«Wohnraum zu schaffen für Dritte ist ein heikles Thema»

Der Journalist und Einfamilienhausbesitzer Stefan Hartmann nimmt sich in seinem ersten Buch «(K)ein Idyll – Das Einfamilienhaus» der Geschichte und vor allem auch der Zukunft des Einfamilienhauses an. Wie er dazu gekommen ist, über das «Hüsli» zu schreiben, und in welche Tiefen ihn das vordergründig banale Thema gebracht hat, erklärt er im Gespräch mit Nicole Soland.

 

In der Einleitung zu Ihrem Buch «(K)ein Idyll – Das Einfamilienhaus. Eine Wohnform in der Sackgasse» halten Sie fest: «Obwohl das Einfamilienhaus ein soziologisch hochinteressantes Thema ist, gibt es kaum Literatur zu seiner Entstehung, seiner Entwicklung und über die Gründe seiner Faszination.» Um das herauszufinden, mussten Sie erst einmal nach solcher Literatur suchen – was hat Sie dazu gebracht?

Stefan Hartmann: In den letzten zehn Jahren habe ich mich beruflich schwerpunktmässig mit Häuserbau und energetischen Sanierungen befasst und hobbymässig mit Industriegeschichte. Im 19. Jahrhundert begannen sich hiesige Fabrikanten, inspiriert von ihren Pendants in England, für eine bessere Unterbringung ihrer ArbeiterInnen zu interessieren. Das kam übrigens bei der Kirche gut an, denn sie sah in den damals meist elenden Behausungen in den Mietskasernen, in denen die ArbeiterInnen wohnten, nicht nur einen Hort des Alkoholismus, sondern die engen Verhältnisse förderten in ihren Augen auch sittenwidriges Verhalten. So entstanden hierzulande nach und nach Reihenhäuser und ganze Siedlungen– wenn auch nicht unbedingt für die gesamte Arbeiterschaft, so doch zumindest für die Vorarbeiter und ihre Familien.

 

Ganz uneigennützig war dieser Einsatz der Patrons für bessere Wohnbedingungen aber kaum.

Natürlich hatten diese Arbeiterhäuschen diverse, je nach Blickwinkel, Vor- bzw. Nachteile: Wer in einem Haus seines Patrons lebte, konnte meist seinen Job nicht wechseln, ohne auch das Haus zu verlieren. Umgekehrt hatten die Arbeiter mit ihrem Reihenhaus erstmals etwas, das sie ihren Nachkommen vererben konnten. Zuvor war Vererben ein Privileg der Ober- und Beamtenschicht gewesen. Für Friedrich Engels war dennoch klar, dass das Eigenheim die Proletarier an die Scholle kettet, sie unbeweglich macht, ihren Kampfgeist lähmt und ihre Widerstandskraft gegen die Lohndrückerei der Fabrikanten bricht. Engels wusste offensichtlich, wovon er sprach, er war bekanntlich Textilfabrikant… Kurz: Einmal auf das Einfamilienhaus als soziologisch, gesellschaftspolitisch und nicht zuletzt raumplanerisch bedeutendes Phänomen aufmerksam geworden, liess mich das Thema nicht mehr los – zumal ich gleich noch eine weitere Entdeckung machte.

 

Welche?

Wenn ich in meinem Umfeld erzählte, dass ich mich mit dem Einfamilienhaus befasste, gab es hauptsächlich zwei Reaktionen. Die einen schauten mich ungläubig an und fanden, das «Hüsli» sei etwas so Banales, Langweiliges, dass es sich nicht lohne, sich damit zu befassen. Die anderen monierten, der Architekt und Stadtwanderer Benedikt Loderer habe doch das, was an diesem Thema interessant sein könnte, bereits gesagt und geschrieben.

 

Sie aber sehen das offensichtlich anders.

Über Benedikt Loderers radikalen Ansatz bis hin zur Forderung, alle Einfamilienhäuser plattzumachen und durch Blockrandbebauungen zu ersetzen, könnte man angesichts des Bedarfs nach günstigem Wohnraum und der Knappheit an Bauland diskutieren. Meine Vorstellungen gehen eher in Richtung dessen, was Stefan Kurath unter anderem in seinem Beitrag «Die Unschuld des Einfamilienhauses» in der Zeitschrift TEC21 vorschlägt, nämlich, mit dem Bestand zu arbeiten und neue Möglichkeiten des Verdichtens auszuloten.

 

Wie muss man sich das vorstellen?

Das klassische Einfamilienhaus-Quartier erfährt gerade eine tiefgreifende Transformation. Viele BesitzerInnen aus der Babyboomerzeit der 1970er- und 1980er-Jahre kommen langsam in ein Alter, wo man sich nach einer praktischen, zentral gelegenen, hindernisfreien Wohnung im Zentrum umsieht. Da steht also ein Generationenwechsel an. Und damit auch die grosse Gelegenheit, das Einfamilienhaus neu zu denken. Das Bauen im Grünen liegt nicht mehr drin, und gleichzeitig hat es in vielen Agglomerationsgebieten zahlreiche bereits bebaute, aber deutlich unternutzte Flächen und Gebäude. An diesen Punkten ist anzusetzen. Da sind auch die Kommunen gefordert. Und die Hausbesitzer beziehungsweise deren Erben.

