Z’Örlike gits alles

Es gibt Regeln, zum Beispiel: «A tote Sau sollst net prügeln.» Und es gibt Ausnahmen, zum Beispiel: Emil G. Bührle.

Was da letzthin im Zürcher Gemeinderat abgegangen ist, und zwar von allen Seiten, lässt mich komplett ratlos zurück. Anlass war ein Vorstoss der Grünen, der ein Denkmal vor dem künftigen Erweiterungsbau des Kunsthauses forderte. Ein Mahnmal, welches die BesucherInnen der Bilder aus dem Nachlass Bührles daran erinnern soll, woher die Gelder stammen, welche diese ach so tolle Kunst ermöglichen: nämlich aus dem Waffengeschäft, teilweise unter Einsatz von KZ-ArbeiterInnen. Der Vorschlag umfasste die konkrete Idee, eine Flabkanone, ein so genanntes Oerlikon-Geschütz, zu verwenden.

Ich kann mich eigenartigerweise noch sehr klar erinnern: Als Jugendlicher las ich eifrig allerlei über den Zweiten Weltkrieg, auch Dokumentarisches. Immer wieder stiess ich dabei auf Oerlikon-Geschütze, auf Schiffen oder zu Land, und es kam mir schon damals komisch vor, dass die genau gleich hiessen wie ein Quartier in Zürich. Erst Jahre später erfuhr ich, dass dies kein Zufall war. Die Tatsache, dass alle Kriegsparteien solche Geschütze eingesetzt haben, dürfte so viel zum guten Ruf der Stadt beigetragen haben wie die Gnomen von der Bahnhofstrasse, die so ungefähr in jedem zweiten Krimi auf der Welt erwähnt werden.

Die Wellen im Ratssaal schlugen hoch, und die Postulantin wie der Postulant wurden kräftig abgewatscht und beschimpft. Sogar die Stadtpräsidentin lehnte sich weit zum Fenster hinaus und verurteilte den Vorstoss mit Worten, die ich mir hier nicht getraue wiederzugeben. Auch bei uns Grünen war die Sache kontrovers. Ob das nicht Täterverherrlichung sei, wurde moniert. Wo die Opfer bleiben, wurde gefragt. Aber halten wir fest: Wer künftig in den Erweiterungsbau des Kunsthauses geht, wird sich kaum die Frage stellen, woher denn die Stadt Zürich diese Bilder hat. Es sind nicht nur die Jungen, deren historisches Gedächtnis nachlässt. Dass auch der FDP-Fraktionschef einmal mehr den Mythos von der schicksalhaft glücklichen Unversehrtheit der Schweiz in den Weltkriegen vortrug, ist zum in den Tisch Beissen. Die historische Debatte ist definitiv weiter. Sogar ich, der ich beinahe sein Vater sein könnte, weiss mehr darüber. Aber genauso wird es auch mit den KunstliebhaberInnen sein. Sie werden ins Museum gehen, sie werden staunen und denken: Toll, hat diese Stadt diese Bilder. Woher, werden sie nicht wissen und wohl auch nicht wissen wollen. Und das, meine Lieben, das ist dann wirklich die definitive Verhöhnung der Opfer. Es ist das Vergessen, das ein Opfer definitiv sterben lässt, nicht das Denk-Mal zur Erinnerung und Mahnung.

Provenienzforschung schön und gut: Wer den Krieg als Markt benutzt und die Gewinne mit Kunstwerken weisswäscht, ist ethisch komplett in der Defensive. Da kann man noch so sehr in den Gegenangriff und darauf verweisen, dass unsere Generation nicht auf dem hohen Ross sitzen solle. Ich bin mir nur zu bewusst, dass meine Kinder und Kindeskinder einmal (und sehr zurecht) fragen werden, was wir denn gegen die Balkankriege, nur wenige hundert Kilometer vor unserer Haustür, unternommen hätten, oder wie wir mit den Flüchtlingen der Syrienkrise – «weisch, damals, 2016» – umgegangen seien. Und nein, ich werde nicht stolz darauf verweisen, dass unsere Willkommenskultur aus ein paar Holzhütten in der Messehalle 9 bestanden habe, und auch nicht darauf, dass Gott die Schweiz vor den Flüchtlingen verschont und die Europäer dafür doppelt bestraft habe.

Jede Generation hat ihre Fragen zu ver- und beantworten. Aber man wird doch wohl noch nach einem Denkmal verlangen dürfen, wenn es denn für einisch einmal eines bräuchte. – Nun, das Postulat wurde abgelehnt, der Kopf darf im Sand stecken bleiben. Möge der böse Löwe der Geschichte uns dabei nicht in den Hintern beissen!

 

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