Wer heute die Bäcki mit dem Platzspitz vergleicht, vergleicht einen Velounfall mit einem Flugzeugabsturz. (Bild: Grün Stadt Zürich)

Zur Geschichte der Drogenpolitik im Kreis 4

Input von Hannes Lindenmeyer an der Quartiervereinsveranstaltung vom 26. Januar.

Es gibt natürlich keine «Drogenpolitik Kreis 4», wir sind keine autonome Republik – auch wenn wir uns das 1980 mal gewünscht haben. Bund, Kanton und Stadt machen Drogenpolitik mit Gesetzen und Massnahmen. Aber da im Kreis 4 gibt es ein paar ganz spezifische Wahrnehmungen und Auswirkungen der Drogenpolitik – und bei den Massnahmen sind wir nicht nur Unbeteiligte geblieben. Sogar in die nationale Politik haben sich einige aus dem Kreis 4 eingemischt: als aktive Mitinitianten der «Droleg-Initiative» zu Legalisierung aller Drogen 1994. 

Umgang mit Rausch und Sucht

In der Drogenpolitik geht es grundsätzlich um die Frage, wie der Staat mit den gesellschaftlichen und individuellen Auswirkungen von Rausch und Sucht umgeht. Rausch ist ein menschliches Grundbedürfnis: Alle freuen sich über gute Gefühle, über einfache Möglichkeiten, aus dem Alltag auszubrechen, sei es aus Lebenslust oder Lebensfrust. Zur Sucht wird der Rausch dann, wenn die Balance zwischen Lebensfreude, Alltagsbewältigung und Gesundheit nicht mehr stimmt. Als Volkskundler würde ich sagen: Rausch und Sucht sind endemische Themen im Kreis 4, populär gesagt: Sie sind da beheimatet. Der Rausch gehört seit 150 Jahren zum Kreis 4 wie die Holzschnitzerei zu Brienz. Der Kreis 4 war einst ein Armen- und Zuwandererquartier, wo man mit billigem Schnaps das elende Alltagsleben kurz vergessen konnte – mit vielen Nebenwirkungen: Nachtlärm, Raufereien, Mord und Totschlag, häusliches Elend: Wie Zeitungen aus jener Zeit und Romane berichten, waren die Zustände viel prekärer als heute. 

Seit der Industrialisierung wurde in den Proletarierstädten in Europa und den USA dem Rausch der Kampf angesagt: Einige Massnahmen waren erfolgreich, wie die «Substitution» von Schnaps durch Bier, im Kreis 4 wurde bis Ende des 19. Jahrhunderts praktisch nur Schnaps ausgeschenkt, in Mostgläsern! Erst Anfang des 20. Jahrhunderts verdrängte dann der Siegeszug des Biers den billigen Härdöpfler. Wichtig waren auch die alkoholfreien Treffpunkte wie das Volkshaus oder die Trinkerfürsorge. Als völlig erfolglos, ja kontraproduktiv hat sich hingegen überall in der Welt die Prohibition, das rigide Verbot von Rauschmitteln, erwiesen. Nebenbei: Auch heute noch ist das Rauschmittel Alkohol das grössere Gesundheitsproblem in der Schweiz als Koks: Etwa drei mal mehr Menschen sind alkoholabhängig als abhängig von harten Drogen. Harte Drogen – sie gelten als hart, weil sie illegal sind – werden im öffentlichen Raum im Kreis 4 spät zum Problem. Offene Szenen bilden sich in Zürich zuerst am See, an der Riviera, am Hirschenplatz. Noch in den 1970er-Jahren ist im Kreis 4 Alkohol das Problem Nummer 1: Berühmt, berüchtigt und bis heute auch ein bisschen nostalgisch verharmlost, mit Wehmut erinnern sich noch einige an die romantische ‹Räuberhöhle› oder die alte Schönau, wo 1100 Hektoliter Bier pro Jahr ausgeschenkt wurden. Heroin wird bei uns erst im Zusammenhang mit der Schliessung von Platzspitz (1992) und vor allem am Letten (1995) zum Thema. Nach den Kata­strophen Platzspitz und Letten erarbeitet Zürich das weltweit beachtete Erfolgsmodell der Vier-Säulen-Strategie: Prävention, Therapie, Schadensminderung, Repression. Für die Kreis 4-Bewohner:innen besonders wichtig: Die Schadensminderung. Der erste Ort in der Schweiz, wahrscheinlich weltweit, wo Heroin legal und ärztlich kontrolliert abgegeben wird, ist das 1992 im Kreis 4 an der Sihlhallenstrasse eröffnete «Zokl» (Zürcher Opiatkonsum Lokal), der wichtigste Initiant: der Arzt André Seidenberg, einst Quartierbewohner. 

