- Stadtratswahlen 2026
Zurück nach Zürich für den Traumjob
Wagen 10, 1. Klasse, Business-Bereich, Sitzplatz 21: Der Kaffee aus dem Bordbistro steht auf einer Serviette in der Halterung, der Wintermantel ist ordentlich aufgehängt, ohne beim Sitzen in den Weg zu kommen. Auf dem aufgeklappten Tisch steht ein zugeklappter Laptop. Wer mit Balthasar Glättli Zug fährt, merkt, dass hier ein routinierter Zugfahrer am Werk ist. «Seit meiner Wahl in den Nationalrat 2011 habe ich mich ziemlich ans Zugfahren gewöhnt und gelernt, dass ich das Abteil am besten gleich zum rollenden Büro mache. Deshalb bin ich nach dem ersten Jahr, in dem ich noch zweite Klasse gefahren bin, auf die erste Klasse umgestiegen.» An diesem Freitagmittag fährt er von einer Kommissionssitzung aus Bellinzona nach Zürich. Ich steige in Arth-Goldau dazu.
Geht Glättlis Plan auf, werden solche Zugfahrten quer durch die Schweiz ab dem nächsten März jedoch nicht mehr zu seinem Alltag gehören. Dann finden in der Stadt Zürich die Wahlen statt, bei denen Glättli einen dritten Stadtratssitz für die Grünen gewinnen will.
Die Karriere krönen
Eine Wahl in den Stadtrat wäre der letzte Akt in Glättlis Politkarriere, die im Alter von 18 Jahren im Zürcher Oberland begann. Der Sohn von zwei Lehrpersonen gründete in seinem Heimatdorf die Gruppe «wum – welt umwelt mitwelt» mit, die Film- und Diskussionsabende veranstaltete. «Wir waren mit unserer Einstellung, Umweltschutz zusammen mit sozialer Gerechtigkeit zu denken und uns neben dem Regionalen auch für das Globale zu engagieren, schon etwas der Zeit voraus», sagt Glättli. Durch sein Engagement wurden die Grünen aus dem Bezirk Wetzikon auf ihn aufmerksam und fragten Glättli an, ob er auf der Kantonsratsliste kandidieren möchte.
Von da an beginnt eine steile Politkarriere: Listenfüller für die Kantonsratswahlen, Sprecher von Zürich Autofrei, Gründer der «Junge Grüne Alternative», die später zu den jungen Grünen wird, damals mit 26 Jahren jüngster Gemeinderat in Zürich, Fraktionspräsident im Gemeinderat, Co-Präsident Grüne Kanton Zürich, 2011 der Sprung in den Nationalrat, Fraktionspräsident im Nationalrat, Präsident der Grünen Partei Schweiz. «Ich habe immer wieder die Verantwortung gesucht, mich aber auch nie vor der Arbeit im Hintergrund gedrückt», sagt Glättli dazu.
Was Glättli in dieser Karriere, noch nie übernommen hat, ist ein Exekutivamt. Er habe sich aber schon 2002 und 2018 eine Kandidatur für den Zürcher Stadtrat überlegt. Schliesslich sei ein Stadtratsamt schon immer sein Traumjob gewesen. «In Zürich hat man die Möglichkeit, grüne Ideen in die Tat umzusetzen. Ich habe Lust darauf, mitzugestalten und die Stadt vorwärtszubringen.»
Dafür wünscht sich Glättli von der Stadt Zürich mehr Tempo und mehr Mut. «Anstatt ein einziges Quartier zum Pilotquartier für Netto-Null zu machen, könnte man das auch gleichzeitig in drei oder vier Quartieren machen. Ich finde generell, Zürich könnte in der Energiepolitik mehr wagen. In Genf werden Firmen, die für ihre Branche auffällig viel Energie verbrauchen, aktiv kontaktiert und es wird ihnen Hilfe angeboten, um Energie zu sparen. So etwas müsste auch in Zürich möglich sein.» Zu diesem mutigeren Auftreten gehört es für Glättli, auch Fehler in Kauf zu nehmen. «Danach muss man als Stadtrat aber auch hinstehen und Verantwortung übernehmen», sagt er.
