Zusammenleben im Nachtleben

Stadtrat Richard Wolff stellte an einer Medienkonferenz konkrete Massnahmen vor, mit denen er künftig Konflikte in Zürichs Nachtleben vermeiden will.

 

Tobias Urech

 

Das Langstrasse-Quartier ist mit seinen Bars und Clubs in der ganzen Deutschschweiz als Vergnügungsviertel schlechthin bekannt. Dass hier auch Menschen wohnen, die sich nicht nur nachts durch den Kreis 4 bewegen, scheinen die Partypendlerinnen und Ausgänger zuweilen zu vergessen. So besteht in Aussersihl seit Längerem ein Problem mit Lärm und Schmutz auf der Ausgehmeile, die eben auch ein Wohnquartier ist. Dagegen möchte Stadtrat Richard Wolff (AL) nun vorgehen. Im Rahmen von zwei Runden Tischen diskutierten AnwohnerInnen und ClubbetreiberInnen mit der Stadtverwaltung und erarbeiteten gemeinsam verschiedene Massnahmen, um die angespannte Lage zu verbessern. Hierfür schrieb die Stadtverwaltung Personen, die im Quartier leben oder Gewerbe treiben, an und lud sie persönlich zur offenen Diskussion am Runden Tisch ein.

Wolff war es daher auch wichtig an der Medienkonferenz zu betonen, er möge das Wort «Massnahmen» nicht, sondern bevorzuge in diesem Falle die Bezeichnung «Übereinkünfte». Denn genau darum ginge es bei den präsentierten Lösungsvorschlägen: Um einen breit abgestützten Kompromiss der verschiedenen Beteiligten.

 

Testphase ab Juni

In einem eng abgesteckten Häuserviereck zwischen Zwinglistrasse, Dienerstrasse, Langstrasse und Kanonengasse sollen ab dem 20. Juni die erarbeiteten Massnahmen probeweise umgesetzt werden. Bilanz ziehe man gemeinsam an einem dritten Runden Tisch im September. Bis dahin sollen im Quartier folgende Massnahmen getestet werden: So möchte man die 24-Stunden-Shops vermehrt einbinden. Die BetreiberInnen der Shops unterzeichnen einen Verhaltenskodex, in dem sie sich beispielsweise dazu bereit erklären, in ihrem Aussenbereich für Sauberkeit zu sorgen und keine Glasflaschen mehr zu verkaufen. Die Delegierte für Quartiersicherheit, Alexandra Heeb, erklärte dazu: «Die BetreiberInnen der 24-Stunden-Shops haben sich nicht als Teil eines zusammenhängenden Problems verstanden.» So brauchte es Überzeugungsarbeit, um die Shop-BetreiberInnen zum Mitmachen zu bewegen. Nicht immer sei dies gelungen. Dafür seien auch Sprachbarrieren verantwortlich, meinte Heeb. Nichtsdestotrotz gab sie sich zuversichtlich, dass diejenigen BetreiberInnen, die den Verhaltenskodex für die Testphase nicht unterschreiben wollten, dies in einem zweiten Schritt tun würden.

Eine weitere Massnahme ist ein mobiles Pissoir bei der Lambada-Bar, um vor allem im Sommer und während der laufenden Fussball-EM «Wildpinkler» zu vermeiden und Hinterhöfe und Hauswände zu entlasten. Sowieso sollen die Hinterhöfe in einer weiteren Massnahme besser geschützt werden. Stadtrat Wolff erläuterte: «Die AnwohnerInnen sind sich bewusst, dass die Langstrasse ein Ausgangsquartier ist und richten sich entsprechend danach. So bewohnen sie tagsüber eher die Räume zur belebten Strasse hin und verlegen die Schlafräume gegen den Innenhof. Wenn aber der Innenhof auch zur Lärmquelle wird, gibt es für die AnwohnerInnen keinen Rückzugsort mehr.» Genau dagegen möchte man individuell vorgehen, beispielsweise mit gezielten Schalldämpfern an empfindlichen Stellen. Des Weiteren werden sogenannte Problembetriebe, die sich bisher unkooperativ gezeigt haben, häufiger kontrolliert und die Polizeipräsenz wird an den Wochenenden erhöht.

 

Telefon und Plakate

Zur Verständigung zwischen Nachbarn und ClubbetreiberInnen richten die Beteiligten in einer weiteren Massnahme ein Wirtetelefon ein. Die AnwohnerInnen kennen die Telefonnummer der Clubs in ihrer unmittelbaren Nähe, damit sie Beschwerden direkt an die Wirtinnen und Barbetreiber richten können. «Das Einrichten dieses Telefons gestaltete sich zunächst schwieriger als gedacht», gab Heeb zu. «In einem lauten Club ist es natürlich schwierig, das Telefon zu hören. Deswegen mussten sich die Wirte etwas einfallen lassen.» Man habe statt einem akustischen Signal ein visuelles Signal am Telefon installiert, also ein blinkendes Lämpchen, das auf das läutende Telefon aufmerksam macht. Neben diesen stark auf die AnwohnerInnen und BetreiberInnen zugeschnittenen Massnahmen geht die letzte Idee darüber hinaus: Die Clubs finanzieren zu drei Vierteln eine Sensibilisierungskampagne, die unbedachte NachtschwärmerInnen darauf hinweist, dass die Langstrasse auch ein Wohnquartier ist. Mit Sätzen wie «Die Strasse ist uns nicht lang wie breit» oder «Nach der Bar wirst Du zum Nachbar», die auf Plakate, Flyer und Bierdeckel gedruckt werden, möchte die Kampagne bei PartypendlerInnen Rücksicht einfordern. Alex Bücheli, Pressesprecher der Bar & Club Kommission (BCK), hob an der Pressekonferenz hervor, dass die Kampagne von den Club- und BarbetreiberInnen selbst erarbeitet und gestaltet worden sei. Dies demonstriere den aufrichtigen Willen, mit den AnwohnerInnen ein gutes Verhältnis zu pflegen.

Wolff unterstrich zuletzt noch einmal, dass es bei der Lösung des Konflikts Nachtleben nicht um die Interessen Einzelner geht, sondern um eine Kompromissfindung. «Wir müssen zusammenhalten.»

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