- Winterthur
Zürich wird zum Stadtteil Winterthurs
Was sind schon 12 Minuten Fahrtzeit im ÖV? Eigentlich nichts, und dass Abfahrts- und Zielort zwei Städte sein sollen, wird kaum wahrgenommen: Winterthur und Zürich werden in Zukunft noch enger miteinander verknüpft und vor allem Winterthur wird nüchtern betrachtet immer mehr zu einem Teil Zürichs. Oder umgekehrt. Dafür sorgen wird der sogenannte ‹Brüttener Tunnel› zwischen Winterthur-Töss und Bassersdorf. Bei den SBB läuft das Projekt unter dem Titel «Mehrspur Winterthur Zürich». Kosten wird das Projekt wohl rund 4 Milliarden Franken, dieser Tage war Baubeginn und die Inbetriebnahme ist für 2027 geplant.
Bereits 40 Jahre Planung… oder doch eher über 150?
Ganz neu ist die Idee nicht. Bereits seit über 40 Jahren kursiert die Idee eines solchen Tunnels, um den Engpass des Schienenverkehrs bei Effretikon zu entlasten. Dort verkehren auf der Doppelspur heute rund 670 Züge pro Tag. Die Strecke zwischen Winterthur und Effretikon ist das Tor zur Ostschweiz. Wie ein Bypass am Herz soll dieser Engpass des ÖV nun mit dem neuen Tunnel entlastet werden, sodass in Zukunft bis zu 900 Züge verkehren können, wie Bruno Studer, Gesamtprojektleiter vor den Medien festhielt. Bereits um 1880 war dies ein Engpass des Bahnverkehrs. Die Schweizerische Nationalbahn (SNB) wollte ein drittes Gleis bauen, um die Kapazitäten zu erhöhen – und den Verkehr in die Westschweiz an Zürich vorbeiführen. Das Unterfangen scheiterte, die Bahn – zu einem grossen Teil im Besitz der Stadt Winterthur – ging Konkurs, und wurde von der Nordost-Bahn übernommen. Die bereits fertiggestellten Teile des dritten Gleises wurden zurückgebaut, und noch heute sind im Gelände mit geschärftem Blick einzelne Zeugen des damals geplanten Bauwerks zu erkennen.
Dann, rund hundert Jahre später, wurden nach 1980 die Planungen für eine Entlastung der Strecke wieder aufgenommen. Epische Diskussionen zwischen Befürworter:innen eines Tunnels oder einem Ausbau der bestehenden Strecke wurden geführt. 1987 kam der Durchbruch für den Tunnel: Er wurde in das Projekt Bahn 2000 der SBB aufgenommen und sollte bis Ende des Jahrtausends verwirklicht werden. Geplante Kosten: rund eine Milliarde. 1992 erfolgte die Baubewilligung und bei Töss wurden erste Vorarbeiten in Angriff genommen. 1993 wurden die Bauarbeiten überraschend gestoppt. Der Bundesrat beschloss zu sparen, Bahn 2000 wurde redimensioniert, der Brüttener Tunnel wurde «auf unbestimmte Zeit» verschoben. Es dauerte fast 20 Jahre, bis das Projekt wieder aufgenommen wurde. Es wird nun deutlich mehr kosten…

Widerstand in Winterthur-Töss
Das nun gestartete Projekt ist in verschiedene Teilprojekte aufgeteilt. Neben dem eigentlichen Tunnel werden auch die Bahnhöfe Wallisellen, Bassersdorf, Dietlikon und Winterthur-Töss ausgebaut. Bei Winterthur-Töss und Bassersdorf entstehen zwei «Überwerfungen», die ein kreuzungsfreies Einspuren in die bestehenden Linien ermöglichen. Beim Bahnhof Töss wird zudem für die Linie von Bülach nach Winterthur ein Tunnel unter dem bestehenden Gleisfeld durchgeführt – dies vor allem im Hinblick auf die erwartete Erhöhung des Güterverkehrs auf dieser Linie.
Insbesondere die Überwerfung bei Winterthur-Töss war lange umstritten. Die gigantische, 800 Meter lange Brücke sollte mitten im Wohnquartier beginnen. Nun ist sie weiter südlich geplant. Auch hier meldeten sich die verschiedensten ‹Experten› zu Wort, eine beinahe unversöhnliche Auseinandersetzung um die Notwendigkeit und die Platzierung der Überwerfung wurde geführt. Aber auch weitere Punkte wie etwa der Baustellenverkehr, eine Baumfällaktion, die Sperrung einer Brücke während Jahren, der Zugang zum Naherholungsgebiet oder der Artenschutz führten zu vielen Einwendungen in Winterthur-Töss. Die kampfgeübte Töss-Lobby, ein Zusammenschluss der Vereine in Töss – liess nicht locker und so gaben die SBB in mehreren Punkten schliesslich nach. Allerdings wird es nun in den kommenden Jahren darum gehen, die getroffenen Vereinbarungen zu kontrollieren. Dazu wurde in Töss eigens ein Begleitgremium bestehend aus Vertreter:innen der Stadt Winterthur, der Tösslobby und den SBB gebildet. Der Stadtteil wird nun während rund zehn Jahren stark unter den Immissionen der Bauarbeiten zu leiden haben. Auf der südlichen Seite des Tunnels werden diese deutlich weniger Menschen betreffen, da sie dort grossenteils auf freiem Feld erfolgen.
2037 sollen die Bauarbeiten abgeschlossen sein. Der neue Tunnel wird nicht nur die Ostschweiz besser mit der Westschweiz anbinden, sondern auch die Kapazitäten im Zürcher Verkehrsverbund generell deutlich erhöhen, sodass in seinem Einzugsgebiet dann weitgehend ein durchgehender Viertelstundentakt eingeführt werden kann.