Zweimal empörend

Vielleicht haben Sie, geneigte Leserin, dem physiognomischen Durchschnitt entsprechend, auch keinen Riesenzinken im Gesicht und fühlten sich in Ihrem Frust bestätigt, als endlich einmal das Thema der One-size-fits-all-Maske im täglichen Gratisblatt abgehandelt wurde. Sie und ich – wir haben schon lange bemerkt, dass die Masken für das weibliche 08/15-Antlitz schlicht zu gross sind. Oben, unten oder seitwärts kommt ständig Luft rein; die Masken schlabbern rum wie böse Homeboy-Baggypants. Sie sind ja auch auf ein männliches Durchschnittsgesicht angepasst, wie der beflissene Journalist herausgefunden hat. Es wäre empörend, wenn es nicht so gähn!-normal wäre. Sein Ratschlag ist leider nicht praktikabel: Man solle die Ohrschlaufen mittels Knoten verkürzen. Das hilft eben gar nichts. Denn so zieht man die Maske nur an Mund und Nase heran, wo sie sofort vollgespeichelt wird, und seitwärts steht sie genau gleich weit ab, oder sie rutscht in die Augen hoch. Dito fürs Überkreuzen der Ohrschlaufen. Ich persönlich habe ja anscheinend einen besonders kleinen Kopf (z.B. muss ich Sonnenbrillen für Kinder tragen, damit sie mir nicht ständig auf die Nasenspitze rutschen), also komme ich auch mit Kindermasken klar. (An dieser Stelle würde ich gerne wieder mal die Anekdote erzählen, wie einst ein Schulkamerad sich brüstete, Männer hätten – wissenschaftlich erwiesen – eben doch die grösseren Hirne, und ich zur Antwort gab, Frauenhirne seien dann wohl effizienter. Aber die kennen Sie ja schon.) Nun sind Sie vielleicht nicht ganz so schrumpfköpfig wie ich und müssen eben basteln. Da Sie keinen männlich ausladenden Unterkiefer haben, müssen Sie die Ränder der Maske verkürzen, ohne die eingefaltete Wölbung zu plätten. Dazu legen Sie an der linken und rechten Kante eine zusätzliche Falte ein und bostitchen diese – Aussenseite nach unten – fest, oder Sie bringen unter dem Kinn eine Falte an. Voilà tout! 

Das zweite Problem ist nicht mit so einfachen Kniffen aus der Welt zu schaffen. Der Kantonsrat überlegt doch tatsächlich eine einjährige Sistierung des Stufenanstiegs beim Lehrpersonal. Dies käme einer Lohnkürzung gleich. Denn der Anstieg ist integraler Vertragsbestandteil beim Stellenantritt, und dies zu Recht. Eine Schule ist ein derart komplexes, vielschichtiges Gebilde – wenn die alten Hasen nicht ständig die Neueintretenden instruieren und ihnen mit Erfahrung, Wissen, Tipps und Tricks unter die Arme greifen würden, könnten sich die Sekretariate und Schulleitungen nicht mehr retten vor Anfragen. Und je schlechter die Arbeitsbedingungen, desto höher die Fluktuation – spätestens hier beisst die Schlange sich in den Schwanz. Der Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband urteilt: «Nur schon der Vorschlag irritiert enorm, nachdem die Corona-Pandemie verdeutlicht hat, wie wichtig die Institution Schule für die gesamte Gesellschaft und wie gross die Einsatzbereitschaft der Zürcher Lehrpersonen ist, um die Schulen auch unter Extrembedingungen funktionsfähig zu halten.» Zurzeit ist es so, dass ausfallende LehrerInnen aus Mangel an SpringerInnen nicht vertreten werden können. Alle übrigen Lehrpersonen müssen «spetten», also einspringen. Dafür kriegt man pro Jahr acht Stunden bezahlt. Damit kann jede Lehrperson pro Jahr einen Tag lang ersetzt werden. Das ist sowieso ein schlechter Witz und in Zeiten von zehntägigen Quarantänen etc. doppelt empörend!

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