Züri brännt (nonig)

Fast immer, wenn ich meine Verwandten in Sizilien besuche, ist Hochsommer. Das Hauptgesprächsthema an den Mittag- und Abendessen ist deshalb immer dasselbe: die Brände. Dieses Mal ist das Feuer bis ins Dorf gekommen. Es sei kaum kontrollierbar gewesen – so das Narrativ in einem Örtchen, in dem gefühlt die Hälfte aller Männer in der Forstwirtschaft oder bei der Feuerwehr arbeiten. Feuer macht sich hier nicht nur mittels Rauch am gegenüberliegenden Berghang bemerkbar, sondern auch durch Bewegung in einem sonst eher verschlafenen Ort. Immer wieder strömen plötzlich Menschen aus den Häusern und rasen in den alten Fiats mit 70 Sachen eine Strasse hi­nunter, die eigentlich eine 30er-Zone wäre.

Noch während mehreren Tagen riecht die Luft durchgehend seltsam, als würde man ein T-Shirt tragen, mit dem man am Vorabend während zwei Stunden vor einer Feuerstelle gesessen hätte. Die Wäsche auf der Wäscheleine auf dem Balkon ist voller Asche. Auch auf den parkierten Autos sieht man die Partikel als weisse Punkte auf dem Staub, der alles gelb einhüllt und die Trockenheit noch stärker wirken lässt. Auch die Sicht ist seltsam getrübt. Ein Feuer ist, auch nachdem es gelöscht wurde, noch nicht ausgestanden. Jeden Tag hört man die Löschflugzeuge und -helikopter, wie sie zum Wasserreservoir fliegen, dessen Reserven fast aufgebraucht sind, und manchmal sieht man Rauch hoch oben am Berg, wo es noch ein wenig Grün zu verbrennen gibt oder wo man sich fragt, was denn da überhaupt noch brennen kann. Aber bei 48°, wie in den Tagen zuvor 20 Minuten entfernt gemessen wurde, braucht es nicht viel. Und weil es Nadelwälder sind – bestehend aus eigentlich invasiven Bäumen, die einst unter Mussolini als Arbeitsbeschaffungsmassnahme gepflanzt worden seien –, die das Feuer speisen, reicht eine kleine Flamme, um ein ganzes Gebiet lichterloh zu entzünden.

Ich kann mich erinnern, wie die Aussicht über das Tal noch vor 15 Jahren aussah. Karge Bergspitzen ragten aus jenen dichten Nadelwäldern heraus, die heute allesamt abgebrannt sind, und wenn sie es nicht sind, ist es nur eine Frage der Zeit. Wieso Sizilien jedes Jahr brennt, ist eine Frage, für die schon mehrere zu neugierige Menschen ihr Leben lassen mussten. Eine konkrete, stringente Begründung, weshalb es brennt, habe ich noch nie erhalten. Dass spröde Vegetation, die während einem Sommer eine Handvoll mal Regen sieht, sich leicht entzündet, ist logisch. Klar ist aber auch, dass Brandstiftung existiert. In der Regel ist ein abgebrannter Wald hier jahrelang einfach eine Narbe im Gelände. Aber wenn ein Wald abbrennt, können beispielsweise auch Bauprojekte für etwas abgelegene Luxusvillen beschleunigt werden – allerdings sind die erwarteten Baustellen an den Orten, wo einst mal eine Forstzone war, eher rar. Und auch die Superreichen meiden das Land und ankern ihre obszön grossen Yachten lieber vor der Küste. Es spielt für die meisten Menschen vor Ort aber auch keine grosse Rolle, wieso es brennt. Auch über die menschlichen Todesfälle, die die Hitzewellen zur Folge haben, spricht hier schon gar niemand mehr wirklich. Relevant ist, dass es jedes Jahr schlimmere Ausmasse annimmt und dass mit abgebrannten Wäldern eine wichtige Ressource der vom italienischen Staat infrastrukturell und wirtschaftlich vernachlässigten Insel von natürlichen und unnatürlichen Bränden dezimiert wird. Das dezimiert wiederum eine andere knappe Ressource: Süsswasser. Das geschieht in einem Gebiet, in dem die Verfügbarkeit von Süsswasser im Überschuss ohnehin nicht gewohnt ist. Die Leute vor Ort versuchen sich zu arrangieren, mit möglichst wenig Wasser auskommenden Gemüsesorten, mit Permakultur-Systemen in den Gärten. Dennoch: Für die Menschen, sind es dramatische Veränderungen. Die neuen klimatischen Realitäten bringen eigentlich verlässliche Kreisläufe aus dem Gleichgewicht. Das ist kein lokales oder regionales Problem, gerade wenn wie dieses Jahr die Wetterereignisse auf Verschiebungen in den globalen Wettersystemen zurückgeführt werden können.