 

Das tönt einfacher, als es vermutlich ist?

Mit dem Lockdown hat das Einfamilienhaus eine überraschende Aufwertung erfahren: Wer ein Haus mit Garten hat, kann sich ungestört und ohne Maske draussen an der frischen Luft aufhalten. Das ist ein grosses Privileg, und es hat dazu geführt, dass es sich einige ältere HausbesitzerInnen in letzter Minute anders überlegt haben, obwohl der Hausverkauf und der Umzug in eine Altersresidenz bereits eingefädelt waren. Auf der anderen Seite – und aus denselben Gründen – ist der Run auf Einfamilienhäuser zurzeit gewaltig. Das treibt die Preise noch mehr in die Höhe, was es vor allem jungen Familien erschwert bis verunmöglicht, ihren Traum vom eigenen Haus zu realisieren. Ohnehin können sich nur noch zehn Prozent der MieterInnen ein Eigenheim leisten; also nicht einmal mehr Lehrer oder Beamtinnen. Dazu kommt, dass die Banken die Regeln für die Vergabe von Hypotheken verschärft haben. Dennoch geben nach wie vor 80 bis 90 Prozent der jungen Menschen in Befragungen an, sie wünschten sich ein eigenes Haus. 

 

Dies, obwohl das Haus ja eben kein eigenes ist, sondern mehrheitlich der Bank gehört, und obwohl es bekanntlich überall doofe Nachbarn haben kann: Wie erklären Sie sich das?

Das Haus verkörpert einen hohen Wert in dem Sinne, dass man sich dort selbst verwirklichen, seine Räume selbst gestalten und sich unabhängig fühlen kann. Das lässt einen die Nachteile vergessen, die nebst allfälligen Problemen mit Nachbarn auch darin bestehen, dass man oft auf ein Auto angewiesen ist oder dass das ganze Eigenkapital im Haus gebunden ist und man sich über beide Ohren verschuldet hat. Und wenn die Kinder gross sind, sitzen häufig zwei Menschen oder auch nur eine Witwe allein in einem viel zu grossen Haus.

 

Dann wird das Haus zu dem, wovon das 11. Kapitel handelt, zum «Klotz am Bein»?

Ja, und das eben Geschilderte ist noch die ‹positive› Variante: Verliert ein Partner den Job oder lässt sich ein Paar scheiden, dann geht das Haus an die Bank zurück und/oder jemand zieht den Kürzeren und hat nach Abzug von Alimenten, Unterhaltszahlungen und der Miete für eine kleine Wohnung kaum mehr flüssige Mittel. Auch die Mobilität, die heute in vielen Berufen gefordert ist, beisst sich mit dem Gedanken vom Häuschen als sicherem Hafen: Was, wenn die Firma ihre Produktion beispielsweise vom Zürcher Oberland in die Romandie verlegt? Neuen Job suchen oder Haus verkaufen?

 

Sie sind selbst Hausbesitzer – als Mieter hätten Sie wohl ein anderes Buch geschrieben?

Ich hoffe natürlich schon, mit der nötigen Distanz geschrieben zu haben… Mein Interesse fürs Thema hat sicher auch mit meinem Status als Hausbesitzer zu tun. Meine Frau und ich kauften vor bald 30 Jahren dank Erbvorbezug ein altes Doppeleinfamilienhaus in Nähe des Trümplerareals in Uster. Seither investierten wir ein kleines Vermögen in den Innenausbau, in ein neues Dach und was sonst noch alles gemacht werden musste. Am naturnahen Selbstversorger-Garten mit Obstbäumen und Beerensträuchern haben wir nach wie vor eine Riesenfreude. Wir sind ja auch beide so aufgewachsen. Unterdessen sind unsere Kinder ausgezogen, ich gehe auf die 70 zu und irgendwann müssen wir uns mit der Zukunft befassen und was mit unserem Haus passieren soll.

 

Das 12. Kapitel schildert unter dem Titel «Auto und Zersiedelung. Der Verkehr als heimlicher Raumplaner» eindrücklich, dass das Hüsli nicht der Hauptschuldige in Sachen Zersiedelung ist.