Kontakt- und Anlaufstellen

Ganz wichtig werden später die von der Stadt eingerichteten K+A mit Konsumraum, im Voraus fürchteten viele Bürger, jetzt gehe erst recht die Hölle los. Ein erster Versuchsbetrieb mit einem «Fixerstübli» wird privat organisiert: Koni Frei beschafft die Infrastruktur, die Leiterin des SRK Zürich, Barbara Ludwig ist für die medizinische Qualität zuständig, Pfarrer Sieber für die Seele und die Spenden und ich vom Arbeiterhilfswerk für die Organisation. Was wir gemacht haben war illegal, aber von den Stadträten, die wir eingeweiht hatten, wohlwollend geduldet. Die guten Erfahrungen haben geholfen, dass kurz darauf die ersten offiziellen städtischen K+A mit Konsumräumen aufmachten. 

Aber: Bis die K+A auch bei den Drogenkonsumierenden mehrheitlich akzeptiert worden sind, haben sich in den späteren 1990er-Jahren Konsum und Deal auch in den Kreis 4 verlagert. Die Situation in und um die Bäcki wurde schwierig, viel gravierender als heute. Trotzdem wurde der Vorschlag einer Bäcki-Schliessung von Anwohner:innen strikte abgelehnt. Als Kurzmassnahme wurde ein «Mobiler Polizeiposten» rund um die Uhr eingerichtet, um so den Deal zu den Toleranzzonen um die K+A zu verschieben. Bis heute ist das Zu- und Auf- von K+As in der Bäcki und im Umfeld sofort spürbar. Interessant: immer in sehr eng abgegrenzten, rasch wechselnden Räumen, in der Brauer-, Herbart-, Kernstrasse beim Schulhaus Hohl – kaum je ennet der Stauffacherstrasse. Nach der Schliessung der K+A Kaserne im Herbst 2023 nahmen Deal und Konsum im öffenttlichen Raum sofort spürbar zu, nach Wiedereröffnung 2025 dann auch wieder deutlich ab.

Crack hat gezeigt, die Lage im Quartier hat sich seit den Zeiten der Heroin-Junkies verändert. Die Lehre daraus: Jedes Suchtmittel verlangt bezüglich Massnahmen Anpassungen, Innovationen. Heroin schlafft die Konsumierenden ab, ein Schuss hat relativ lange Wirkung, Crack macht nervös, aggressiv und die Dosis muss rasch wiederholt und erhöht werden. Was wird Fentanyl bringen? Wissen wir noch nicht, aber was wir sicher wissen: Eine suchtfreie Gesellschaft wird es nie geben. Die Wahrnehmung von Konsum und Deal und ihre Auswirkungen sind aber nie nur abhängig vom Suchtmittel und den Konsumierenden, sondern stehen immer auch in einem Zusammenhang mit dem Umfeld: An der Langstrasse vermischen sich Konsum und Deal mit der grössten Partymeile der Schweiz, von Donnerstagabend bis Sonntagmittag wird gefeiert, gelärmt, gelittert, mit und ohne Drogen. Das gibt für die Anwohner:innen eine belastende Gesamtsituation, die aber nur am Rande mit Drogen und Drogenpolitik zu tun hat. Junge Asylbewerber und andere marginalisierte Menschen leben in prekären Wohnverhältnissen, oft ohne Tagesstrukturen. Für sie ist die Bäcki ein wichtiger Aufenthaltsort – und das soll sie für sie auch weiterhin bleiben. Aber die Nähe von Deal und Konsum mit ihrem Lebensraum Bäcki ist für diese Menschen besonders heikel. Da braucht es dringend Ideen im Bereich niederschwellige Integration.

