(Bild: Niklaus Spoerri)

Zehnkampf

Für Kindergeburtstage wie für Künstler:innen sind die Anforderungen exponentiell gestiegen, ihr Angebot ausreichend anzureichern.

Hüpfburg, Zauberer, intoleranzengerechte Verköstigung, eins-zu-eins Betreuung und ein farblich zum Motto assortiertes Giveaway. Dem Vernehmen nach sind ehedem simple Geburtstagsfeiern heute ausgewachsene Materialschlachten. Auf einem vergleichbaren Wettbewerbsgedanken fusst bekanntlich auch das neue Förderkonzept für Tanz und Theater der Stadt Zürich, weshalb es nur eine Frage der Zeit war, dass sich jemand fokussiert mit dieser Kernidee befasst und sie erwartungsgemäss umsetzt. Dass dies ausgerechnet ein sogenannt alter weisser Mann sein würde, konnte unmöglich jemand voraussehen. Man stelle sich also vor, es wäre so, dass eine schlagende Idee, ihre kunstfertige Umsetzung, ihre hintersinnige Vielschichtigkeit und ihre dramaturgische Stringenz nicht mehr für eine Förderung genügend angesehen würde. Was denn dann? Phil Hayes ist während seiner akribischen Suche nach einer Antwort auf die grösstmögliche Wahrscheinlichkeit gestossen. Das vorläufige Endergebnis einer sich in vielerlei Hinsicht als Totschlagargument entpuppenden Kopfgeburt lautet: Bespassung im Überfluss! Während «Desperate Measures» befindet sich Phil Hayes zeitgleich als Livemusiker auf einer Konzertbühne, im Vortragsmodus auf einer Klimakonferenz, als übersinnliches Medium auf einer Verheissungsmesse, als Stepptänzer in einer Times Square-Show, als abgehalfterter C-Promi im Dschungelcamp, als sentimental die Vergangenheit als vergangen beklagende alternde Diva in einer Trutzburg, als jedes Verständnis von Diversität über die Spitze hinaus treibende Eierlegende Wollmilchsau mit dem Erscheinungsbild eines Maskottchens auf dem Glatteis, als instagramwürdiges Vorzeigebeispiel für allessparendes Bühnenaufräumen, als sich für die eigene Profession bis zum Herzbluten zu zerreissen bereite performende Person im Out. Oberflächlich betrachtet, entspricht das exakt dem Wesen von Show-Business: Schmerzen weglächeln, Ansprüche herunterschrauben, Publikumserwartungen erfüllen und sich selbst dann noch dankbar erweisen, wenn der Blumenregen zum Applaus so überschaubar ausfällt wie die Gage. Aus einer Vogelperspektive heraus betrachtet, betreibt Phil Hayes hier trefflichst überhöhten satirischen Zehnkampf. Und geht dafür das nicht zu überschätzende Risiko ein, mit Raffinesse ein intellektuelles Mittelmass dermassen über Gebühr herauszufordern, dass es die nachgerade schmerzlichen Spitzen übersieht und es allein für eine für einmal richtig geglückte Unterhaltung hält.

«Desperate Measures», 14.12., Gessnerallee, Zürich.