Während Glättli in Fahrt kommt, ist unser Zug mittlerweile etwas ins Stocken geraten. Kurz nachdem wir am Bahnhof Zug vorbeigefahren sind, steht der Zug für zehn Minuten still. Glättli erzählt unbeirrt weiter. In eher grossen Bögen und mit gestikulierenden Händen antwortet er auf die Fragen.
Die Tendenz zu längeren Ausführungen zeigt sich auch auf Glättlis Auftritt in den Sozialen Medien, wo er letztens zwei Abstimmungserklärungen für den 30. November hochgeladen hat. Die kürzere Version geht bereits 4:28 Minuten, einen Tag später lädt er auch noch eine längere Version mit allen Erklärungen hoch. Sie dauert 14 Minuten und 56 Sekunden. Eine Ewigkeit für eine Plattform wie Instagram, wo die meisten Videos zwischen 30 und 90 Sekunden lang sind. In solchen Momenten wirkt Balthasar Glättli auf eine sympathische Art kurlig. Gleichzeitig ist er durchaus selbstbewusst.
Glättli will nicht warten
So hat sich Balthasar Glättli die Chance, im nächsten Jahr bereits für den Stadtrat zu kandidieren, gleich selbst geschaffen. Denn eigentlich hätten die Grünen nicht unbedingt Grund für einen dritten Sitz. Die beiden grünen Stadträt:innen Karin Rykart und Daniel Leupi treten noch einmal an und der Wähler:innenanteil der Grünen von 14,3 Prozent in der Stadt Zürich rechtfertigt nicht wirklich, dass die Partei einen Drittel der Sitze im neunköpfigen Stadtrat besetzen würde. In vier Jahren tritt zudem Daniel Leupi nicht mehr an. Warum also nicht dann antreten und den sicheren Sitz holen? «Niemand weiss, wie die Ausgangslage in vier Jahren ist. Wer bewirbt sich dann noch auf den Sitz? Eine Ersatzkandidatur bietet ja eher die Chance, einen Sitz mit einer jüngeren Person zu besetzen, die vielleicht etwas weniger bekannt ist. Und bei den Wahlen 2030 wäre ich 58 Jahre alt. Ich möchte vor dem Pensionsalter zwei Legislaturen machen können. Zudem glaube ich: In der aktuellen Ausgangslage ist es möglich, einen Sitz zu gewinnen. Dafür trete ich an.»
Die erste Wahlumfrage, die die Feldlabor GmbH im Auftrag von tsüri.ch durchführte, gibt Glättli recht. Dort landete er mit 39 Prozent Wähler:innenanteil direkt auf dem dritten Platz. Das gute Resultat ist allerdings mit Vorsicht zu geniessen, schliesslich beträgt der Fehlerbereich über vier Prozent und gut fünf Monate vor der Wahl dürfte es entscheidend gewesen sein, welche Kandidat:innen die Teilnehmer:innen der Umfrage überhaupt gekannt haben. Trotzdem lassen sich von der Umfrage gewisse Tendenzen ableiten. Sicherheitsvorsteherin Karin Rykart landete etwa auf dem neunten Platz und würde so die Wiederwahl nur knapp schaffen.
Dass Glättli dafür sorgen könnte, dass seine Parteikollegin abgewählt würde, glaubt er nicht. «Ich glaube, den Wähler:innen von Grünen und SP ist es wichtig, dass möglichst viele Frauen im Stadtrat vertreten sind. Ich gehe deshalb nicht davon aus, dass jemand Karin Rykart keine Stimme gibt, um mich zu wählen. Auf einer Neuner-Liste hat es neben mir genug Platz für alle vier Frauen des links-grün-alternativen Bündnisses.»
Mit dem Spirit eines jungen Grünen
Glättli macht kein Geheimnis daraus, wessen Sitz er mit seiner Kandidatur stattdessen angreifen will: Jenen der FDP, wo Filippo Leutenegger abtritt. Laut der ersten Wahlumfrage würde auch dieser Plan aufgehen. Der städtische FDP-Präsident Përparim Avdili landet auf dem zehnten Platz und wäre somit nicht gewählt. So wären dann sieben von neuen Stadträt:innen von den Grünen und der SP.
