Wohnen, Wärme, Velo

Der Zürcher Gemeinderat hat den Ersatzneubau der Wohnsiedlung Hardau I sowie den Ausbau des Fernwärmenetzes gutgeheissen, das letzte Wort dazu haben die Stimmberechtigten im November. Für die VelofahrerInnen rückt zudem nach 18 Jahren Hin und Her endlich die durchgängig befahrbare Langstrasse in Griffnähe.

 

An der ersten Sitzung nach den Sommerferien nahm sich der Zürcher Gemeinderat die städtische Wohnsiedlung Hardau I an der Hardstrasse 23 bis 39 vor, die durch einen Neubau ersetzt werden soll. Kommissionssprecherin Anjushka Früh (SP) erklärte, die vor fast 60 Jahren erbaute Siedlung entspreche nicht mehr heutigen Bedürfnissen und auch nicht den aktuellen Standards in Bezug auf Wohnungsgrössen, Wohnungsmix, Energieeffizienz, Lärmschutz und Hindernisfreiheit.

 

Indem ein Ersatzneubau errichtet werde, liessen sich zudem die Ausnützungsreserven ausschöpfen: Statt der heutigen 80 Wohnungen wird die Siedlung neu 122 Wohnungen umfassen, die Anzahl BewohnerInnen erhöht sich von rund 150 auf 400. Im Erdgeschoss sind unter anderem Gewerberäume, Ateliers und ein Kindergarten geplant, und auch das Personalmeldeamt zieht dorthin. Der Grossteil der Wohnungen hat vier und mehr Zimmer und ergänzt damit die Siedlung Hardau II mit ihren vorwiegend kleineren Wohnungen. Vermietet wird wie üblich zur Kostenmiete. Die Überbauung wird zudem als autoarme Siedlung konzipiert: Ein Teil der heutigen Autoparkplätze wird abgebaut oder in die Einstellhalle in der Siedlung Hardau II verschoben. Dafür sind 400 Veloabstellplätze geplant. Den Wettbewerb für den Ersatzneubau führte das Amt für Hochbauten 2017 durch, das Siegerprojekt Laurel & Hardy von Graber Pulver Architekten AG aus Zürich wurde im Sommer 2018 vorgestellt (vgl. P.S. vom 29. Juni 2018). Der Objektkredit beläuft sich auf 70,7 Millionen Franken. Die Mehrheit der Kommission unterstütze die Vorlage, sagte Anjushka Früh.

 

Zum Rückweisungsantrag der SVP führte Martin Götzl aus, mehr Wohnungen und Platz fürs Gewerbe seien zwar zu begrüssen. Doch der Bodenwert sei mit lediglich 800 Franken pro Quadratmeter viel zu günstig veranschlagt, marktüblich wären «mittlere vierstellige Beträge». Zudem stört die SVP der Abbau der Parkplätze bei gleichzeitigem Ausbau der Veloabstellplätze. Götzl ärgerte sich auch darüber, dass die FDP, die seinerzeit den Projektierungskredit abgelehnt habe, jetzt für die Vorlage stimmen werde. Përparim Avdili (FDP) erklärte, die SVP befinde sich offensichtlich im Wahlkampfmodus. Seine Fraktion hingegen würde «natürlich eine andere Wohnpolitik machen, wenn wir die absolute Mehrheit hätten», doch hier sei «Realpolitik» gefragt. Mit 99:17 Stimmen lehnte der Rat den Rückweisungsantrag ab und hiess die Vorlage mit 98:17 Stimmen gut.

 

Ein Schritt in Richtung 2000-Watt-Gesellschaft

Nach einer Vorlage, die im Zürcher Gemeinderat in jüngerer Vergangenheit gefühlt alle drei Wochen auf der Traktandenliste steht – das Bewilligen mehrerer zusätzlicher Züri-Modular-Pavillons auf diversen Schulanlagen –, nahm sich der Rat den Ausbau der Fernwärmeversorgung in den Quartieren Wipkingen, Oberstrass, Unterstrass, Aussersihl sowie den Gebieten Guggach und Zürich-West/Sihlquai im Zeitraum 2022–2040 vor. Dafür galt es, einen Rahmenkredit von 330 Millionen Franken sowie eine Vorfinanzierung mit 40 Millionen Franken zu beschliessen. Kommissionssprecherin Barbara Wiesmann (SP) erklärte, der geplante Ausbau trage «massgeblich» dazu bei, dass Zürich seine Ziele bezüglich 2000-Watt-Gesellschaft erreichen könne. Gebäude, die an das Fernwärmenetz angeschlossen seien, brauchten keine eigenen Anlagen mit fossiler Energie mehr. Das verringere den CO2-Ausstoss.

