Zweifellos

Ich weiss, dass ich das an dieser Stelle bereits einmal geschrieben habe, aber ja, es beschäftigt mich. Ich wäre gerne so viel radikaler, als ich es bin. Doch da sind diese Zweifel. 

Ich habe seit jeher eine gewisse Zurückhaltung davor, mich als auf der richtigen Seite der Geschichte zu bezeichnen, aus verschiedenen Gründen, einer ist der, dass ich es schlicht nicht weiss. Es liegt in der Natur der Sache, dass schon viele Menschen vor uns zu unterschiedlichen Zeitpunkten der Überzeugung waren, das Richtige zu tun, was sich aus der heutigen Perspektive dann als ganz eindeutig falsch herausstellte. Es ist zu vermuten, dass diese Menschen das damals sehr oft nicht aus böser Absicht heraus gemacht hatten, sondern schlicht der Logik der Zeit erlagen. Also, denke ich immer, wer bin ich, dass ich heute weiss, dass mein Handeln und Denken auch im Rückblick einer kritischen Prüfung standhalten werden.

Gleichzeitig habe ich eine grosse Sehnsucht nach totaler Klarheit und Überzeugung. In mir ist viel zu oft ein unmöglich mühsamer Sowohl-als-auch-Kampf, am schlimmsten ist es, wenn ich mit anderen diskutiere. Ich verstehe deren Meinung immer auch ein bisschen. Das tönt jetzt zu fest danach, als wäre ich einfach ein sehr toleranter, verständnisvoller Mensch, und das stimmt natürlich nicht. Im Gespräch bin ich so oft als möglich unerbittlich, wenn es um Inhalt geht, die Zweifel sind ja eher eine interne Angelegenheit. Und während ich mit grösster Überzeugung argumentiere, gibt es immer auch diese kleine Möglichkeit irgendwo in mir, die mitläuft, und mir sagt, dass ich vielleicht falsch liegen könnte. 

Jetzt gibt es dazu ein Video. Also die Verfilmung meiner Zweifel. Genre Doku-Drama.

Im Vorfeld der Wahlen in Nordrhein-Westfalen ging Alice Weidel auf Motivationsbesuch vor Ort. Sie postet ein Video dazu auf X und schreibt «Wahlkampfendspurt in NRW. Unterwegs mit Sven Tritschler». Der Tritschler ist stellvertretender Vorsitzender des Landtags und spielt den Gastgeber, zusammen besuchen sie Standaktionen. 

Ganz zu Beginn steht sie also da, Alice Weidel, im Bild mit diesem Sven Tritschler. 

Alles, was sie sagt, habe ich genauso auch schon gesagt. Und ich habe das ungute Gefühl, dass die monumental-dramatische Musik im Hintergrund des Videos eine ist, die ich ebenfalls mal für so Mobilisierungsfilme verwendet hatte. 

Dass sie hier sei für die Menschen in Nordrhein-Westfalen, für die Arbeitnehmenden, die Perspektiven haben wollen. Die AfD sei mit über 5000 Kandidaten am Start, berichtet Tritschler sichtlich stolz, grossartig, unglaublich, einfach ganz grossartig, sagt Weidel und strahlt ihn an. Ein ehrliches Strahlen. Ein Musterwahlkreis, sagt Tritschler, sie hätten die Mitgliederzahlen in kürzester Zeit von 120 auf tatsächlich über 400 erhöht. Wow, sagt Weidel. Einfach nur wow. 

Das bin ich (ich würde einfach noch beispielsweise Kandidat:innen sagen, statt nur die Männer zu erwähnen). Sektionen, die so vorwärts machen bei uns im Kanton, kämpfen, die Mitgliederzahlen vervierfachen. Das begeistert mich. Da sage ich auch wow, da strahle ich, als Generalsekretärin der SP Zürich, das finde ich einfach ganz grossartig. Was für eine Leistung. Und ich stehe dann nicht neben Tritschler, sondern neben Genossin Marianne und lasse mich euphorisieren von der Mobilisierung, die man spürt, wenn man im Wahlkampf ist und es läuft, und man ist unter Gleichgesinnten.

Und während ich das also sah, fragte ich mich, ob es sich denn für andere bei uns genauso falsch anfühlt wie für mich, wenn ich dieses AfD-Video schaue, in dem sie dann noch die verlotterten Quartiere zeigen, in denen die Ausländer wohnen, die sie remigrieren wollen, während wir Stadtrundgänge entlang von Wohnbaugenossenschaften machen. 

Natürlich kann man jetzt sagen, Zweifel sind gut und recht und auch dass ich mir überlege, ob das, was wir Sozialdemokrat:innen heute für richtig halten, auch in 100 Jahren noch gelte, in Ordnung sei und mir auch irgendwie hoch anzurechnen, aber trotzdem müsse mir doch auch klar sein, dass was heute rechtsnationalistisch ist, auch in 100 Jahren noch nicht als positiv gelten wird. 

Ich weiss. Immerhin gibt es diese eine Sicherheit. Die ist gross genug, um zu wissen, was zu tun ist. Zweifellos.