Wunsch, Widerstand, Wirklichkeit

Um eine faire Verteilung von CareArbeit zu erreichen, bleibt viel zu tun – politisch, wie auch bei den Männern selbst.

 

Markus Theunert und Jean-Daniel Strub*

Die Schweizer Durchschnittsfamilie lebt heute ein «modernisiertes Ernährermodell». Mütter tragen dabei noch immer die Hauptlast der Familienarbeit. Immerhin übernehmen Väter rund halb soviel Familienarbeit wie ihre Partnerinnen. Das ist weit mehr als früher. Und dennoch erst ein Schritt in die richtige Richtung. Um eine faire Verteilung zu erreichen, bleibt viel zu tun – politisch, wie auch bei den Männern selbst. Keine Frage: Es ist ein Gebot der Gerechtigkeit, dass Belastungen und Ressourcen zwischen den Geschlechtern fair, also hälftig, verteilt sind – auch hinsichtlich bezahlter und unbezahlter Arbeit. Der Unterschied ist immernoch gravierend. Was ist zu tun, um die faire Verteilung von Care-Arbeit zu fördern. Um sich Antworten auf diese Frage zu nähern, gilt es genauer zu verstehen, weshalb Männer nicht nur weit weniger Care-Arbeit leisten als Frauen, sondern auch als sie selbst leisten wollen. Eine nüchterne Bestandesaufnahme ergibt dabei ein widersprüchliches Bild: 

 

1. Männer haben ihre Vorstellungen modernisiert. Egalitäre Arbeitsteilung ist auch für sie zum Wunschmodell geworden. So sagen 52 Prozent der Väter in einer deutschen Studie, sie möchten die Hälfte der Familienarbeit übernehmen, während nur 13 Prozent am liebsten wenig bis gar nichts für die Kinderbetreuung tun würden. «Für das heutige Leitbild vom Vatersein ist wesentlich, dass die Figur des ‹abwesenden Ernährers› abgelehnt wird», stellt der MenCare-Report von männer.ch auch für die Schweiz fest. Wunschvorstellung für die meisten sei vielmehr «der engagierte und in der Familie involvierte Vater».

2. Wunsch und Wirklichkeit klaffen massiv auseinander: Von den 52 Prozent der Väter, die gern die Hälfte der Familienarbeit wahrnehmen würden, tun es effektiv nur 18 Prozent. Generell gilt: Unbezahlte Care-Arbeit wird überwiegend von Frauen geleistet. 

3. Männer sind schon etwas weiter, als das Klischee vermuten lassen würde – der Graben wird zumindest kleiner. Beispielsweise betreuen gleich viele Grossväter wie Grossmütter ihre Enkelkinder während mehr als 20 Stunden pro Woche (18 gegenüber 18,9 Prozent). Auch bei Vätern kleiner Kinder zeigt sich seit geraumer Zeit, dass der Wunsch nach mehr Care-Engagement mehr als bloss ein Lippenbekenntnis ist. Ihr wöchentlicher Einsatz für die Familie hat sich zwischen 2010 und 2016 um 3,2 Stunden erhöht (von 29,5 auf 32,7 Stunden pro Woche), während sie ihr Erwerbspensum in der gleichen Zeit um 2,1 Stunden (von 39,7 auf 37,6 Stunden) reduzierten. Aber eben: Mütter kleiner Kinder leisten demgegenüber im Schnitt 13,9 Stunden Erwerbsarbeit und 57,8 Stunden Familienarbeit.

 

Es stimmt also bestenfalls die Richtung. Und es bleibt die Frage, was einem schnelleren Fortschritt im Wege steht. Anzusetzen gilt es auf politischer Ebene – aber auch beim Selbstverständnis der Männer. Noch immer ist Erwerbsarbeit für Männer identitätsstiftend. Arbeiten sie 100 Prozent, fühlen sie sich 100 Prozent wertvoll. Sich von einer einseitigen Erwerbsorientierung abzuwenden, heisst deshalb auch, Identität und Selbstwert, aber auch das, woran ‹Leistung› sich bemisst, neu zu definieren. Auf einer betrieblichen Ebene ist dabei vor allem die Unterstützung der TeamkollegInnen und der direkten Vorgesetzten entscheidend. Wenn ein Arbeitnehmer Vorwürfe zu hören bekommt, dass andere seine Arbeit übernehmen müssen, weil er sich einen Papatag ‹gönnt›, untergräbt das alle Bekenntnisse im Firmenleitbild, wonach man als moderner Arbeitgeber Diversität fördere und Vereinbarkeit grossschreibe. 