 

Zwar nicht inhaltlich dagegen, aber für ein anderes Vorgehen war die GLP, wie Ronny Siev ausführte: Seine Fraktion wolle den Rahmenkredit nur bis 2030 und nur im Umfang von 149 statt 330 Millionen Franken sprechen. Im Jahr 2030 stünde dann eine Evaluation an, und je nachdem, welche Erfahrungen man bis dann gemacht haben werde, könnte die zweite Tranche gesprochen werden. Ohne «Marschhalt» 20 Jahre voraus zu planen wäre hingegen nicht klug – was würde zum Beispiel geschehen, falls die Bemühungen zur Abfallvermeidung künftig so erfolgreich wären, dass nicht mehr genug Abfall zur Verbrennung da wäre?

 

Die SVP lehne die Vorlage ab, stimme aber für den Vorschlag der GLP, sagte Derek Richter. Den «Heissdampf» aus dem Hagenholz nur für «Sanitär und Wohnungen heizen» zu nutzen, sei falsch. Zudem operiere  das Fernwärmenetz mit einer Leitung über die ganze Stadt, und gebe es einen Schaden, dann müssten ganze Quartiere kalt duschen. Markus Kunz (Grüne) erinnerte unter anderem daran, dass die Stimmberechtigten bereits vor einigen Jahren eine Verbindungsleitung für rund eine halbe Milliarde Franken bewilligt haben. Zudem werde zumindest in den nächsten 20, 30 Jahren der Abfall nicht ausgehen. Tiefbauvorsteher Richard Wolff fügte an, den Kredit zu etappieren, sei gar nicht erlaubt, den Stimmberechtigten müsse von Anfang an die Gesamtsumme vorgelegt werden. Den Antrag der GLP lehnte der Rat mit 78:42 Stimmen ab, den Rahmenkredit hiess er mit 102:17 Stimmen bei einer Enthaltung gut, und zur Vorfinanzierung sagte er mit 101:17 Stimmen Ja.

 

Velorouten-Lücke geschlossen

Zu später Stunde stand schliesslich noch die verkehrsarme Langstrasse auf dem Programm: Markus Knauss (Grüne) blendete zurück bis zu einer Petition von Pro Velo sowie einer Motion des heutigen Finanzvorstands Daniel Leupi und des ehemaligen CVP-Gemeinderats Robert Schönbächler aus dem Jahr 2003, die eine Vorlage «für eine bessere Verkehrsführung an der Langstrasse» verlangt hatten. Seither gabs Projekte, Rechtsfälle etc. etc., P.S. berichtete mehrmals, für eine ausführliche Zusammenfassung wäre wahrscheinlich eine Sondernummer nötig …

 

Kurz: Der Knackpunkt aus VelofahrerInnen-Sicht ist das Fahrverbot in Fahrtrichtung Helvetiaplatz ab der Militärstrasse bis zur Kreuzung mit der Hohlstrasse, das zu Umwegen zwingt oder Velofah­rerInnen, so sie verbotenerweise die Busspur befahren, Bussen beschert. Nun soll in der Langstrasse im Abschnitt Brauer- bis Dienerstrasse ein Tagesfahrverbot für den motorisierten Individualverkehr signalisiert werden. Die separate Busspur und das Einbahnregime in der Langstrasse im Abschnitt Hohl- bis Militärstrasse werden aufgehoben. Als Grund dafür, weshalb es so lange gedauert hat, nannte Knauss das «komplexe, historisch gewachsene Verkehrsregime» und dass für die Umsetzung der «Segen des Kantons» nötig war. Mit 80:36 Stimmen (von SVP und FDP) hiess der Rat einen Objektkredit von 5,06 Millionen Franken für die Neugestaltungsmassnahmen und den Lärmschutz im Projekt verkehrsarme Langstrasse im Abschnitt Stauffacher- bis Dienerstrasse sowie Ankerstrasse und Kanonengasse, Abschnitt Molken- bis Lagerstrasse gut. Damit werde für den Veloverkehr zwischen den Kreisen 3, 4, 5 und 6 eine «empfindliche Lücke» geschlossen, freute sich Knauss.

 

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