Auch zurück in Zürich sieht man die Auswirkungen der Dürreperiode. Martin Neukom hat die Thematik am Montag im Kantonsrat in einer persönlichen Erklärung angeschnitten. Ein Teil der Reppisch ist beispielsweise ausgetrocknet, was er besonders bedauerte, weil sich dort der Fischbestand extrem gut entwickelt hatte. Im Hitzesommer 2018 wurden solche Fische noch abgefischt, um sie anderswo unterzubringen, dieses Jahr hat sich der Kanton auch mangels verfügbaren Unterbringungsorten diese Mühe nicht machen können. Politischen Bemühungen um ökologische Verbesserungen machen solche Wetterereignisse offensichtlich einen Strich durch die Rechnung.

In grösseren Flüssen werden derweil Wasserstand-Negativrekorde gemessen. Das führte auch dazu, dass das AKW Beznau einen Reaktor abstellen und den andern drosseln musste, weil die Kühlleistung des Flusses wegen der hohen Wassertemperatur nicht ausreichend war. Tiefe Wasserstände sind auch insofern besorgniserregend, dass die Flüsse hierzulande zumindest noch während ein paar Jahren zu einem bedeutenden Teil durch Süsswasser aus Gletschern gespiesen werden. Das wohl nicht mehr verhinderbare Verschwinden der Gletscher wird die Situation verschlimmern. Gleichzeitig pushen marktliberale Kräfte ein Narrativ des Forschritts, das eigentlich nur die Renaissance des AKW meint, legitimiert durch den Energiebedarf von Rechenzentren. Also zwei Technologien, die auf wenig mehr angewiesen sind wie auf süsswasserbasierte Kühlsysteme.

Unabhängig davon, mit welchen technologischen Neuerungen diese Grundlage relativiert wird, ob mit Closed-Loop-Kühlsystemen in Rechenzentren oder damit, dass moderne AKW Kühltürme haben und nicht einen Fluss zur Kühlung anzapfen müssen – es ist eine Farce im Grundsatz. Insbesondere, weil solche Entlastungen für das Umland von AKW oder Rechenzen­tren nur dort gebaut werden, wo es das Gesetz verlangt, wo es politische Entscheidungsträger:innen im globalen Norden interessiert.

Aber es ist nicht nur die Infrastruktur: Hitzewellen können für Menschen tödlich sein. In der Schweiz wird darüber weniger genau Buch geführt, als es beispielsweise in Deutschland der Fall ist. Dort schätzte das Robert-Koch-Institut, dass während dieser Hitzerwelle rund 14 000 Menschen einen hitzebedingten Tod gestorben sind. Auch in der Schweiz dokumentiert das Bundesamt für Statistik eine Übersterblichkeit, es dürften mehrere Hundert Todesfälle darauf zurückgeführt werden können. Wenige Naturereignisse haben 14 000 Tote zur Folge, was die eher spärliche Berichterstattung dazu umso absurder macht.

Dass die Folgen der Klimakrise zudem ungleich sind, je nach dem wo man sich befindet, ist kein Geheimnis. In der Schweiz kann man sich mehr ökologische Degradierung leisten als anderswo. Die Akteure, die die Degradierung sowohl im globalen Süden wie auch in den gemässigten Breitengraden des Nordens der Erde befeuern, sind aber grösstenteils die gleichen oder spielen zumindest für dasselbe Team. Es ist eine Rechnung, die nicht aufgehen kann, wenn noch nicht einmal die Evakuierung von hunderttausenden Menschen bei grossflächigen Bränden in Spanien und Frankreich ein Warnsignal zu sein scheinen. Aber ich bezweifle auch, dass es eines wäre, wenns an zehn Orten am Üetliberghang lodert und raucht.