Zuversicht und Sorge zugleich

Wie steht es um die Zürcher Gewässer? Laut dem Gewässerbericht 2022 nicht schlecht. Aber allzu gut geht es ihnen dennoch nicht: Trotz Verbesserungen offenbaren sich neue Problematiken. 

 

Sergio Scagliola

 

Regierungsrat Martin Neukom versuchte am Mittwoch, eine überraschend komplizierte Frage zu beantworten: Wie geht es den Zürcher Gewässern? Anlässlich der Veröffentlichung des Berichts «Wasser und Gewässer 2022» lud die Baudirek­tion des Kantons Zürich zur Medienkonferenz im Gewässerschutzlabor des Amtes für Abfall, Wasser, Energie und Luft (AWEL). Der Bericht erscheint alle vier Jahre und zeigt den Zustand der Zürcher Gewässer, Entwicklungen in der Gewässerqualität und auch den Handlungsbedarf im Gewässerschutz auf. Es zeigt sich: Ganz grundsätzlich wird es besser. Dass die Schweiz im internationalen Vergleich bezüglich Gewässerschutz ganz vorne dabei ist, darauf war Martin Neukom durchaus stolz. Dennoch: Gewisse Bereiche bereiten ihm und dem AWEL Sorgen. Noch immer fliessen zu viele Schadstoffe über mehr oder minder weite Umwege in die Zürcher Gewässer – etwa durch Abwasser von Strassen, durch welches bei Regen Schwermetalle und andere Schadstoffe in die Flüsse gelangen, oder auch durch Mikroverunreinigungen, wenn Wirkstoffe von Medikamenten oder Pflanzenschutzmitteln in den Wasserkreislauf gespült werden. Auch durch den Klimawandel herbeigebrachte Veränderungen stellen für die Gewässer teils gewaltige Probleme dar. 

 

Was ist schuld?

Bei komplexen Systemen wie dem Wasserkreislauf sind einzelne Faktoren, die dem gesamten System schaden, schwierig zu isolieren. Als Beispiel: Neue Pflanzenschutzmittel mit neuen Wirkstoffen offenbaren sich oft nicht direkt als schädlich, sondern oft erst, wenn sie bereits im Kreislauf vorhanden sind. Wie schädlich ein Stoff ist, kann zudem selten sofort beurteilt werden und so muss das AWEL oft abwarten, bis ein von ihm nachgewiesener Stoff als bedeutend umweltschädlich bestätigt werden kann. Während also beispielsweise die Phosphat- oder  Ammoniumbelastung stark zurückgegangen ist, haben sich indes neue Schadstoffe herauskristallisiert, die den Wasserbewohnern zusetzen. Relative Klarheit offenbart sich oft im Produkt unserer Belastung des Ökosystems – wie beispielsweise in der Fischfangquote. In Fliessgewässern ist die Anzahl gefangener Fische seit 1980 dramatisch gesunken. Zwischen 1940 und 1980 wurden durchschnittlich 75 000 Fische aus den Fliessgewässern Zürichs gezogen, in den letzten vierzig Jahren ist diese Zahl um 80 Prozent zurückgegangen. Nicht so dramatisch ist die Situation im Zürichsee, wo der Ertrag des Fischfangs in den letzten 80 Jahren ungefähr gleich geblieben ist, wenn auch mit leichtem Abwärtstrend. 

 

Dennoch zeigen sich in der Schadstoffbelastung deutliche Besserungen, was insbesondere mit technischen Neuerungen bei den Kläranlagen zu tun hat. Bereits heute sind an einigen Orten Systeme installiert, die Mikroverunreinigungen durch Medikamente und Pflanzenschutzmitteln herausfiltern können. Diese Systeme sollen zudem in den nächsten 15 Jahren in den verschiedenen Kläranlagen des Kantons an den meisten Orten implementiert werden. Heute werden die Anforderungswerte bezüglich Mikroverunreinigungen im Wasser in rund einem Drittel der Quartalsproben im Kanton erfüllt. 

 

Nicht so kühles Nass

Der neue grosse Stressfaktor für Martin Neukom und die Zürcher Gewässer ist der Klimawandel. Dass der Zürichsee immer wärmer wird, ist bekannt. Die Folgen, die das hat, weniger. Es geht hier um Wassertemperatur: Wasser hat bei vier Grad Celsius die höchste Dichte. Am Seegrund ist diese Marke meistens erreicht – und hier findet sich auch das sauerstoffärmste Wasser. Wenn der See im Winter an der Oberfläche ebenfalls eine Wassertemperatur von vier Grad erreicht, dann sinkt dieses Wasser aufgrund der höheren Dichte und es kommt so zu einer Durchmischung des sauerstoffreichen und -armen Wassers, die für das Ökosystem unbedingt notwendig ist. Durch höhere Temperaturen im Winter und somit einem zu warmen See geschieht diese Zirkulation nicht. So bleibt dieses sauerstoffarme Wasser am Seegrund – und dehnt sich aus: Seit dem Jahr 2000 streckt sich so diese sauerstoffarme Zone immer stärker gen Oberfläche. 

 

Die Fliessgewässer haben derweil das Problem, dass durch höhere Temperaturen weniger Wasser fliesst. Das hat zur Folge, dass die Konzentration der Schadstoffe in Relation zur Wassermasse steigt und Grenzwerte so überschritten werden – das Wasser wird für Tiere toxisch. Was man aber dennoch weiss, ist, dass Gewässer, die einen natürlichen Lebensraum bieten oder zumindest simulieren, resilienter sind. Deshalb die Renaturierungsmassnahmen, ob in der Limmat, Sihl oder den Seen. Dass diese aber umgesetzt werden, braucht es viel politischen Willen – ob unsere VertreterInnen mit Grünphobie diesen haben? 

 

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