geht und um «Wohlstand ohne Wachstum». Etwas esoterisch wirkt auf mich das von www.wandel.jetzt für den 6. November propagierte «Besser Leben Festival» in Bern. Doch «positives Lebensgefühl und Frieden» benötigten wir schon … Weit mehr wäre aufzulisten. Es tut sich nicht nichts.

Dieter Klein, der sich beim Aufzeigen von Alarmzeichen nicht zurückhält, ortet in seiner Studie über historische und künftig denkbare Koalitionen oder politische Deals trotz der widrigen Umstände eine «Zunahme von Empathie». Für ihn «linkes Hoffnungspotenzial». Das einzige Bild seines Buches – die aufs Cover gesetzte Grafik mit einem zerrissenen Kopf – fand ich schrecklich. Ob sie mir in ihrer Zwiespältigkeit zu wahr war?

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