Der grosse Hype um das Hüsli im Grünen wurde tatsächlich nur deshalb möglich, weil in der Schweiz ab den 1960er-Jahren ein Autobahnnetz entstand, die Wirtschaft boomte und weil gleichzeitig das Benzin wie auch das Heizöl spottbillig waren. Ersteres heizte den Bauboom fernab der Zentren an, während letzteres dazu führte, dass die Häuser aus jener Zeit lausig gebaut wurden: Es kam schlicht billiger, ins Freie raus zu heizen, als in eine anständige Isolierung zu investieren. Die Gemeinden rieben sich damals die Hände und hofften auf gute Steuerzahler. Sie zonten Landwirtschafts- in Bauland ein, was die Bauern freute, die mit dem Hüsli-Rausch reich wurden. Dass diese Rechnung nicht aufging, weil die Ausgaben für die nötige Infrastruktur höher waren als die Steuereinnahmen der Neuzuzügerinnen, merkten sie erst viel später. Es wurde gebaut und gebaut, eine Wiese um die andere war bald mit Häusern, Zufahrtsstrassen und Infrastrukturbauten zugebaut. Der Peak war in den 1980er-Jahren erreicht, als in einem einzigen Jahr schweizweit 17 000 neue Einfamilienhäuser entstanden.

 

So könne es nicht weitergehen, halten Sie fest: Auch das ist einfacher gesagt als getan.

Diese Erkenntnis hat sich erst im Lauf der letzten rund 20 Jahre durchgesetzt, und von der Erkenntnis zum Handeln ist es nochmals ein grosser Schritt. Trotz Raumplanungsgesetz unternehmen Staat und Gesellschaft viel zu wenig gegen die Zersiedelung. Die ländlichen Kantone machen Druck, ausserhalb der Bauzonen bauen zu dürfen. Und bei uns im stark verbauten Mittelland gibt es viele Hindernisse, wenn alte, gewachsene Quartiere verdichtet werden sollen. Aber es bieten sich eben auch Chancen. In ihrem Buch «Meta­morpHouse – Strategie zur sanften Innenentwicklung» bietet Mariette Beyeler eine 200-seitige Anleitung, wie man Einfamilienhausquartiere verdichten und Häuser im Bestand durch Auf- oder Anbauten fürs Mehrgenerationenwohnen ertüchtigen kann. 

 

Nicht alles, was technisch machbar ist, dürfte bei den HausbesitzerInnen auf Anklang stossen…

Wohnraum zu schaffen für Dritte ist ein heikles Thema. Nicht jeder Hausbesitzer kann sich vorstellen, mit einem Mieter unter demselben Dach zu leben. In unserem Haus mit 130 Quadratmeter Wohnfläche wäre das zum Beispiel baulich schwierig. Anderseits hätte es in unserem Garten schon Platz für ein Tiny House. Aber um ehrlich zu sein: Das würde uns schwerfallen, da wir ihn integral für Gemüse und Obstbau nutzen. Zudem: jede Grünlücke im Quartier zubauen macht auch keinen Sinn. Es gibt aber noch andere Möglichkeiten: In Winterthur taten sich zwei benachbarte und befreundete Hausbesitzer zusammen; das eine Paar verkaufte sein Haus, und mit diesem Geld bauten die beiden das Haus des anderen um und nun wohnen beide dort. Denkbar wäre auch dies: Ein älteres Ehepaar, das im eigenen, zu grossen Haus nur noch 400 Franken fürs Wohnen bezahlt, tauscht mit einer jungen Familie, deren Wohnung im Zentrum 3000 Franken Miete kostet: Die Familie übernimmt die 400 Franken Hypothek und zahlt dem Ehepaar zusätzlich 2600 Franken Miete pro Monat, sodass die Rechnung für beide aufgeht. Eine solche Wohntauschbörse könnte die Gemeinde aktiv bewirtschaften.

 

Tönt gut – dürfte aber eher die Ausnahme sein?

Es gibt tatsächlich viele Hürden, und manchmal stehen guten Ideen auch ‹nur› die gemäss Bauordnung vorgeschriebenen Grenzabstände oder die maximal zulässigen Ausnützungsziffern im Weg. Zudem ist in der Schweiz Privateigentum bekanntlich heilig. Das zeigt sich auch, wenn jemand nicht nur sein altes Haus sanieren, sondern auf seiner Parzelle einen Ersatzneubau mit vier Wohnungen realisieren möchte: Dass alle Hausbesitzer rundherum subito Einsprache erheben, sei es wegen des Grenzabstands, möglichen Schattenwurfs oder angeblich zu befürchtender Wertverminderung des eigenen Grundstücks, ist hierzulande eher die Regel als die Ausnahme. Einigt man sich nicht, ist oft eine jahrelange Blockade die Folge. Hier müssten die Gemeinden eingreifen dürfen, und auch sonst müssten sie den Prozess der Transformation von alten Einfamilienhausquartieren aktiver vorantreiben, finde ich. Aber eben: Eigentum ist heilig.

 

Hartmann, Stefan: (K)ein Idyll – Das Einfamilienhaus. Eine Wohnform in der Sackgasse. Mit Fotoessay von Reto Schlatter. Triest Verlag für Architektur, Design und ypographie, Zürich 2020, 176 Seiten, 39 Franken.

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