Zeichen und Zeitgeist

Die Stadtpräsidentin hat eine heisse Kartoffel angefasst. Und ist bis anhin auf erstaunlich wenig Widerstand gestossen. Vielleicht hat man in der Redaktion an der Falkenstrasse zu fest den Blick in die USA gerichtet, um zu merken, was hier geschieht. Sie liess letzte Woche mitteilen, dass der Stadtrat beschlossen hat, koloniale und rassistische Zeichen im Stadtraum zu entfernen oder zu kontextualisieren. Konkret sollen jetzt drei Hausinschriften im Niederdorf entfernt werden: Die Inschrift «Zum Mohrenkopf» beim Neumarkt 13, die Plakette «Zum kleinen Mohrenkopf» an der Predigergasse 15 und die Inschrift «Mohrentanz» an der Niederdorfstrasse 29. Nicht entfernt, aber kontextualisiert werden soll die Malerei in der Aula des Hirschen­grabens mit dem Völkerschaumotiv. Beim Wandbild eines Mohren am Neumarkt 22 soll der Kontakt mit dem Besitzer oder der Besitzerin aufgenommen werden für eine allfällige Entfernung des Bilds. Es handelt sich dabei um eine Werbung für eine Bäckerei mit der Abbildung eines «kleinen Mohren». Diese Abbildung ist aber im Gegensatz zu den Hausnamen nicht mittelalterlich, sondern wird auf die Zeit zwischen 1905 und 1955 datiert. Die Überprüfung wurde angestossen durch das «Kollektiv Vo Da», das sich bei der Stadt über rassistische Hausnamen und Symbole beschwert hat.

 

Die meisten mögen sich ja an die Kontroverse rund um den «Mohrenkopf» erinnern, als die Migros beschloss, diese aus dem Sortiment zu nehmen. Ich ärgerte mich zu Beginn ein wenig über die Diskussion, sie schien mir ein Nebengleis und zu fest eine Einladung zur Empörung für die SVP. Bald wurde mir aber klar, dass ich falsch liege. Zum einen, weil ich nicht schwarz bin und diese Rassismuserfahrung nicht habe. Zum zweiten aber vor allem auch, weil es offenbar recht viele Leute gibt, für die es ein Menschenrecht zu sein scheint, ein Wort zu gebrauchen, von dem sie wissen, dass es verletzend ist, und dies auch in voller Absicht zelebrieren. Im Übrigen geht die Welt nicht unter, wenn sie sich verändert. So ist das «Fräulein» sowohl aus der Gesellschaft wie auch aus dem letzten Refugium der Beiz verschwunden und wird von niemandem vermisst.

 

Wenn es um Geschichte und Literatur geht hingegen ist der Fall aber ein wenig komplexer. Hier scheint mir Kontextualisierung oft sinnvoller als eine blosse Entfernung. Denn Rassismus und Kolonialisierung ist ein Teil unserer Geschichte und teilweise auch unserer Gegenwart. Um dies zu überwinden, müssen wir das Problem erst verstehen. Dazu gehört auch die Geschichte. Zudem sind Bauten und Werke oft in einer Zeit entstanden, die andere Massstäbe hatte. Der Umkehrschluss ist aber nicht gültig: Nicht alles, was daneben ist, muss auch behalten werden. Wie David Eugster auf swissinfo.ch schreibt, wimmelt es in der Kinderliteratur in den 1950er-Jahren von Globi über Kasperli von Schwarzen, die nicht so schlau waren und komisch redeten: «Und die nationale Märchentante Trudi Gerster erzählte vom jungen Afrikaner Wumbo-Wumbo unter dem Titel ‹Vom dumme Negerli›.» Später wurde sie unter Murren dazu gebracht, den Satz beizufügen: «Nicht dass ihr glaubt, dass alle Neger-Kinder dumm sind. Manche werden sogar Professor.» Dass diese Geschichten nicht mehr in den Kinderstuben zu finden sind, ist weder verwunderlich noch schade.

