- Post Scriptum
Zwischen Bäumen und Büchern
Mein ältester Sohn ist 13 Jahre alt und seine Überlegungen zur Berufswahl bewegen sich zwischen Forstwart und vielleicht doch Gymnasium. Einmal abgesehen von der Karriere als Eishockeyspieler.
Das muss man wissen, wenn man über Sinn und Unsinn der Berufslehre versus Gymi diskutiert. Mein Sohn wird sich nächstes Jahr entscheiden müssen. Wie mein Kind in der Lage sein soll, innerhalb der nächsten 12 Monate zu wissen, womit es die folgenden vier Jahre seines Lebens verbringt, ist mir ein Rätsel. Weil vier Jahre, das ist ein Viertel seines bisherigen Daseins. Auf mich übertragen würde es bedeuten, dass ich jetzt einen Arbeitsvertrag für 12 Jahre unterzeichne, was auch ein erwachsener Mensch eigentlich nicht kann, wie Ihr zugeben müsst, und bei uns ist immerhin der Frontallappen fertig ausgebildet, die Pubertät vorbei und gewisse andere Fragen, von denen mein Kind noch nicht mal gehört hat, sind abschliessend beantwortet.
Es ist also eine Entscheidung, die keine einfache ist. Und während mein Sohn von einer grossen Karriere träumt, bis zu der er sich mit Bäumen oder Büchern durchhangeln muss, pflegen wir Erwachsenen die Debatte um Berufslehre oder Gymi mit schöner Regelmässigkeit.
Dank unseres Kantonswechsels kann ich jetzt eine fünfte Klasse im Thurgau ohne Langzeitgymi mit einer fünften Klasse an einer Schule am Züriberg mit Langzeitgymi vergleichen. Zwar ist die 5. Klasse hüben wie drüben eines der strengsten Schuljahre. Aber es macht einen enormen Unterschied, ob da noch die Vorbereitungskurse fürs Gymi dazukommen. Und weil es in Zürich so normal ist, diese Gymiprüfung zu machen, packt man das fast allen Kindern noch obendrauf. Es ist schwierig, sich dem zu entziehen. Ich erinnere mich an all die Eltern, die sich rechtfertigten, weil sie früher immer betont hatten, dass sie bei diesem Gymiprüfungvorbereitungs-Zirkus dann sicher nicht mitmachen würden. Aber dann hatten sie plötzlich alle doch ein Kind, das absolut ganz von selbst unbedingt in diesen Vorbereitungskurs wollte! Und nicht in den, der kostenlos von der Schule angeboten wird, sondern in einen privaten, aber natürlich nur, weil es vom Zeitplan her leider, leider nicht anders zu organisieren war. Ich habe viel Verständnis für Eltern, die nach Ausflüchten suchen, wissend, dass es nicht das ist, was sie immer gepredigt hatten, aber was will man machen, wenn alle anderen es machen und man das Gefühl bekommt, die Sek sei der erste Schritt in den Untergang. Das alles fällt in einem Kanton ohne Frühgymnasium schlicht und ergreifend weg. Und damit ein grosser Teil des Drucks auf Kinder und eben auch die Eltern. Das ist sehr gut so.
Aber während an gewissen Orten wie in der Stadt Zürich das Gymi dominiert, gibt es die Überhöhung der Berufslehre anderswo. Gerade diese Woche erschien im ‹Tages-Anzeiger› ein Artikel zur Berufslehre, und wo immer das passiert, ist Ruedi Strahm ja nicht weit weg. Wie Studien zeigen, sind Hochschulabsolvent:innen verstärkt von Arbeitslosigkeit betroffen und haben tiefere Lohnaussichten, und so fordert Strahm, mehr junge Menschen sollten sich wieder für eine Berufslehre entscheiden. Sie sollen «etwas Handfestes» lernen. Und die Bildungsexpertin Ursula Renold flankiert ihn mit dem Rat an unentschlossene Jugendliche, die sich im Zweifel für eine Berufslehre entscheiden sollen, um früh Erfolgserlebnisse zu sammeln.
Diese Argumentation ist genauso falsch wie die Überzeugung vieler Eltern am Züriberg, ein Studium sei die einzige Berufsoption. Wie ein junger, unentschlossener Mensch mit zwei linken Händen bei einer handfesten Lehre zu Erfolgserlebnissen kommen soll, ist mir nämlich schleierhaft. Das kann genauso fürchterlich sein, wie wenn man sich vier Jahre mehr schlecht als recht durch ein Gymnasium quälen muss, für das es auch mit viel Nachhilfestunden kaum reicht.
Dabei finde ich, wäre es einfach. Es gibt nicht den guten oder schlechten Weg an sich. Aber es gibt das Kind. Und das ist eigentlich viel zu jung für so eine weitreichende Entscheidung, weshalb der sicherste Weg in ein erfülltes Berufsleben wohl der ist, etwas zu machen, wofür man sich einigermassen begeistern kann. Allein aufgrund von Verdienstaussichten oder Arbeitslosenquoten, Prestige oder Druck von aussen zu entscheiden, ist mit Sicherheit der falsche Ansatz.