Bevölkerungswandel

Nicht zuletzt spielt die zeitgeistige Sensibilität der Bevölkerung eine Rolle: Die historisch  hohe Toleranz im Kreis 4 hatte damit zu tun, dass der Kreis 4 damals ein Migrations- und Unterschichtsquartier war. Ab Mitte 1970 sind die toleranten 68er und 80er eingezogen, Kreative, Alternative, Rebellische und einige auch mit Hipsterallüre. In den letzten ca. 5 bis 8 Jahren nehmen jetzt Wohnungen für 3000 bis 6000 Fr./Monat immer rascher zu. Es ist zu erwarten, dass Zuzüger:innen in diese bisher kaum bekannten Mietkategorien andere Forderungen ans Umfeld stellen werden. Die bisher im Kreis 4 verbreitete Grundhaltung von Toleranz und Solidarität mit Marginalisierten könnte sich markant ändern. Umso wichtiger, dass wir Ängste und Sorgen und unsere Ideen, was zu machen wäre, untereinander und mit Behörden austauschen. Wir sind zwar keine autonome Republik, aber mitverantwortliche Bürger:innen unseres Stadtkreises. 

Wenn ich an die Medienberichte vom letzten Sommer über die Bäcki denke, erlaube ich mir als alter Mann, der seit 50 Jahren an der Bäcki wohnt und Platzspitz und Letten miterlebt hat, eine persönliche Feststellung: Wer heute die Bäcki mit dem Platzspitz vergleicht, vergleicht einen Velounfall mit einem Flugzeugabsturz. Beides verlangt nach Überlegungen zur Unfallverhütung – aber die Dimensionen liegen Welten auseinander.

Quartierdiskussion zur Drogenpolitik im Kreis 4

Am letzten Montag fand im Kernschulhaus eine von 180 Quartierbewohner:innen besuchte Veranstaltung unter dem Titel «Drogenpolitik im Kreis 4» statt. Der Quartierverein Kreis 4 und die Anwohner:innengruppe Anker haben dazu eingeladen. Auf dem Podium standen Stadträtin Karin Rykart, Stadtrat Raphael Golta, Schulpräsidentin Kathrin Wüthrich und Zuständige aus der Stadtverwaltung Red und Antwort.

Zu erwarten wäre eigentlich, dass sich mit dem Thema Drogenpolitik zu Beginn des anstehenden Wahlkampfes nicht gut punkten lässt. Es ist den beiden Stadtratsvertreter/innen anzurechnen, dass sie den Weg in den medial seit Monaten mit Drogenproblemen identifizierten Kreis 4 nicht gescheut haben. Was aber wohl in kaum einem andern Stadtquartier zu diesem Thema zu erwarten wäre: Die von Attilio Stoppa elegant moderierte Diskussion blieb den ganzen Abend ohne Gehässigkeiten, getragen von viel Verständnis und einem Korb von Ideen und Anregungen. 