 

Schwieriger wird es bei Werken der Weltliteratur. «Huckleberry Finn» von Mark Twain beispielswiese wird in amerikanischen Schulen offenbar nicht mehr gelesen, weil das N-Wort darin sehr oft vorkommt. Dabei war Twain gerade in Bezug auf Schwarze – allerdings nicht gegenüber von Ureinwohnern – für seine Zeit sehr progressiv eingestellt. Würde das kontextualisiert, sei es im Unterricht oder in einem Vorwort oder einer kommentierten Ausgabe, spricht nichts gegen eine Lektüre, im Gegenteil, sie erhält durch den Kontext noch einen zusätzlichen Wert.

 

Im ‹Tages-Anzeiger› schreibt Hélène Arnet über den historischen Hintergrund der Hausbezeichnungen im Niederdorf. Sie befragt darin den Historiker Martin Illi über die Ursprünge im 14. und 15. Jahrhundert. Der Historiker ist überzeugt, dass sie keinen rassistischen Bezug hatten. Die Menschen seien eher von dieser fernen Welt fasziniert gewesen. Die «Mohren» gingen auf die Mauren zurück, die in Nordafrika, aber auch in Spanien lebten. Möglicherweise sind die Hausbezeichnungen auf das Rittergeschlecht Mandach zurückzuführen, das einen Mohren im Wappen führte. Dies führt man entweder auf den heiligen Mauritius zurück oder als Symbol dafür, dass die Familie an den Kreuzzügen teilgenommen hatte. Der aus Ägypten stammende Mauritius war ein römischer Oberbefehlshaber, der als Märtyrer gestorben ist. Seit dem 13. Jahrhundert wurde er als Schwarzer dargestellt.  

 

Ganz harmlos oder rein positiv war die Darstellung des Mohrens aber auch in der vorkolonialen Zeit nicht. Der Historiker Daniel Allemann schreibt beispielsweise im ‹Blick›: «Wenn wir heute auf den ‹schwarzen Mohren› aus dem Mittelalter verweisen, sollten wir deshalb immer bedenken: Der heilige Mauritius mit dunkler Haut war nie ein ‹neutrales›, unpolitisches Symbol – auch damals nicht.» Der heilige Mauritius war ein Verweis auf eine imperiale Vorstellung des heiligen Römischen Reichs, das bis in die entlegensten Ecken geht. Und in der späteren Darstellung – auch beim Mandach-Mohren – ist der «Mohr» eben gerade kein römischer Feldherr oder Heiliger, sondern ein stereotypisierter Afrikaner. 

 

Der klassische Rassismus aus den kolonialen Zeiten ist heute weitgehend überwunden. Aber Rassismus gibt es selbstverständlich noch, auch wenn wir nicht mehr an Menschenrassen glauben. Er wird heute einfach nicht mehr biologisch begründet, sondern kulturell, wie es Christian Geulen in seiner «Geschichte des Rassismus» schreibt: «Bei der Bestimmung dessen aber, was es zu schützen, zu verbessern und zu verteidigen gilt, steht nicht mehr die Rasse im Vordergrund, sondern die Kultur, die Gesellschaft, die Nation oder schlicht die eigene Lebensweise.» Beim Rassismus geht es laut Geulen nicht nur um die Herabsetzung anderer, sondern immer auch um eine Form der «Welterklärung». In diesem Sinne, so schliesst er, «beginnt Rassismus dort, wo Menschen der Ansicht sind, dass die Bekämpfung bestimmter Gruppen anderer Menschen die Welt besser mache.» 

 

Die Frage ist also nicht, ob wir einen Hausnamen entfernen oder mit einer Plakette erklären, sondern wie wir erklären, dass die Welt durch Herabsetzung anderer nicht besser wird. Die Diskussion darüber ist sicher ein erster Schritt. 

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