Christoph Hug, ehemaliger Parteipräsident der städtischen Grünen, der auch Balthasar Glättli schon lange kennt, sieht darin kein Problem: «Der FDP fehlt es einfach an bekanntem Personal in der Stadt Zürich. Dann muss man sich nicht wundern, wenn die Grünen mit einer national bekannten Persönlichkeit mehr Erfolg haben.» Er könne sich Balthasar Glättli gut als Stadtrat vorstellen. «Ich bin wahrscheinlich der grösste Glättli-Fan. Er hat ein grosses Wissen, einen guten Charakter und ist blitzgescheit. Das einzige, was ich wohl nie verstehen werde, ist, wie ein Mensch mit diesen Qualitäten derart schlecht Jassen kann», sagt Hug.
Heute sei er nicht mehr in der Partei aktiv, erzählt Christoph Hug, aber er unterhalte sich immer noch gerne mit Menschen über Politik. «Dabei merke ich, dass Balthasar, wohl vor allem wegen seinem Engagement in der Migrationspolitik, als sehr links wahrgenommen wird. Ich persönlich sehe das aber etwas differenzierter und denke, er sollte für ein breiteres Spektrum wählbar sein.»
Für Linda Junz, Vorstandsmitglied bei den Jungen Grünen der Stadt Zürich, ist Glättli ebenfalls ein guter Kandidat. «Klar hätten wir uns eine junge Frau gewünscht, aber ich habe Balthasar Glättli als sehr angenehmen Menschen kennengelernt.» Er spreche auch mit jüngeren Parteimitgliedern immer auf Augenhöhe und sei sich auch nicht zu schade, um mit Jungen Grünen von Tür zu Tür zu gehen und Wahlkampf zu machen. «Zudem traut er sich inhaltlich etwas und ist auch mal etwas frecher. Er hat sich den Spirit eines jungen Grünen bewahrt.»
Endlich Stürmer
Trotz jungem Spirit ist Glättli mittlerweile 53 Jahre alt. Während der Zug in den Hauptbahnhof einfährt, sprechen wir auch über eine Zukunft, in der ihm die Stimmbevölkerung den Traumjob verwehrt. «Ich könnte mir vorstellen, mich dann allmählich aus der Politik zurückzuziehen. Natürlich nur in Absprache mit der kantonalen Partei und gut abgestimmt mit allen Beteiligten, aber vielleicht wäre es dann langsam Zeit», sagt Glättli. Er könnte sich vorstellen, mehr Care-Arbeit in der Familie zu leisten. «Interessant, aber wohl eher ein schöner Wunsch» fände er ein Jura- oder Architekturstudium. Vielleicht auch eine Rückkehr zur IT-Branche, in der er einst als Startupgründer und Bereichsleiter tätig war. An Interessen mangle es ihm jedenfalls nicht.
«Momentan geniesse ich es aber auch, Wahlkampf zu machen und mit meinen Ideen zur Realisierung grüner Ziele im Mittelpunkt zu stehen», sagt Glättli. Einen grossen Teil seines politischen Lebens hat er für andere investiert. Er habe die Kamera gehalten, wenn es noch jemanden gebraucht habe, der die Kamera hält, Flyer verteilt, Wahlkämpfe geplant, auch als Parteipräsident habe er versucht, andere in Szene zu setzen. «Mir war immer wichtig, dass ich nicht alleine einen Weg vorgebe, den andere mitgehen müssen. Ich habe mich eher als offensiven Mittelfeldspieler gesehen, der die Bälle verteilt und anderen zuspielt. Nun freue ich mich, auch einmal im Sturm spielen zu können.»
Stadtratswahlen 2026
An dieser Stelle portraitieren wir bis Ende Januar alle 16 Kandidat:innen der Gemeinderatsparteien für die Stadtratswahlen 2026. Diese Woche ist es der Nationalrat der
Grünen Balthasar Glättli.