Ein gut gemischtes Publikum
Im Publikum sassen Junge und Alte, lang Ansässige und neu Zugezogene, Quartierbeizer, Eltern und Grosseltern, Spielplatzexperten, Gewerbetreibende, Politikprofessorinnen, ehemalige Taschenhersteller und sogar Transhumanisten, ein vielfältiger Querschnitt der Quartierbevölkerung. Die Voten, Anliegen und Fragen haben gezeigt, dass sich die Anwohnenden konstruktiv in die Probleme ihres Quartiers einbringen wollen. Wo sonst in der Stadt wird geklatscht, wenn im Quartier eine K+A (wieder)eröffnet wird? Wo wird – mit Applaus – gefordert, von «Menschen» und nicht von «Konsumierenden» zu sprechen? Aber auch die Besorgnis zur aktuellen Situation und Erwartungen an die Rahmenbedingungen im Hinblick auf die warme Jahreszeit kamen deutlich zur Sprache. Insbesondere war dies bei den Eltern der Kinder der Schule Aussersihl spürbar. Karin Rykart und Raphael Golta schilderten, wie das seit einiger Zeit anwachsende riesige Kokainangebot europaweit die Städte vor Probleme stellt. Die für Sicherheit, Soziales und Gesundheit zuständigen Departemente stellen sich dieser Herausforderung auf Basis der Weiterentwicklung der seit den 1990er-Jahren erprobten und international beachteten Viersäulenstrategie (siehe Artikel nebenan). Sollte die Situation im Frühjahr wieder eskalieren, wird die Stadtpolizei die betroffenen Quartierräume als «Brennpunkte» mit erhöhtem Ressourcenanteil kontrollieren, versprach Rykart, koordiniert mit der Einsatzgruppe SIP des Sozialdepartements. Golta kündigte an, im Wissen um die beschränkten Wirkungen von Repression werde das K+A-Angebot weiter ausgebaut: Mit einer vierten K+A und einer speziellen Einrichtung für Konsum und Triage für auswärtige Konsumierende. Dabei erweise sich die Standortsuche in der Stadt als knifflig (nicht überall sind die K+A so hoch im Kurs wie im Kreis 4). Zugunsten der Qualität des Lebensraums in und um die Bäckeranlage sollen Aktivitäten für Kinder und Familien gefördert werden.

Anliegen und Lösungsansätze
Die Antworten der Podiumsgäste auf die Fragen, wohin sich die Anwohnenden mit Anliegen im Zusammenhang mit der Drogensituation wenden sollen, sind «vielfältig» und entsprechend eher unklar: Polizei, SIP, Quartierverein, Schulpräsidentin? Die Kommunikationswege zwischen den zuständigen Amts- und Anlaufstellen und der Bevölkerung stellen ein wichtiges Thema dar. Aus den Ausführungen der BehördenvertreterInnen bleibt auch noch offen, wie die Stadt ein Sensorium für die Entwicklung der Situation im Quartier aufbauen wird. Eine sogenannte Fokusgruppe Bäckeranlage mit Beteiligung aus dem Quartier soll demnächst starten. 
Mehrere Voten kreisten um die Frage: Wie kriegen wir wieder mehr Kinder und Familien in die Bäckeranlage? Wieder einmal tauchte die Idee vom «Park-Ranger» auf, der zum respektvollen Zusammenleben im Park mithelfen könnte. Das Bistro Brot wurde als Chance erwähnt; der anwesende Bistro-Vertreter André Kofmehl berichtete von seinen Plänen für einen Verein «ChezBäcki», der in Kooperation mit Schulen und Quartiergruppen zur Bäcki-Belebung beitragen will. Kritisiert wurden die dürftigen Spielgeräte aus den 1980er-Jahren; leider verhindere der strenge Denkmalschutz einen attraktiven Kinderspielplatz, bedauerte Kreischef Claude Gremau. Ein solcher liesse sich aber problemlos auf dem angrenzenden Parkplatz verwirklichen, wurde eingewendet, man müsste nur, wie seit dreissig Jahren gefordert, die Parkplätze aufheben (Applaus).
 
Fazit
Ein gelungener Anlass, der den Willen der Bevölkerung gezeigt hat, ihre Fragen und Anliegen zu den Problemen im Quartier differenziert und konstruktiv zu diskutieren und zu Lösungen beizutragen – und Behörden, die dazu Hand bieten. Es gilt nun, die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen, damit etwas Gemeinsames und Integratives gestaltet werden kann.
(Text: Tom Schneider und Hannes Lindenmeyer)