Auf gesellschaftlicher Ebene wiede­rum steht eine Normalisierung männlicher Care-Arbeit und väterlichen Engagements an. Väter, die sich um ihre Kinder kümmern, sollten weder hochgelobte Helden noch misstrauisch beäugte Exoten, sondern schlicht und ergreifend unspektakulärer Alltag sein. Dieser Wertewandel ist im Gang. So geben bereits 69 Prozent der Väter an, dass sie für ihre Kinder präsenter sind als ihre Väter das waren – und sehen das als persönlichen Gewinn. 72 Prozent der Bevölkerung teilen diese Einschätzung. All diese persönlichen und gesellschaftlichen Entwicklungsprozesse werden aber nicht zum Ziel gerechter Geschlechterverhältnisse führen, wenn die politischen Rahmenbedingungen nicht stimmen. Diesbezüglich hat die Schweiz weiter Nachholbedarf. Das strukturelle Grundproblem: Die Schweizer Gleichstellungs- und Familienpolitik blendet die Care-Frage aus. Der politische Auftrag wird auf das Erwerbsleben fokussiert. Die Arbeitsteilung zuhause wird zur Privatsache umgedeutet. Dieser ideologiegetriebene Grundlagenirrtum führt dazu, dass die Care-Frage als gleichstellungspolitisches Handlungsfeld überhaupt erst mal auf den Radar der politischen Aufmerksamkeit gesetzt werden muss. Umso betrüblicher, ist im Entwurf für eine «nationale Gleichstellungsstrategie 2030» die Care-Frage nicht einmal erwähnt. Die Aussage «fair heisst 50:50» – wie sie etwa die deutsche Gleichstellungsministerin Franziska Giffey unverblümt tätigt – ist den politisch Verantwortlichen in der Schweiz noch immer fremd. 

Es gilt, den politischen Druck hoch zu halten – auch von männlicher Seite. Länder, die in Sachen Gleichstellung weiter sind, heben sich vor allem durch drei Rahmenbedingungen von der Schweiz ab: 

 

• Sie haben einen attraktiven Vaterschaftsurlaub, der verhindert, dass die Männer gleich nach der Familiengründung in der elterlichen Kompetenzentwicklung abgehängt werden. Oder positiv gesagt: Sie haben einen Vaterschaftsurlaub – oder lieber noch eine Elternzeit –, der gewährleistet, dass Väter jederzeit die volle Verantwortung für die Kinderbetreuung wahrnehmen und dies als Freude und Gewinn erleben können.  

• Sie haben flächendeckende, bezahlbare Strukturen der familienergänzenden Kinderbetreuung. Das Problem in der Schweiz ist die Bezahlbarkeit. Im internationalen Vergleich fressen Kita & Co. bei uns einen so grossen Teil des Einkommens auf, dass familieninterne Betreuung mehr spart, als zusätzliche Erwerbsarbeit einbringt. Damit leistet sich die Schweiz einen klassischen Fehlanreiz, der den gleichstellungspolitischen Verfassungsauftrag sabotiert. 

• Das Gleiche gilt für die Steuergesetzgebung. Die fortschrittlichen Länder haben nämlich drittens ein Steuersystem, das zusätzliche Erwerbsarbeit belohnt statt bestraft. Die Einführung einer Individualbesteuerung würde hier Abhilfe schaffen. 

 

Wenn es um Männer und Care-Arbeit geht, braucht es also zweierlei: Einerseits den unmissverständlichen Appell, dass Männer ihre Hälfte der Care-Verantwortung tragen müssen – und es keine Frage sein kann, ob sie Lust darauf haben oder sich dazu berufen fühlen. Andererseits aber immer wieder neu auch die Einsicht, dass es in einem kapitalistisch-patriarchalen System, das Care-Arbeit systematisch geringschätzt, einiges an (politischen) Anstrengungen braucht, damit dieser Anspruch eingelöst werden kann. 

 

*Gesamtleiter und Präsident Dachverband männer.ch. 

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